Rundballtreten nur für Penisträger?

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Jasmin war als Betreuerin der Gruppe von „Was geht Almanya“ im letzten Jahr beim Meintesgelände-Workshop „Rundballtreten nur für Penisträger?“ dabei. Was sie daran spannend fand, obwohl sie mit Fußball nichts am Hut hat und warum sie die Gruppe auch beim nächsten Mal wieder begleiten würde lest ihr in ihrem Bericht zu dem Workshop.

Ein neuer Workshop wird von Meintestgelände angeboten! Gespannt klicke ich auf die Nachricht und lese „Rundballsport nur für Penisträger?“ Penisträger- gut, das hat sich mir schnell erschlossen, aber Rundballsport?! Gibt es eine Ballsportart, die keinen runden Ball beinhaltet, außer den American Football und Rugby? Weiter unten in der Nachricht wird Fußball erwähnt. Fußball, mal wieder. Als nicht-Fan im Pott ist es schwer, nicht Fußball-verdrossen zu sein. Fußball ist immer präsent und alle rasten komplett aus. Das alltägliche Leben wird eingeschränkt. Ganz klar, ich habe an sich nichts gegen Fußball. Mir ist der Sport herzlich egal, wie Golfen. Selber spielen macht Spaß (wahrscheinlich auch beim Golf), jedoch war ich noch nie im Stadion (steht noch auf meiner to-do Liste, aber leider weigern sich viele „Penisträger“ eine Frau mitzunehmen) und über den Fernseher kann bei mir kein Enthusiasmus ausgelöst werden. Gähnend langweilig und wenn jemand stolpert und schlecht schauspielert, werde ich lediglich wütend. Auch über diese unverschämten Gehälter, (ich meine) ich bitte euch, haben die 1.000.000 Menschen vor dem Hungerstod bewahrt?! Welche Handlung oder Leistung genau rechtfertigt das?

Und über diese Reklamebombardierung während irgendwelchen Spielen rege ich mich auf. Interessant, wie auch absurd, finde ich auch, was alles plötzlich trotzdem männlich ist. Männer die weinen, Männer, die sich gegenseitig den Hintern versohlen, Männer, die verschwitzt kuscheln und lange drücken und Männer, die zeigen, dass sie Schmerzen haben. Alles öffentlich und keiner denkt, dass alle auf dem Platz homosexuell oder keine „richtigen“ Männer sind. Abseits vom Stadion ist diese Facette der Männlichkeit kaum zu bemerken.

Ja, es ist schwer nicht ein Anti-Fußballfan, als nicht-Fan in Deutschland zu sein.

Während bei alle Gedanken zu Fußball gefühlt gleichzeitig in mein Hirn schießen, brummt mein Handy. Die Jungs von Was-geht Almanya wollen auf jeden Fall zum Workshop nach Hannover. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich niemals ein kostbares Wochenende für das Thema Fußball, außer schlecht selber spielen oder ins Stadion gehen, opfern würde. Niemals. Allerdings melden sich meine positiven Erfahrungen mit den Workshops von Meintestgelände. Ich hatte immer Spaß! Außerdem wird ein Historiker den Workshop leiten. Fußball und ein Historiker? Ich kann meine Neugierde definitiv nicht mehr verleugnen. Weil die Minderjährigen eine Begleitperson brauchen und ich eigentlich keinen Grund habe, nicht daran teilzunehmen, melden wir uns an.

Der Tag des Workshops naht und ein guter Freund denkt immer noch, dass ich ihn veräppel. Ich fliehe sogar vor Fifa. Wir machen uns auf den Weg und kommen wohlbehalten an. Die Jugendherberge ist super. Das Essen ist regional und für jeden etwas dabei, check. Ich freue mich wie immer, Robert wieder zusehen und auf die neuen und bereits bekannten Gesichtern. Nach dem Abendessen finden wir uns zusammen und Jan, der Workshopleiter / Historiker, stellt sich vor und was er die nächsten Tage mit uns vorhat. Wir dürfen etwas den Ablauf mitbestimmen, was uns natürlich gefällt. Spielerisch leicht erklärt uns Jan verschiedene Fachbegriffe und die verschiedenen Szenen / Subkulturen. Da es Abend ist und alle heute erst angereist sind, ist der entspannte Einstieg für uns ideal. Jeder ist neugierig und will sich weiter mit dem Thema beschäftigen. Am nächsten Tag starten wir früh, aber Jan schafft es, alle wieder ins Boot zu holen. Wir lernen verschiedene Begrifflichkeiten und Ausnahmeerscheinungen, wie die erste weibliche Trainerin einer Herrenmannschaft. Der offensichtliche Sexismus im Fußball wird benannt und thematisiert. Der Rassismus wird auch aufgezeigt. Was ich besonders spannend finde, ist, dass Fußball früher im WK 2 zum Erhalt der Fitness der Soldaten genutzt wurde. Klar, quasi jeder kennt die Begriffe wie Angriff, Abwehr, Sturm, Verteidigung usw., jedoch habe ich mir nie bewusst gemacht, wie aggressiv die Worte klingen und was der eigentliche Ursprung seien könnte. Oder dass im KZ die Häftlinge gegen die Wärter antreten mussten. Natürlich sollten sie verlieren, um die Überlegenheit zu demonstrieren. Ich habe dies zwar mal online gelesen, aber es war trotzdem sehr wichtig. Auch die kurze Vorstellung von Julius Hirsch, einem jüdischen Deutschen, der als erster deutscher Nationalspieler vier Tore in einem Spiel erzielte und ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt und ermordet wurde, hinterließ einen starken Eindruck in der Gruppe.

Wir durften uns Thematiken selber erarbeiten und uns gegenseitig präsentieren. Meine Gruppe hatte z.B. u.a. den Begriff der „Spornosexualität“ Ich kannte Metrosexualität, geprägt von Beckham, durch diese Unterhöschen Werbung, aber Spornosexualität?! Es ist interessant, wie der Fußball und die Spieler nicht davon verschont blieben.

Der Druck auf junge Spieler ist mir von anderen Leistungssportlern bekannt, auch wenn hier natürlich mehr Geld hinter steht und was wahrscheinlich schlimmer im Falle eines „Scheitern“ ist, der Fokus der Öffentlichkeit.

Rückblickend betrachtet war der Workshop sehr interessant und es hat sich definitiv gelohnt. Meintestgelände hat uns eine super Gelegenheit geboten sich mit den hoffentlich anstehenden Wandel im patriarchalen Fußballsystem auf einer informativen wie auch Gefühlsebene auseinander zu setzen. Die Gruppe von Was-geht- Almanya war begeistert von dem Workshop, natürlich auch weil ihre Leidenschaft für Fußball nicht als nebensächlich abgestempelt wurde. Gerade die Diskussionsrunden sind ihnen und mir besonders positiv in Erinnerung geblieben. Die männlichen Teilnehmer haben sich ganz natürlich auch mit ihrer eigenen Männlichkeit auseinander gesetzt und in Frage gestellt. Wie wollen sie sein und welche Erwartungen werden an ihnen gestellt?

Fußball steht nun einmal auch oftmals repräsentativ für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Ich hatte die Möglichkeit mich mit diesen und folglich auch mit mir selbst in Bezug auf die Problematik auseinander zu setzen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Meintestgelände hat uns die Möglichkeit geboten uns auf Augenhöhe mit verschiedenen gesamtgesellschaftlichen Problematiken anhand von Fußball auseinanderzusetzen, durchzusprechen und zu diskutieren. Ich würde wieder zu dem Thema einen Workshop besuchen, auch wenn ich weiterhin umschalte oder meinen Wocheneinkauf erledige, wenn Fußball läuft.

Jasmin

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