Birgit Hohnen - Letzte Texte

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(c) Birgit Hohnen: Selbstporträt

Birgit Hohnen war von Anfang an bei der Redaktionsgruppe Story Teller dabei. Nun ist sie gestorben. Wir sind sehr traurig darüber aber auch glücklich, dass wir so viele ihrer wunderbaren Texte veröffentlichen durften. Weil sie nicht schreiben kann, diktierte sie ihre Texte. Sie hat/te eine kreative Denkweise, ein originelles Ausdrucksvermögen und war herzvoll engagiert für eine bessere Welt. In Erinnerung an Birgit Hohnen möchten wir euch hier nochmal eine Auswahl ihrer Texte präsentieren. Hab´s gut Birgit in einer hoffentlich besseren Welt und danke, dass du deine Kunst mit uns geteilt hast.

„Intellektuell behindert“ nennt man mich? Warum sagt man das? Ich find’s scheiße. Ich bin bereit über sowas zu sprechen. Aber nicht so. Das muss ich mir nicht anhören: behindert, intellektuell! Was bedeutet das? Ich bin sauer, weil ich das nicht hören mag. Das ist doch scheiße für die Menschen. Ich find’s unmöglich. Das ist wirklich eine Unverschämtheit! Sowas darf nicht sein! Guck dir doch mal die Leute an, die behindert sind. Und? Lebt man mit! Ich finde keinen Unterschied. Also wirklich. So ein Dünnsinn. Da fühle ich mich diskriminiert. Ich finde auch nicht in Ordnung, wenn man sagt: „Sie sind geistig behindert.“ Die sollen sagen: „Entschuldigen Sie, Sie sind wie Sie sind“, aber die sollen nicht „geistig behindert“ zu mir sagen. Ich fühle mich hintergangen mit diesem Wortbegriff. 

Was ist denn auch „geistige Behinderung“ für ein Wort? Das ist doch völliger Schwachsinn. Ich fühle mich beschissen, wenn ich sowas höre. Ich kann mir nicht anhören, ich bin geistig behindert. Ich versuche alles, was ich kann. Ich gebe mir die größte Mühe. Ich kann, was ich kann. „Geistig behindert“ will ich nicht hören. Das ist diskriminierend. Es geht nicht darum, ob man behindert ist. Das ist verletzlich. Dieses Wort beschimpft mich. Das ist ein beleidigtes Schimpfwort und hat seinen Sinn nicht. 

Es braucht einen Sinneswandel. 

Man muss bessere Strukturen machen. 

Was ist überhaupt „behindert „? Bei mir ist das so, wie ich geboren bin. Behinderung ist, dass man sich in manchen Dingen selbst nicht helfen kann. Im Leben geht es darum, was man kann. Ich würde gern mehr können. Trotzdem. Wenn ich „behindert“ höre, bin ich gekränkt. Ich fühle mich krank dadurch. Und hintergangen oder übergangen. „Behindert“ ist Schwachsinn, große Scheiße. Wenn ich das so höre, raste ich aus. Ich bin sehr aufgebraust. Ich finde das diskriminierend. 

Frauenkampftag am 8. März

Frauen kämpfen zum Beispiel beim Judo. Und für ihre Rechte und für ihr Leben.
Ich habe für meine Gesundheit gekämpft. Und dafür einfach stark zu sein und ich zu sein. Auch wenn ich behindert bin.
Und ich will dazu am 8. März sagen: „Hey, ich bin auch mutig und ich bin auch stark!“
Die Rechte und Gleichberechtigungen sind ja für alle wichtig. Das will ich unterstützen.
Ich bin gegen Gewalt, gegen Kämpfe, gegen Krieg, gegen alles, was nicht in Ordnung ist, gegen alles, was nicht fair ist.
Wenn man zusammen für die Gerechtigkeit kämpft, dann ist man stark.
Es ist immer ein bisschen schwierig, wenn man denkt, dass man nicht kämpfen kann. Aber wenn man es gar nicht erst versucht, ist es noch schwieriger.
Ich will ja nicht nur für mich kämpfen, sondern auch für die Rechte anderer Menschen. Darum geht es mir.
Ich fühle mich gut, ich bin stolz auf mich, ich tue das Richtige. Ich kämpfe und bin dankbar dafür, dass ich da bin, wo ich sein wollte.
Das habe ich mir selber geschaffen. Mit meiner Behinderung.
Ich bin genau im gleichen Recht wie alle Frauen und alle Menschen. Es sollte keine Unterschiede geben.

Gleichberechtigung

Gleichberechtigung ist für alle da. Man muss nicht gleich sein. Jeder ist anders. Aber alle sollen berechtigt sein, so zu sein wie sie sind. Manchmal muss man kämpfen für seine Rechte. Ich will kein Unrecht.
Zu dieser Gleichberechtigung gehört mehr.
Gleichberechtigung heißt auch: keine Gleichgültigkeit!
Man muss gleichberechtigt sein. Jeder muss zu seinem Recht kommen. Jeder hat seine Rechte und seine Grenzen. Und die muss man ausleben.
Heidrun aus meiner Wohngruppe braucht immer Begleitung; sie sammelt gerne Müll oder zerreißt Nachbars Hecken, aber weil sie nicht aufpasst, wird sie vielleicht totgefahren auf der Straße. Trotzdem: Heidrun soll auch gleichberechtigt werden.
Gleiches Recht für eine und gleiches Recht für alle.
Gleichberechtigungen müssen sein. Und Meinungen müssen gesagt werden.
Es geht nicht darum, was meine Betreuer wollen, sondern was ich will.
Zu Hause habe ich gelernt, dass man immer fragt und hilfsbereit ist. Ich brauche jemanden, der mich unterstützt. Ich brauche manchmal Rat. Andere sind auch krank oder haben Schmerzen oder Kummer oder Redebedarf: Da helfe ich auch.

Zivilcourage

Zur Zivilcourage habe ich ganz viele Ideen! Courage hat auch andere Begriffe: stark, mutig, kämpferisch. Wenn wir Menschen sind, kommen wir auch mit Menschen zusammen, die nicht so gut sind. Das beschäftigt mich. Wie kann man Zivilcourage aktivieren? Das ist eine weltbewegende Sache. Wie auch die Selbstbestimmungsrechte.
Ich finde einen Text über Zivilcourage wichtig.

Zivilcourage heißt vielleicht auch, dass gesagt wird: Wir brauchen Menschen mit und ohne Handicap. Ich habe viel Erfahrung damit. Manche Menschen fragen: Was bauen wir für eine Welt? Ich will eine Welt, in der wir zivilisierter sind und couragierter.

Zivilcourage ist bewundernswert. Menschen müssen beweglicher sein, die müssen aktiviert werden. Was meinst du, wie es weitergehen würde, wenn es keine Zivilcourage mehr gäbe? Zum Glück sind wir gut in der Zivilcourage.

Man muss sagen: Wir bauen eine gute Welt. Und es wird gut.

Ich würde in Situationsdelikte immer hingehen und sagen: Du kannst den Menschen hier nicht angreifen. Es ist auch meine Aufgabe, das zu sagen. Wenn ich eine gute Polizistin wäre, dann würde ich sagen: Stopp, jetzt mal halblang!

Zivilcourage ist Einmischung und Schlichtungssache. Man sollte nett und höflich sein, nicht beleidigen, sondern sagen: Ok, ich sage jetzt meine Meinung.
Ich finde Zivilcourage wichtig. Wir brauchen insgesamt in der Welt, dass man nett ist zu anderen Menschen, dass man „Entschuldigung“ sagt und „Ich habe Fehler gemacht.“

Wir können uns ändern, wir können nett sein und uns unterhalten mit anderen, die anders sind. Das wollen wir uns aufbauen.
Zivilcourage ist etwas Bedeutendes. Das ist auch Mut zum Kämpfen. Dass man sagt: Ich will Mut haben und noch mehr neuen Mut schöpfen, um mehr Zivilcourage zu zeigen. Ich möchte mehr aktivieren. Ich bin eine erwachsene Frau und kann sagen: Das will ich, das kann ich!

Zivilcourage kann man aufbauen. Dass sich keiner drum kümmert, ist nicht gerechtfertigt. Viele sagen, wir kümmern uns drum, aber dann passiert doch nichts. Wer macht denn schon gern die Arbeit?

Wir brauchen Einkaufszentren, die barrierefrei sind. In unserem Einkaufszentrum ist vieles nicht barrierefrei. Sowas geht nicht! Häufig werden Sachen nicht gemacht, weil es finanziell nicht geleistet werden möchte. Es müssen aber Lösungen geschaffen werden, sodass sich jeder dazugehörig fühlt. Um Ziele zu erreichen gibt es immer Mittel und Wege.

Was anderes: Ich höre manchmal, dass Leute sich anschreien. Das geht nicht. Man kann sagen: Stopp! Aber nicht anschreien. Das gehört sich nicht. Ich erwarte, dass du die Leute nicht anbrüllst. Sondern dass du erklärst, was in deinem Kopf vor sich geht. Das kann man korrigieren. Du baust eine neue Situation auf, eine bessere Welt. Stopp! Ich will und ich kann. Ich will, dass es gut läuft. Ich kann mich für andere einsetzen.

Das ist ein Teil meines Lebensstils und meines Welterfolges.

Für mich ist es schon anders als früher. Früher ist jetzt nicht mehr. Früher war früher, und jetzt ist jetzt. Früher ist Vergangenheit. Was jetzt ist, ist viel besser.

Ich baue jetzt ein Schild, auf dem steht: Zivilcourage!

Sie müssen helfen, Sie müssen handeln!

Es gibt ganz unterschiedliche Situationen. Mit oder ohne Handicap. Es gibt auch Situationen mit Blinden. Mein Schulfreund ist blind; der macht alles mit Fühlen und Tasten. Blinde Menschen haben viel Leistung, die bauen sich das auf. Wir müssen das Gute für alle bauen.

Und man sollte Menschen nicht ärgern. In der Schule wird auch oft gehänselt oder gemobbt, aber was ist denn das für ein Zustand? Bau bitte eine andere Welt auf, geh dazwischen und hilf dem Opfer. Ich finde es sehr wichtig, dass man den Menschen beisteht. Ich passe auf, ich beschütze dich. Ich war auch mal traurig, als ich alleine war. Ich will, dass niemand alleine ist in traurigen Situationen.

Manchmal habe ich eine Brodel-Funktion in mir drin. Da brodelt was. Wenn ich im Fernsehen Flüchtlinge sehe, finde ich das furchtbar. Dann werde ich unruhig und stehe kurz davor auszurasten. Das ist furchtbar. Wenn ich dann schlafe, bekomme ich Panikattacken. Dann dreh ich mich um und schlafe dann weiter. Dann geht das Schlag auf Schlag. Dann versuche ich nachzudenken: Was kann man verbessern, was kann man verändern?

Dass den Menschen geholfen wird, soll jetzt endlich mal Standard sein. Ich will, dass jeder zu seinem Recht kommt. Punkt 1: Wie kann man den Flüchtlingen helfen? Punkt 2: Das Flüchtlingsheim soll kein Gefängnis sein, sieht aber so aus. Punkt 3: Zivilcourage bedeutet auch immer zuerst zu fragen, und nicht zu befehlen.

Es ist traurig. Vielen Menschen geht es gut. Wir haben eine Wohnung, wir haben ein Haus. Aber die Flüchtlinge haben sowas nicht. Was glaubst du, wie unangenehm das ist? Wir brauchen kein Flüchtlingsheim, sondern wir brauchen eine ganz andere Struktur. Wir müssen helfen, wir sind Beschützer, wir lieben euch. Ihr kommt zu eurem Recht. Ihr seid doch keine schlechten Menschen oder Opfer.

Das finde ich wichtig. Man kann sagen: Ich helfe dir und du hilfst mir.

Man baut den Leuten eine Zukunft auf. Eine Zukunft für die Flüchtlinge. Das muss man auch finanziell machen. Ich schreibe Texte für die Flüchtlinge. Ich will Trost, Liebe und Vertrauen spenden. Man macht sich viele Gedanken. Man schreibt die Gedanken in Texte.

Man sollte immer nett sein. Man sollte immer sagen: Du bist willkommen. Man kann immer sagen: Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Man kann auch sagen: Ich mag dich nicht; aber wir müssen miteinander auskommen.

Alle Menschen gehören zur Welt. Egal ob im Rollstuhl. Wenn man ein Mensch mit einer Behinderung ist, dann kann man immer noch sagen: Jeder Mensch hat seine Fähigkeiten, immer. Ich bin nicht wie du, aber ich bin wie ich, und ich lebe damit und du lebst damit.

Ein Flüchtling kann auch „behindert“ sein. Es geht jetzt nicht um mich selber, sondern darum, was man leisten kann. Es geht einfach darum, dass man sagt: Ja, man will und man kann.

Die Flüchtlinge müssen Hilfe haben. Manche haben auch bestimmte Rituale. Man muss auch sehen, dass man ein bisschen nachdenkt. Wenn ich mir überlegen würde, wenn ich jetzt ein Flüchtling wäre, dann müsste ich vielleicht sagen: Ich bin kein Mensch, ich bin ein Flüchtling.

Ein Flüchtling ist vielleicht hilflos. Jeder Mensch hat Möglichkeiten. Dass die Flüchtlinge keine haben, ist bittertraurig. Die Politik begeht Flüchtlingsmord. Es wird gelabert, es wird gesprochen über Krise und Opfer. Was haben wir denn davon? Es wird einfach keine Reaktion ausgeführt, es wird nur gelabert.

Das gebe ich nicht nur euch mit, sondern der ganzen Zukunft.

Mehr dazu:

  • Weitere Beiträge von den Story Tellern, darunter auch viele von Birgit, findest du hier.

Menschen mit Behinderung haben was zu sagen! Wir Story Teller sind die inklusive Schreibwerkstatt Story Teller aus Hamburg. Mit unseren Texten möchten wir von unseren Erfahrungen berichten, Denkanstöße geben und Selbstermächtigung voranbringen.

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