Planlos ging der Plan los

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:(c) Matthew Paul Argall.  Playground  (CC BY 2.0)

Auch unsere Autorin Marie bleibt aufgrund des Lockdowns zuhause. Klingt erstmal gemütlich? Nun: In ihrer Wohnung leben allerdings auch noch ihr vierjähriger Sohn und ihr Partner, dessen Arbeit ins Homeoffice verlegt wurde… Ersatz-Kita, Aufenthaltsort UND Büro, das ist ganz schön viel für eine Zwei-Zimmer-Wohnung! Hier berichtet Marie von den ersten Tagen nach der plötzlichen Umstellung.


Zwei Erwachsene und ein vierjähriges Kind in einer kleinen Wohnung in Berlin. Jeder Tag fühlt sich wie Sonntag an. Vor einer Woche hat die allgemeine Homeoffice-Situation, zur Eindämmung von Covid19, begonnen.
Ich musste mir plötzlich ganz schnell einen Plan überlegen, wie mein Sohn die Zeit, die er fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich, in der Kita verbringt, zu Hause rumbekommt. Aber das war noch nicht alles, denn der Papa musste ja auch plötzlich einen ruhigen Platz in der Wohnung kriegen, von dem aus er ungestört mindestens acht Stunden arbeiten konnte, inklusive stundenlange Telefon-Meetings.

Planlos ging der Plan los.
Ich hatte einen starken Druck in den ersten Tagen, weil all das über Nacht funktionieren musste, man hatte keine Vorlaufzeit, keine Zeit, um sich eine Struktur aufzubauen und niemand wusste, wie lange dieser Plan überhaupt anhalten musste.
Da ich davon ausging, dass auch die Berliner Kitas schließen – und viele Arbeitnehmer Homeoffice bekommen werden, habe ich an einem freien Vormittag die leerste Ecke in der Wohnung so eingerichtet, dass der Papa einen Schreibtisch hatte, auf dem der Laptop dauerhaft stehen konnte.
Leider ging dieser Plan nach hinten los, denn diese leere Ecke war mitten im Zentrum des Geschehens: Im Flur.

Keine Chance für Telefonie oder acht Stunden konzentriertes Arbeiten, für unseren Sohn die perfekte Gelegenheit, den Papa immer anzusprechen, wenn er ihn sieht, außerdem sind wir permanent an ihm vorbeigelaufen, wenn es in die Küche, ins Bad oder in eines der beiden Zimmer ging – und da lag das nächste Problem: Zwei Zimmer. Wir haben nur zwei Zimmer.

An Tag zwei habe ich räumliches Tetris gespielt.
Möbel verschoben, Ecken freigelegt, einen Spielplatz auf dem Balkon errichtet, mit Sandkiste und Spielsachen. Das ist übrigens ein Quarantäne-Tipp von mir, denn der Sandkasten mit 60 kg Spielsand sorgt dafür, dass sich mein Sohn selbst beschäftigt und ich einige eigene Dinge erledigen kann. Wir haben ihn am zweiten Tag noch schnell gekauft, bevor alle Läden dicht gemacht haben.

Nun stand der Kleiderschrank unseres Sohnes im Flur und die Homeoffice-Ecke ist ins Schlafzimmer gezogen. Sehr gequetscht und eng, aber man konnte die Tür schließen. Mein Sohn und ich hatten das Wohnzimmer, den Flur, die Küche und das Bad für uns und so bleibt es erstmal. Wenn der Papa aus dem Schlafzimmer kommt, kann er angesprochen werden, ansonsten bleibt die Tür zu, was übrigens auch ein anderes Problem gelöst hat: Gereizte Stimmung.

Wenn einer gereizt war, waren alle gereizt und das hat sich hochgeschaukelt, wenn man auch noch ständig im selben Raum war oder Sichtkontakt hatte. Hört sich vielleicht dämlich an, weil man ja freiwillig zusammenlebt, aber…wie soll ich mich denn, zum Beispiel mit einem Migräne-Anfall, den ich jede Woche habe, eine Stunde alleine hinlegen, wenn das Homeoffice-Büro im Schlafzimmer ist und das Wohnzimmer zur Hälfte Spielzimmer ist, das zudem so intensiv genutzt wird, dass der Lautstärkenpegel immer kurz vor der Eskalation liegt. Es ist für alle nicht einfach.
Momentan fühle ich mich, als wäre ich kein Mensch, sondern etwas, was einfach funktionieren muss. Das Verbindungsstück zwischen einem entspannten Zusammenleben zwischen ungestörtem Homeoffice und einem Kind, das, wie in der Kita, acht Stunden Action braucht.

Achja und zusätzlich muss die Wohnung sauber bleiben und das Essen auf dem Tisch stehen. Hört sich an sich simpel an, ABER: Ich DARF keine eigenen Bedürfnisse haben.
Sobald ich solche Gedanken bekomme, kriege ich direkt ‘ne Ansage aus meinem Kopf.

…„Ich möchte mich kurz 15 Minuten alleine hinlegen, der Vormittag war sehr anstrengend“ – (Wo?! Ins Homeoffice? Ins Spielzimmer? Leg dich doch in die Küche oder vor die Waschmaschine ins Bad)
…„Ich möchte das Bad jetzt ohne parallele Kinderbeschäftigung putzen“ – (Bitte was?! Mach das doch nachts, wenn alle schlafen)

Die Idee mit dem frühen Mittagessen hatte ich komischer Weise schon direkt am ersten Homeoffice-Tag: Um spätestens 10 Uhr war das Mittagessen fertig und stand bereit, sodass der Papa essen konnte, sobald er eine Pause hatte, denn ich wollte vormittags gerne an die frische Luft und nicht in der Wohnung gefangen sein, bis Zeit für das Mittagessen war. Außerdem konnten wir direkt essen, wenn wir ausgepowert wieder nach Hause kamen.

Eine weitere Idee, die ich hatte, war der Tagesplan. Am ersten Wochenende ohne Homeoffice, mit mehr Zeit für mein eigenes Office, hatte ich die Idee, einen Tagesplan am Laptop zu entwerfen, als Richtwert für uns, wann was dran ist UND mit geplanten Ruhepausen beziehungsweise geplanten Zeiten, an denen sich mein Sohn alleine beschäftigen sollte, damit ich, egal, was es war, es ohne paralleler Kinderbespaßung tun konnte. Diesen Plan habe ich einmal für uns Eltern gemacht und mit Bildern für den Kleinen, damit er es auch auf Augenhöhe hängen hat.
Und was soll ich sagen? Vom ersten Tag an hat er sich an alles gehalten. Er läuft mehrmals täglich zur Wand, um zu schauen, was nun auf dem Plan steht. Nach dem Mittagessen kommt die Ruhepause, in der nur geflüstert – und sich alleine beschäftigt wird. Nach dieser Pause habe ich mehr Energie und kann mehr mit allem anfangen.

Deswegen komme ich auch dazu, jetzt diesen Text zu schreiben. Das hat in der Mittagsruhe nicht geklappt, weil mein Sohn mit mir zusammen eingeschlafen ist, aber ich hatte trotzdem eine Lösung: Wir sind in einen leeren Park gefahren, in dem er zu zweit mit seinem Opa spielen – und ich im Auto am Laptop sitzen kann.

Ich muss sagen, dass ich wirklich stolz auf mich selbst bin, dass ich ein Organisations- und Planungs-Talent habe, in solchen Ausnahmesituationen hilft das wirklich sehr und ich bin extrem dankbar für diese „Gabe“.

Wäre ich alleinerziehend und müsste im Homeoffice sitzen, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, wie ich das anstellen sollte. Da habe ich großen Respekt all den alleinerziehenden Heldinnen/Helden gegenüber, die das meistern müssen.

Ich weiß, dass es von Tag zu Tag bei uns entspannter wird, je mehr wir uns an diese Situation gewöhnen und ich bin gespannt, wie es wird, wenn das ganze Chaos zu Ende ist und sich der normale Alltag wieder einpendeln muss. – Nach dem Chaos ist vor dem Chaos.

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Mein Name ist Marie (26), ich lebe mit meinem Sohn in Berlin - Blogge, lese, schreibe gerne und beschäftige mich so intensiv mit den Bedürfnissen des Menschen, der Vielseitigkeit unserer Persönlichkeit und Lebensqualität, dass ich ganze Bücher verfassen könnte!

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