Interviews mit queeren Slammer*innen

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(c) Felix Kempter  & Pierre Lippuner

Unser Autor Sven Hensel ist selbst als Slammer im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs, zudem veranstaltet er einen Queer Slam in Dortmund. Und jetzt hat er für uns auch noch Interviews mit queeren Slammer*innen aus Deutschland und der Schweiz geführt! Die ersten beiden haben wir heute schon für euch. Und los geht’s!

Felix Kempter, Deutschland

Sven: Wer bist du, hast du ein Label und seid wann trittst du auf?

Felix: Meist, wenn wer fragt, sage ich bi, aber ich verlieb‘ mich in Menschen und keine Geschlechter. Panmag ich für mich nicht als Label, weil ich dabei immer an griechische Fabelwesen denken muss- Mir ist der Mensch wichtig, egal welche Pronomen. Hauptsache ist, die Gefühle sind da. Ich bin seit fünf Jahren Poetry Slammer und seit neun Jahren stehe ich mit Musik auf der Bühne.

Sven: Ist deine queere Identität auf der Bühne ein Gesprächspunkt, und wenn ja, warum?

Felix: Bei mir ist die queere Identität immer implizit, ich achte, wenn es um Liebe geht, auf geschlechtsneutrale Wortwahl, besonders in der Musik, aber auch in Texten.
Ich habe zwei explizit queere Texte in Bezug auf Männer, in denen es darum geht, dass Männer unglaublich sexy sein können. Ich habe auch fast einen Sextext fertig.

Sven: Worüber schreibst du sonst so?

Felix: Gute Frage, ich schreib‘ viel über Liebe, ist halt ein großes Thema für mich. Ansonsten, klingt vielleicht doof, aber die sonstigen Texte lassen sich mit Zahlen und Missstände zusammenfassen: Politische und passionierte Texte, die sich dann doch mit Binaritäten auseinandersetzen.

Sven: Wie fühlt es sich für dich als queerer Mensch Backstage/Szeneintern an?

Felix: Also in der Szene selbst fühle ich mich wohl, da habe ich nie irgendwelche negativen Erfahrungen gemacht. Vor meinem eigenen Outing wurde ich wegen meines Auftretens von anderen als schwulgelabeled, die sind da einfach mal von ausgegangen, obwohl ich schon mit einer Freundin mal zu Veranstaltungen gegangen bin. Deswegen hab‘ ich keine Ahnung, ob die mich anders behandelt hätten, kann man positiv oder negativ sehen. Aber an und für sich ist für mich der Backstage ein Safe Space, weil der Ruhrpott (wo ich lebe und auftrete) viele offen queer lebende und performende Poet*innen hat. Im Ruhrpott trifft man selten auf Antihaltung, wenn queere Texte gelesen werden, anderorts sind die Leute dem aber teils etwas überdrüssig und schweifen mit der Aufmerksamkeit ab, wenn mehr als ein queerer Text vorgetragen wird.

Sven: Was wünschst du dir für die Zukunft von Queerslam und Poetry Slam überhaupt?

Felix: Ich fände es schön, wenn das Publikum die Texte mehr einzeln bewertet und für sich sieht, weil die Sexualität nicht ausschlaggebend für den Inhalt derer ist. Ich mag alle Liebestexte, die sollen alle gleich behandelt werden, mit offenen Ohren, und die Bühne sollte für alle ein Safe Space sein, egal ob hinter, vor oder auf ihr.

***

Jonin Herzig, Schweiz

Sven: Wer bist du, hast du ein Label und seit wann trittst du auf?

Jonin: Ich bin Jonin Herzig, meine Labels sind transmaskulin und queer. Ich trete seit 2014 auf Slam Bühnen auf.

Sven: Ist deine queere Identität auf der Bühne ein Gesprächspunkt, und wenn ja, warum?

Jonin: Ja ist sie, besonders meine Transidentität. Einerseits weil es besonders zu Beginn meiner Transition für mich persönlich sehr wichtig war, um mich in meiner Identität zu bestärken, aber auch dem Publikum, Mitauftretenden und Veranstaltenden meine neu ausgelebte Identität klarzumachen. Ich slammte bereits seit vier Jahren, weshalb es oft einfacher war, meine Identität auf der Bühne zu thematisieren, anstatt jeder*m Einzelnen direkt zu erklären. Andererseits, was heute mehr der Fall ist, weil es mir wichtig ist, dass queere Themen auf Bühnen thematisiert werden – und zwar von queeren Menschen. Dass wir selbst unsere Geschichten und Erfahrungen direkt erzählen können und es nicht in der Versenkung verschwindet oder andere, also cisheteroMenschen unsere Geschichten – womöglich verfälscht und aus einer cisheteronormativen Perspektive erzählen.

Sven: Worüber schreibst du sonst so?

Jonin: Über alles und nichts! Nein, meistens sind es (gesellschafts-) politische Themen und Fragen, die in meinen Leben auftun und mich beschäftigen.

Sven: Wie fühlt es sich Backstage/Szeneintern für dich als queerer Mensch an?

Jonin: Eigentlich sehr gut. Es sind ja auch nicht wenige queere Menschen an Slams unterwegs. Aber am Anfang meiner Transition war es schwierig für mich, da ich selbst noch sehr unsicher war und ich oft nicht wusste, wer jetzt genau schon vom neuen Namen und den anderen Pronomen wusste. Leute aufzuklären und bei Fehlern zu korrigieren, war oft anstrengend, was heute für mich nicht mehr der Fall ist, einerseits weil alle jetzt wissen, dass ich jetzt Jonin heisse, andererseits weil ich glaube, dass in der letzten Zeit die Awareness für queere Themen szeneintern gestiegen ist und sich so heute immer wieder sehr schöne und wichtige Gespräche in Backstages ergeben.

Sven: Was wünscht du dir für die Zukunft von Slam, Queerslam und beidem zusammen?

Jonin: Dass es weiter in die Richtung geht, die heute schon da ist. Dass weiter über queere Themen im Slamkontext gesprochen wird, dass weiter anständig und respektvoll gefragt wird, wenn sich Leute unsicher sind, wenn es zum Beispiel um Heteronormativität auf Bühnen oder geschlechtsneutrale (An-) Moderationen geht. Und natürlich ganz wichtig, dass weiterhin und noch mehr queeren Menschen Bühnen geboten werden.

Mehr dazu:

Ich heiße Sven Hensel, bin 95er Jahrgang, und (laut Trivial Pursuit) genauso groß wie der bundesdeutsche Durchschnitt. Ich trete seit 2014 bei Poetry Slams auf und arbeite im queeren Jugendzentrum Sunrise in Dortmund. Für mich ist es wichtig, die Selbstverständlichkeit von Queerness vorzuleben, sowohl im Alltag als auch auf der im Beruf, und diesen Fokus findet man auch in meinen Texten wieder. Viel Spaß beim durchscrollen!

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