Was ist Gesundheit? - Die Antwort auf Hatschi!

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Bild: Melanie.

Hallo hallo, heute kommt frisches Material von den Story-Tellern aus Hamburg auf den Tisch! Auf unterschiedlichste Art haben sie sich mit dem Thema „Gesundheit“ auseinander gesetzt.

Was ist der Unterschied zwischen Behinderung und Krankheit?

Ein Gespräch zwischen Peter Burhorn und Birgit Hohnen

Birgit: Die Behinderung kommt bei mir durch die Tetraspastik. Das hat der Arzt festgestellt. Das kann man nicht mehr heilbar machen. Das bleibt im Körper drin. Behinderung ist nicht heilbar. Eine Krankheit ist einfach, dass man sich [vorübergehend] nicht gut fühlt.

Peter: Ja, wie bei mir neulich. Aus heiterem Himmel war ich krank. Richtig krank. Die Natur hat mich geärgert. Einen Tag vorher ahnt man noch nichts Böses und am nächsten Tag … Wenn man krank ist, schaltet sich der Körper aus. Dann schwächt sich alles ab. Dann ist’s nicht mehr möglich einen Brief zum Briefkasten zu bringen.

Birgit: Wenn man behindert ist, ist man behindert. Ich bin behindert geboren. Ich kann’s jetzt nicht genauer beschreiben. Ich weiß, dass ich mit der Behinderung leben muss.

Peter: Das ist auch Selbstakzeptanz.

Birgit: Mir hat man gesagt, beim Behindert-Sein ist wichtig, dass man sich sagt: Ich bin so wie ich bin und nicht anders.

Peter: Man muss mit viel Tapferkeit durchs Leben gehen.

Birgit: Ja. Man muss sich immer sagen, man ist kämpferisch, man ist tapfer und mutig.

Peter: Und man darf nie an Selbstvertrauen und Lebensmut verlieren.

Birgit: Ja. Dass man sagt: Man ist so wie man ist. Und man lebt damit. Man hat nicht das Bedürfnis behindert zu sein. Man wünscht es sich nicht.

Peter: Bei manchen Behinderten habe ich das Gefühl, die lassen sich gar nicht behindern; die gehen jeden Abend selbstbestimmt und selbstständig zu Konzerten. Juri zum Beispiel. Der weiß, was er will.

Birgit: Das wissen wir doch alle. Wir arbeiten damit. Mit Texten für die Story Teller. Mit Selbstbewusstsein. Mit Musik. Man sitzt ja nicht behindert rum.

Peter: Was für mich bei Juri das Besondere ausmacht, ist, dass er sein Leben führt wie er will und auch zeigt, dass behindert nicht gleich behindert ist.

Ich: Es gibt auch vorübergehende Behinderungen.

Peter: Manche Straßen haben das.

Birgit: Aber für Menschen, die behindert sind, gibt es keine Heilbarkeit.

Jan: Behinderung ist ein konstruierter Zustand, der hauptsächlich von der Gesellschaft bedingt wird. Krankheit ist eine Einschränkung, die kurzfristig oder langfristig zur Einschränkung einer Tätigkeit führt. Bei anhaltenden Schwierigkeiten kann sie zu einer Behinderung werden.

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Behindert

Ich lebe mit Behinderung. Und das ist eben so. Und manchmal habe ich Wut darauf. Aber. Ich bin wie ich bin, und ich bin auch anders. Alle sind anders. Das ist auch Gleichheit. Ich habe einen Behindertenausweis, also bin ich behindert. Das ist wie es ist. Ich bin wie ich bin. Das kann man und braucht man nicht heilen. Das ist mein eigener Standard. Wenn ich meinen Kopf zur Seite lege, habe ich eine Schaukelfunktion. Das ist eine Funktion, die ich mir aber nur vorstelle. Ich kenne einen, der hat eine echte Schaukelfunktion. Der hat nur seine Schaukelfunktion und sonst nix, glaube ich. Jeder hat so seine Funktion.

Ich frage mich ernsthaft: Warum schreibt man über Behinderung und nicht einfach über sich? Ich denke nach. Ich bin ein Mensch, der sich äußert. Ich habe etwas beizutragen. Ist man behindert, weil man nicht gehen kann, weil man anders denkt oder weil man eine andere Logik oder Logistik hat? Ist man behindert oder wird man behindert? Und: Ist man vielleicht auch talentiert? Birgit Hohnen hat eine andere Logik und Logistik und diktiert ihre Texte.

Was ich sage auf die Frage: Sind Sie behindert? – Wenn mich jemand fragt, ob ich behindert bin, könnte ich sagen: Sind wir nicht alle ein bisschen behindert? Mich ärgert, dass bei uns Menschen mit Unterstützungsbedarf oft mehr auf unsere Schwächen als auf unsere Stärken gesehen wird. Ja, wir haben schon so unsere Probleme. Aber die hat doch jeder. Kein Mensch ist vollkommen. Jeder sollte akzeptiert werden wie er ist, solange er nicht anderen etwas tut. Michael Schumacher hat Asperger-Autismus, Pazifismus und wünscht sich eine Welt ohne Schubladen voller Vorurteilen. Er schreibt seine Texte selbst.

Behindert, was das heißt? – Behindert ist luftig leicht und schwer wie Blei, anstrengend meist, Quäle-Seele. Der Mensch geht oder humpelt oder fährt im Rollstuhl. Manche können ohne Rollstuhl nicht gehen. Die Barrieren sind nervig. Barrieren behindern. Mit Rollstuhl ist nervig, mit Behinderung in Gesicht oder Gehirn oder Körper ist nervig; weil andere Menschen komisch gucken und denken: Oho, behindert! Es gibt Leute, die sehen mich und kennen mich nicht. Die denken vielleicht, ich bin ein UFO. Ich bin groß und dünn. Ich kann singen und tanzen. Ich fahre mit der S-Bahn. Ich stehe morgens früh auf, dusche, esse, gucke auf die Uhr: Wann muss ich los? Manchmal früher, manchmal später. Ich arbeite im Theater. Ich bin unterschiedlich drauf: traurig, sauer, böse, lustig, fröhlich, verliebt, Daumen hoch oder runter oder mittel. Ich finde gut an mir, dass ich ein toller Mensch bin, ein lustiger Typ. Ich kann mit Leuten reden; auch wenn ich mal Probleme habe. Ich kann getrennte Wege gehen, wenn mir jemand Schlechtes sagt. Wenn ich in den Spiegel gucke, finde ich besonders schön, wie das Herz pocht. Und das Herz sagt: Ich bin bei dir. Katharina Bromka hat das Williams-Beuren-Syndrom, was das bedeutet, kann sie nicht sagen, sie vermutet: „Das hat mit dem Herz zu tun. Nachts ruhe ich mich aus; ich wache morgens auf und bin ein Mensch.“

(Dieser Text ist von Katharina, die ihre Texte diktiert.)

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Als Mensch mit Behinderung beim Arzt I Gedankenblasen

– Wenn ich das „Arzt“ höre, kriege ich das P wie Panik … Aber warum habe ich diese Angst vorm Arzt? Wovor habe ich Angst? Wie ist das bei euch?

– Ich habe Angst ruppig behandelt und zu schnell abgefertigt zu werden.

– Wenn der Arzt weiß, dass ich eine Behinderung habe, nimmt er mich dann ernst?

– Behandelt der Arzt mich genauso nett und freundlich wie die anderen Patienten, obwohl ich ein Handicap habe?

– Wie offen und einfühlsam sind die Ärzte bei besonderen Fällen?

– Ich weiß nicht, ob ich mein Leiden richtig schildern kann.

– Und dann habe ich Angst die Diagnose nicht zu verstehen.

– Die Ärzte in den Arztserien sind besser; die haben mehr Zeit, und die reden auch richtig mit den Menschen und Patienten.

Was kann man verbessern? Wie ist die ideale Ärztin? Und was ist ein gutes Verhältnis zwischen Arzt und Patient?

– Ich wünsche mir individuelle Behandlung!

– Ich wünsche mir, dass meine behandelnde Ärztin auf mich eingeht; sie sollte meine Probleme und Anliegen ernst nehmen und mir alles in verständlicher Sprache erklären.

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Aktion Mensch hat Therapien gegen Autismus gefördert

Die ABA (Applied Behaviour Analysis) ist eine Therapie, die die Umerziehung und Konditionierung von autistischen Kindern beinhaltet.

Diese Therapieform beruht auf einem Menschenbild, das Autisten als „defekt“ ansieht und sie ihr gelerntes autistisches Verhalten vergessen lassen will, damit sie ein neues Verhalten erlernen können. Die autistischen Kinder sollen zu einer nicht-autistischen Verhaltensweise um-erzogen werden. Mögliche negative Auswirkungen auf die Psyche der Autisten werden dabei ausgeblendet.

Aktion Mensch hat ein solches Projekt finanziert: Das Bremer Frühförder-Therapie-Programm Autismus wurde mit insgesamt fast 250.000 € unterstützt.

Aufgrund monatelanger Kritik hat Aktion Mensch im November 2016 entschieden derartige Projekte, die Behinderungen therapieren wollen, künftig nicht mehr zu fördern. Matti Wustmann hat Asperger-Autismus und findet es unmöglich, dass die Aktion Mensch eine Therapie förderte, die Menschen mit Autismus gewissermaßen „heilen“ wollte.

Mehr dazu:

  • Weitere spannende Beiträge der Story-Teller findet ihr auf deren Seite bei meinTestgelände😎

Wir sind die Story-Teller aus Hamburg. Mit unseren Texten möchten wir von unseren Erfahrungen berichten und Denkanstöße geben.

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