Vorsicht Tinder!

Foto zu Vorsicht Tinder LinaKlöpper

Mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland nutzen die Datingplattform Tinder auf der Suche nach neuen Bekanntschaften. Einige wenige Fotos und eine kurze Beschreibung entscheiden, ob sich zwei Menschen sympathisch sind. So war es auch in der Geschichte von Lina. Match, Date, viel Wein, Sex, ohne wirklich davon überzeugt zu sein und dann am Morgen die Frage, warum sie die Haustür nicht zufallen hört, nachdem der Typ sich angezogen und verabschiedet hat. Aber lest am Besten selbst, warum Lina bei Tinder zur Vorsicht mahnt. 

„Ich finde dich wirklich schön, möchtest du nicht Model auf meiner Wurstverpackung werden“             

Das wars nun endgültig mit Tinder denkst du dir und löschst am selben Tag die App. Einziges Überbleibsel sind ein paar Datenspuren und Manuel. Manuel war ganz anders als diese Poser auf Tinder. Bild von seinen Muskeln, Bild mit Hund und die Größe in der Profilbeschreibung. Doch er konnte schreiben. Vor deinen Freunden gabst du es nicht gerne zu, wolltest nicht in Klischees fallen, aber du findest es doch ganz gut, wenn der Mann zuerst schreibt. Um die 73 km waren es von seiner Wohnung in Leipzig bis zu deinem Haus in Jena. Diese konnten aber mit seinem Auto schnell überwunden werden. Das Auto hatte er für seinen Job, irgendwas mit Immobilien, irgendwas mit Wirtschaft, auf jeden Fall was mit Geld.

Am Samstag wolltet ihr euch zum ersten Mal persönlich sehen und du konntest an nichts anderes mehr denken. Erst was Essen gehen und dann schauen was passiert, das war der Plan. 10 Bilder bei Tinder wären möglich gewesen, 3 wurden genutzt, davon eines von seinem Hund. Er sah den Bildern schon ähnlich, wie man eben Bildern ähnlich sieht, die aus seiner Jugend stammen.

Nichtsdestotrotz ging es essen, das Gespräch war erzwungen, seine Geschichten langweilig und deine Weinbestellungen groß. Du hattest aber auch lange keine Dates mehr, vielleicht warst du einfach ungeübt. Und du warst schon so lange allein und ein bisschen Spaß durfte man schließlich auch haben. 320 Tage ohne Sex waren es jetzt.  6. April 2019 hatte dich dein damaliger Freund verlassen und du warst gegen 3 aus einer Bar gekommen und dies nicht allein. Es gab mal Kampagnen à la „würden Sie ein Jahr auf Sex verzichten für 10000 Euro?“ und rückwirkend würdest du das Geld jetzt echt gerne nehmen.

Nach dem Zurücklaufen vom Restaurant setzt du an deiner Tür zur Umarmung an, doch er schmettert sie ab „ich kann jetzt nicht fahren Liebes, ich hab getrunken“, du lässt ihn also rein. Nach mehr gezwungener Unterhaltung folgt „ es könnte so einfach sein, was stellen wir uns so an“? Darauf packt er dich und küsst dich. Es ist vor allem eins, feucht. Aber gleichzeitig hast du diese Art von Berührung schon 320 Tage vermisst. Und was soll schon passieren. Um die 73 km waren es von seiner Wohnung in Leipzig bis zu deinem Haus in Jena. Ihr wohnt nicht mal in derselben Stadt.

Manuel zieht dich langsam aus und du ihn. Was drunter hervor kommt gefällt dir nicht unbedingt besser, aber wo soll er schon hin. Er ist betrunken und kann gerade nicht fahren und sobald du deine Augen schließt, kannst du dir vorstellen wen du möchtest. Als ihr vor 51 Tagen an Silvester  bei der Hausparty „ich hab noch nie“ gespielt habt, hast du als einzige Frau von 10 nicht trinken müssen bei „Ich hab noch nie mit jemanden geschlafen, weil ich dachte ich muss, obwohl ich ihn gar nicht so attraktiv fand.“  Nun würden es 10 sein, welche beschämt nach unten blicken und an ihrem Getränk nippen. Doch es waren nur um die 73 km  von seiner Wohnung in Leipzig bis zu deinem Haus in Jena. Ihr wohnt nicht mal in derselben Stadt.

Irgendwann ging die Nacht auch vorbei und die ersten Sonnenstrahlen fielen durch dein Dachgeschossfenster und weckten dich sanft, obwohl sein Bart an deiner Brust alles andere als das war. Du betrachtest nochmal ausgiebig sein Gesicht, er war ja nicht hässlich, aber dein Typ einfach auch nicht. Langsam wurde auch er wach, verkündete, er müsse los, zog sich an und verschwand ohne Große Worte aus deinem Schlafzimmer. Du warst eigentlich ganz froh drüber. Jetzt müsste er nur noch die kleine Treppe mit 6 Stufen, dann die große mit 20 in die Küche nehmen und wäre schon draußen. Von dort aus waren es nur noch 73 km bis zu seiner Wohnung in Leipzig.

Doch etwas fehlte. Angespannt lauschst du auf die Geräusche im Haus. 6 schnelle Schritte auf der kleinen Treppe wurden gemacht, 20 Bedächtige auf der Großen. Er war also auf der unteren Etage und du so kurz entfernt von deiner Freiheit aber immer war es noch nicht da. Das Klicken deiner Haustür. Du kanntest es genau, wie die massive Tür ins Schloss fiel, auch früher, als deine Eltern noch da waren, egal, wie leise du versucht hast zu sein, konntest du das Geräusch doch nie aufhalten. Doch jetzt war es nicht da und dein Atem wurde schneller. Er war vielleicht nicht so attraktiv wie auf den Bildern, aber groß genug um mit dir fertig zu werden. Aber nein, er wollte sicher nur auf Toilette, bevor er die Fahrt antrat, es waren immerhin 73 km bis nach Leipzig. Wann bist du eigentlich so paranoid geworden, nur, weil du immer Horror Filme schaust, heißt das nicht, dass diese auch wahr werden. Dennoch stellten sich deine Nackenhaare auf und dein Puls raste. Wie in Schockstarre lagst du im Bett und versuchtest ein wenig weiter von der Tür weg zu rutschen, aber bloß ohne Geräusche. Warum hast du damals nicht das verdammte Schloss in deine Zimmertür einbauen lassen.

Mittlerweile waren 10 Minuten vergangen, kein klicken aber auch sonst kein Geräusch und du bist kurz davor wieder aufzustehen und ganz normal mit deinem Tag zu beginnen, als ein knarzen durch das Haus dringt. Nur ganz leise, jeder hätte es überhört aber du nicht, denn du wohnst dein ganzes Leben hier und die 2. Diele in der 5. Reihe vom Fenster aus macht eben nun mal dieses Geräusch. Manuel war also noch da. Manuel war im Haus und eine weitere Woge der Angst machte sich breit. Was machte er hier, vielleicht hatte er was vergessen, aber dann sollte er doch einfach hochkommen und nicht nun 15 Minuten in deiner Küche rumwarten. Obwohl du dir mittlerweile nicht mehr sicher warst ob du ihn überhaupt je nochmal sehen wolltest. Um die 73 km waren es von seiner Wohnung in Leipzig bis zu deinem Haus in Jena. Ihr wohnt nicht mal in derselben Stadt.

Deine Gedanken rasen, was kann man machen, wenn das Tinderdate in der Wohnung bleibt und einfach nicht geht. Du hast ihn schließlich ins Haus gebeten und in deinen Körper gelassen, also wäre es nicht schlimm zu reden, aber gleichzeitig kennst du ihn kaum. In einer schnellen Bewegung, bei welcher du die Luft anhältst, greifst du dir dein Handy vom Nachttisch, der so nah an der Tür steht und quetscht dich unters Bett. Dein Finger klebt über dem Notruf Knopf und als plötzlich etwas klirrt, drückst du drauf. „Da ist ein Mann in meinem Haus, er war ein date, aber er geht nicht raus und ich habe Angst vor ihm“ „ ja ich bleibe ruhig, ja ich versuchs“ „Ich bin unter meinem Bett“ „Ja ich versuche aufzuhören zu weinen“ „Bitte beeilen sie sich“

Du wartest von da an 30 Minuten. Es ist insgesamt die schlimmste dreiviertel Stunde deines Lebens. Mittlerweile sind deine Klamotten komplett durchgeschwitzt und sie kleben an deinem Körper. Ein Knall!

Und deine Tür geht auf und dein Herz setzt für mehrere Takte aus, aber es meldet sich die Polizei, du kommst aus deinem Versteck hervor und zitterst nur. Halb getragen, halb läufst du mit den Polizisten raus. Erst die 6 Stufen, dann um die Ecke, doch am Fuße der Treppe herrscht Getümmel, mindestens 5 Polizisten stehen da und reden, machen Fotos oder sehen sich um. „ Du musst nicht hinsehen“. Stufe für Stufe geht ihr weiter, du kannst deine Augen nicht verschließen, noch 5,4,3,2,1.

Deine Küche ist in Frischhaltefolie eingepackt. Lange Bahnen, die alles fein säuberlich abdecken. Dann auf der Arbeitsfläche 4 Messer der Größe nach geordnet. Deine Beine geben nach, dabei waren es doch zwischen seiner Wohnung in Leipzig und deinem Haus in Dresden nur um die 110 km.

Mehr dazu:

Ich bin Lina, studiere Mathe / Physik und bin Poetry Slammerin aus Leipzig. Mehrere Jahre habe ich eine queere Jugendgruppe geleitet und versucht junge Frauen zu empowern. Ich schreibe hier mit um Liebe zu verbreiten, Schubladen zu zerstören und euch zu zeigen, dass ihr nicht alleine seid.

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