Die Weltverbesserin: Paloma in Action

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Zum Interview erscheint Paloma Olszowka in einem Glitzer-Kleid und einer Kapuzen-Jacke voller Sterne, mit ihrer Assistentin Lisa und ihrem Freund Kai. Die 25-Jährige ist Bloggerin, YouTuberin, spielt Theater, entwarf Mode für Rollstuhlfahrer*innen und saß in im Mädchenbeirat von der Frauenstiftung Filia. Weil die Mettmannerin gerade Urlaub in Hamburg macht, konnten Dennis Seidel und Daniela Chmelik von den Story-Tellern sie dort in einer Bar persönlich treffen. Was für ein Glück!

Paloma ist ein fröhlicher Mensch. Sie sprüht vor Tatenkraft. Ihr Name kommt aus dem Spanischen und bedeutet Taube, Friedenstaube. Paloma ist auf Gran Canaria zur Welt gekommen, zehn Wochen zu früh und mit Sauerstoffmangel, der zu Tetraspastik führte. Wegen dieser Behinderung ist Paloma im Rollstuhl unterwegs. Auch ihr Freund Kai hat Tetraspastik. Anders als Paloma braucht er aber keinen Rollstuhl. Und ebenso wie Paloma ist auch er nicht kognitiv behindert, also nicht im Kopf, sondern ausschließlich körperlich.

„Bei mir führt die Tetraspastik dazu, dass mein Gang manchmal nicht maximal elegant ist,“ sagt er, nippt an seinem Bier und grinst. Kai hat vor zwei Jahren Abitur gemacht und studiert nun Kommunikationswissenschaften. Paloma hat fürs Studieren keine Zeit. Sie versteht ihren Namen als Auftrag: Sie will der Welt Frieden bringen!

„Es braucht viele Menschen, die daran arbeiten, dass es keinen Hass mehr gibt und keinen Krieg“, sagt sie: „Ich kämpfe dafür, dass die Welt besser wird. Wir müssen klein anfangen, die Welt in die richtige Richtung zu wenden. Ich hatte schon mit 6 Jahren die Erkenntnis, dass ich dazu beitragen kann, die Welt besser zu machen.“ Ihr Freund Kai lächelt und streichelt Palomas Hand.

„Menschen mit Behinderungen sind auch normal!“ Auch das will Paloma vermitteln. Dafür leistet sie Öffentlichkeitsarbeit: über ihren Youtube Kanal „Paloma in Action“, ihren Blog, im Theater, mit Kursen und Projekten. Aktuell arbeitet sie an einem Buch über verschiedene Krankheiten und Behinderungen, für Leser*innen ab 10 Jahren.

„Ich will Aufklärungsarbeit darüber leisten, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Menschen sind“, ruft sie. Die Menschen in der Bar, in der wir sitzen, drehen sich zu uns um. Aber eigentlich bemerken Dennis und ich das gar nicht. Zu sehr sind wir beeindruckt von Paloma. Gut möglich, dass Dennis‘ nächste Papierpuppe Paloma heißt. Die aktuelle ist ja Lara, nach Lara Croft.

„Oft wird man wird durch die Gesellschaft behindert. Das muss man verändern. Man muss Barrieren abbauen in den Köpfen. Augen auf – jeder Mensch ist wunderbar!“ Paloma spricht mit fester Stimme, und ich freue mich, dass die Menschen um uns herum zuhören.

„Wie bist du so … so cool, so tough geworden?“, frage ich beeindruckt und denke: Ich bin ein Emoji mit Herzen in den Augen. Paloma antwortet: „Das Leben ist nicht immer rosig. Es hält viele Prüfungen bereit. Da muss man stark sein. Man muss sich durchsetzen. Jeder Mensch ist wundervoll. Ich bin immer unterschätzt worden, und ich werde immer noch oft unterschätzt. Weil ich im Rollstuhl sitze vielleicht, oder vielleicht denkt man auch, weil meine Stimme etwas eingeschränkt ist, müsste ich auch im Kopf eingeschränkt sein.“

„Aber das ist Quatsch!“

Paloma nickt und lächelt.

„Hast du auch mal Selbstzweifel?“ Ich bin neugierig. Dennis schüttelt seine Lara. „Ja. Aber dann stehe ich auf und denke: Die Welt braucht mich!“ Ich weiß nicht, wie ich ‚beeindruckt‘ noch steigern kann. Ich himmele Paloma an. „Selbstzweifel hat doch jede*r“, führt sie fort. „Weil die Gesellschaft so ist. Die redet einem diese Zweifel ein. Und die Behörden erst! Weil Aufklärungsarbeit fehlt oder nicht richtig ankommt. Es bräuchte eine Gesellschaft ohne Noten, ohne dieses Bewertungssystem. Jeder Mensch ist anders. Und ständig muss ich mich mit Behörden rumärgern. Die können mit individuellen Fällen nicht umgehen.“

„Was gibt dir diese Kraft?“

„Das Leben und die Liebe geben mir Power, mein Freund, meine Assistent*innen, Freunde, meine Projekte. Ich bin meine Lebensträume alle schon angegangen. Ich will aber noch bekannter werden, die Welt weiter bewegen, die Herzen öffnen, glücklich sein über das Leben. Wir vergessen manchmal die Welt genau anzusehen, die Vögel, die Umwelt, und all das schützen zu wollen.“

Paloma erzählt von ihrer Tätowierung, einer Weltkugel mit Herzen, die sie sich auf den Oberarm hat stechen lassen. Sie bittet ihre Assistentin ihr mit dem Kapuzenpulli zu helfen, sodass wir das Tatoo anschauen können. Es sieht wirklich schön aus.

Dann liest Dennis unsere nächste Frage vor: „Wir finden, dass ‚behindert‘ als Schimpfwort gar nicht klar geht. Wie schimpfst du?“

Paloma denkt nach, denkt länger nach und schaut zum ersten Mal ratlos drein. Dann antwortet Kai: „Paloma schimpft eigentlich nie.“

„Ja, Jugendliche schimpfen oft mit Begriffen wie ’schwul‘ oder ‚behindert‘. Ich weiß auch nicht. Vielleicht muss an Schulen diesbezüglich mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden,“ sagt sie dann. Und ihr Freund ergänzt: „Vielleicht muss es noch mehr Dialog geben über Inklusion. Also, so dass auch Menschen ohne Beeinträchtigungen erleben wie es ist mit einer zu leben und Verständnis gewinnen. Es muss mehr Berührungspunkte geben.“

Kai und Paloma haben sich bei der Lesebühne „Schall und Raucher“ in Essen kennengelernt. Paloma trat dort mit einem Poetry Slam-Text über Salz und Pfeffer auf: „Weil das Leben salzig ist und pfeffrig.“ Kai war als Gast eingeladen, trug einen Text über seinen Werdegang vor und widmete ihn spontan Paloma. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die beiden zwar noch nicht unterhalten, aber ihre fröhliche Art war ihm schon aufgefallen. Ein Fall von Liebe auf den ersten Blick. In der Pause unterhielt man sich und verstand sich super. Danach trafen sie sich immer mal wieder auf Veranstaltungen und irgendwann lud Paloma ihn zu einem Interview für ihren YouTube-Kanal ein. „Als ich ihn fragte, ist mir das Herz in die Hose gefallen“, sagt Paloma und lacht. Aber er hat zugesagt.

„Wie romantisch!“, ruft Dennis.

„Du bist so eine starke und schöne Frau!“, rufe ich.

„Danke, das höre ich oft“, grinst Paloma.

„Boah, Kai, was du für ein Glück hast!“ Ich bin ein Emoji mit Herzen überm Kopf.

„Danke, das höre ich oft“, antwortet Kai und grinst ebenfalls.

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Wir sind die Story-Teller aus Hamburg. Mit unseren Texten möchten wir von unseren Erfahrungen berichten und Denkanstöße geben.

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