Leben mit Behinderung in Zeiten von Corona

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(c) Carmine.shot:  flowers  (CC BY 2.0)

Menschen mit Behinderungen verstehen zum Teil noch weniger, worum es bei der Corona-Pandemie geht, warum sie niemanden treffen und nicht zur Arbeit gehen dürfen. Viele haben keinen Zugang zu Skype, Zoom, Facetime oder Whatsapp für Bildtelefonie mit Verwandten oder Freund*innen. Besonders in Wohn-Gruppen für Menschen mit Behinderung hinkt die Digitalisierung!

Wir und Corona von Dennis Seidel 

Gerade ist es für Menschen mit Behinderungen sehr schwer.
Sie dürfen nicht alleine rausgehen, dürfen nicht in die Werkstatt.
Uns nervt es total:
1. Wir dürfen nur noch in Begleitung von Betreuer*innen raus. 
2. Wir dürfen unsere Kolleg*innen von der Arbeit nicht sehen.
3. Wir dürfen keine Besuche bekommen.
Das nervt uns total und geht uns bis hier oben hin.

Viele hocken nur noch zu Hause rum.
Es gibt auch welche, die WLAN haben. Ich habe Internet bei meiner Mutter.
Da kann man per Zoom gemeinsam reden und per Email in Kontakt bleiben.
Aber viele Behinderte haben auch keinen Computer oder schlechtes Internet. Die können nicht mitmachen.
Viele haben also im Moment gar keinen Kontakt.
Viele kriegen Anfälle oder Ausraster.

Wir Behinderte hoffen alle bald wieder in die Werkstatt und TAFÖ [Tagesförderstätte für Menschen mit Behinderungen] zu dürfen!

Dennis Seidel interessiert sich sehr für das Thema Geschlechter-Rollen und verkleidet sich gern als Frau. Er hat nur eine Niere, schreibt seine Texte aber selbst.

Ich gehöre auch dazu! von Birgit Hohnen

Ich könnte heulen. Ich muss immer zu Hause bleiben. Ich will so gerne arbeiten. Weil ich die Struktur und Menschen um mich brauche. Ich will Gesundheit für alle. Ich will wieder arbeiten.

Dass man nicht raus kann, ist für mich und die anderen Menschen mit Behinderung nicht einfach. Ich kann nicht raus. Das macht mir Aggressionen. Jetzt diktiere ich meinen Text zu Corona.

Was ich mir wünsche? – Man braucht mehr Personal und mehr Beschäftigung für Leute, die nicht alleine rausgehen können. Man muss die besser unterstützen, was unternehmen, spazieren zum Beispiel. Menschen mit Beeinträchtigungen wollen auch was vom Leben haben. Das muss auch finanziert werden.

Ich war beim Arzt, zum Impfen gegen Pneumokokken. Da hatte ich meinen Mundschutz auf. Ich weiß, dass ich auf Händewaschen, Zahnpflege und Duschpflege achten muss. Und dass ich nicht rausgehen soll. Ich fühle mich eingeschränkt. Nein, nicht eingesperrt. Das ist zum Schutz, glaube ich. Unsere Betreuer tragen auch Atem-Masken. Das finde ich eigentlich nicht schlecht. Aber ich kann keinen echten Kontakt haben, auch nicht mit meiner Lieblingsbetreuerin Steffi kuscheln. Wir können uns nur noch mit Kuscheltieren zuwinken.

Meine Tagesstruktur ist jetzt Fernsehen. Und die Anderen sagen: „Birgit guckt den ganzen Tag Fernsehen oder liegt im Bett.“ Aber was soll ich denn machen? Die Menschen sind beeinträchtig ohne Arbeit. Ich sitze immer nur in meinem Zimmer. Dieses ganze Fernsehen geht mir schon richtig auf den Senkel. Und das blöde Rumsitzen macht mich wütend.

Das beeinträchtigt mich, das macht mich wütend und traurig. Ich fühle mich hilflos.

Aber ich kann telefonieren. Am Telefon kann ich den Kontakt mit meiner Mutter aufbauen. Aber ich vermisse, dass man den anderen sieht – vielleicht über Whatsapp Video oder Facetime (Gesichtszeit).

Ich will, dass man die Leute nicht alleine lässt. Die eine oder andere ist sehr allein, kann nicht raus, und manche können sich gar nicht äußern. Weil sie nicht sprechen können. Ich kann nicht lesen und schreiben, aber ich kann gucken und sprechen, und ich kann meine Meinung diktieren.

Jede gehört dazu. Man muss alle Menschen einbinden.
Ich will mich nicht in die Ecke stellen, ey. No Way! Ich gehöre auch dazu!

Birgit Hohnen arbeitet bei barner 16, dem inklusiven Netzwerk von Künstler*innen. „Ich bin wie ich bin,“ sagt sie: „Das kann man und braucht man nicht heilen. Das ist mein eigener Standard.“ Birgit Hohnen diktiert ihre Texte.

Angst von Melanie Lux

Was mich in dieser Corona-Zeit sehr ärgert: Dass in den Nachrichten viel zu wenig über Menschen mit Behinderung berichtet wird. Warum werden behinderte Menschen in den Nachrichten oft weggelassen? Das ist ungerecht! Ich finde es wichtig zu berichten, wie es Menschen mit Behinderungen in der Corona-Zeit geht.

Der Corona-Shutdown war furchtbar. Mich hat das seelisch sehr fertig gemacht, ich hatte Angst und habe mich gefragt, ob das etwa schon die Endzeit ist.
Besonders fürchterlich empfand ich die Hamsterkäufe im Supermarkt, und dass die Regale leer gekauft waren. Ich hatte Angst, nicht mehr genug zu Essen zu bekommen. Aber am schrecklichsten fand ich die Kontaktsperre. Freunde, Eltern und Arbeitskollegen nicht mehr treffen zu dürfen, war megahart für mich. Auch die Freizeit-Kurse, für die ich mich schon angemeldet hatte, fielen aus. Dabei wollte ich so gerne neue Leute kennenlernen. Aber man darf ja nicht einmal zur Arbeit! Diese harten Bestimmungen haben mich echt fertig gemacht.
Ich bin froh, dass die Schutzbestimmungen jetzt gelockert werden. Aber ich habe Angst vor einem zweiten Shutdown, weil einige Menschen gegen die Hygiene-Schutz-Massnahmen verstoßen. Das wurde in den Nachrichten berichtet. Viele Leute sind ohne Schutzmasken auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren und haben auch im Chor gesungen und sich angesteckt. Diese Infos aus den Nachrichten haben mich nervös und wütend gemacht. Ich habe Angst, dass diese Leute unsere neu gewonnene Freiheit wieder kaputt machen. Und die schwachen alten Menschen und die Menschen mit Behinderung leiden dann besonders darunter. Das darf nicht passieren.

Melanie Lux schreibt ihre Texte selbst, wünscht sich eine gerechtere Welt und mehr Leichte Sprache für Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten.

Angst von Michael Schumacher

Ich habe keine Angst vor dem Coronavirus.
Ich habe Angst vor den Menschen.
Sie verhalten sich merkwürdig, bewegen sich komisch, und reden kaum.
Menschen mit Masken sehen alle gleich aus.
Man erkennt keine Mimik. Ob sie freundlich oder muffelig sind.
Beim Einkaufen erkenne ich unsere Nachbarn nur an ihrer Stimme, wenn sie denn überhaupt etwas sagen.
Alleine gehe ich nicht raus, weil ich unsicher bin, wie ich mich verhalten soll.
Einmal wurde ich angemacht, weil ich jemandem zu nahe gekommen war.
Einmal hat mich eine Frau angemeckert, als ich einen Einkaufswagen genommen habe, bei dem sie den Griff schon desinfiziert hatte.
Unser Treppenhaus ist ziemlich schmal und man muss aufpassen, dass man keinem Nachbarn begegnet.
Unsere alte Nachbarin hat sich früher immer gefreut, wenn sie mich getroffen hat.
Jetzt nimmt sie nicht einmal mehr Pakete für uns an, wenn wir nicht zuhause sind, weil sie Angst vor Ansteckung hat.

Michael Schumacher hat Asperger-Autismus, Pazifismus und wünscht sich eine Welt ohne Vorurteile. Er schreibt seine Texte selbst.

Mehr dazu:

  • Eine Empfehlung der Story Teller ist diese Webseite, auf der man Informationen zu Corona in leichter Sprache finden kann.

Menschen mit Behinderung haben was zu sagen! Wir Story Teller sind die inklusive Schreibwerkstatt Story Teller aus Hamburg. Mit unseren Texten möchten wir von unseren Erfahrungen berichten, Denkanstöße geben und Selbstermächtigung voranbringen.

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