Ich will alles — ein Erfahrungsbericht

Fee+Brembeck+SK+(25)
(c) Gustl Magazin

Fee nimmt auf der Bühne kein Blatt vor den Mund und das ist gut, richtig und wichtig. Sie spricht und schreibt über Themen, die unangenehm sind und von denen manche Leute allen Ernstes genervt sind: Schon wieder ein Sexismus-Text, ist das nötig? Fee zeigt: Ja, es ist sogar bitter nötig. Und sie möchte die Gründe dafür — zahlreiche unangenehme und übergriffige Erfahrungen —nicht länger verdrängen. Wir freuen uns, dass wir heute ihren Text aus 2018 veröffentlichen dürfen.

*Triggerwarnung: In diesem Text wird explizit Übergriffigkeit/sexualisierte Gewalt beschrieben.* 

Als unter #metoo viele Frauen* aus der ganzen Welt über ihre Erfahrungen mit Sexismus schrieben, wusste ich selbst nicht, wo ich anfangen sollte. Ich wusste nicht, wie ich mich an alles erinnern sollte und was „heftig“ genug war, es aufzuschreiben. Ich fühlte mich vor allem von der Masse der Erfahrungen erdrückt, hatte Angst, die tägliche Konfrontation damit nicht deutlich machen zu können, nicht zeigen zu können, wie weit das alles in mein Leben hineinreicht, wie früh ich damit bereits in Berührung kam.
Gleichzeitig las ich viele Erfahrungsberichte, die mir Tränen in die Augen trieben und ein seltsames Gefühl bereiteten. Zu viel von dem, was ich las, hatte ich genau so schon erlebt, zu viel kam mir aus Erzählungen meiner Freundinnen* bekannt vor.
Für die Initiative „17 Ziele“ ist es mir nun gelungen, einen weitgehend poetischen Text darüber zu schreiben, wo mir in meinem Leben Sexismus begegnet ist. Wenn ich diesen -wahrscheinlich persönlichsten- Text vorlese, werde ich oft gefragt, ob ich das wirklich alles erlebt hätte. Ganz oft von Frauen*. Ich denke dann: „Natürlich. Und das ist doch längst nicht alles! Wie kannst du das fragen? Dir geht es doch bestimmt genau so!“ Aber aus Erfahrung sage ich mittlerweile: „Ja, das ist mir alles widerfahren. Ich habe für manches gebraucht, um mich an Verdrängtes zu erinnern und wahrscheinlich bin ich dadurch, dass ich viel unterwegs bin, häufiger betroffen. Wenn du nachdenkst, findest du bestimmt auch Situationen, an die du dich nicht mehr erinnern wolltest.“
Und tatsächlich: Ganz oft dauert es ein paar Minuten, bis die selben Frauen* wieder zu mir kommen und mir erzählen, was ihnen gerade wieder eingefallen ist. Das sind oft keine Kleinigkeiten. Aber wir haben sie verdrängt. Ich möchte das nicht mehr, ich möchte das zur Sprache bringen! Und ich möchte noch immer alles.

Mit 17 sagte ich still:
Ich will, will alles!
Oder nichts.
Für mich soll´s gleiche Rechte regnen
mir sollten sämtliche…Männer mit Respekt-…begegnen.
Die Welt sollte sich umgestalten
und ihre Schwänze für sich behalten.

Mit 17 vergaß ich auf einer Party die Zeit und kam nicht mehr nach Hause,
Ein 27jähriger Politikstudent, mit dem ich mich gut unterhalten hatte, bot mir seine Gästecouch an.
Auf der Busfahrt zu ihm erzählte er, dass man mit 27 natürlich schon darüber nachdenken würde, eine Familie zu gründen, zu heiraten, Kinder zu haben.
10 Minuten später hatte er mir den BH ausgezogen.
Ich sagte Nein.
Er fragte Warum.
Ich zitterte.
Er sagte: Bitte!
Ich drückte ihn weg.
Er atmete schwer.
Ich zog meine Hand weg
er zog sie in seine Hose.
Mit 17 floh ich mitten in der Nacht halbnackt aus einer fremden Wohnung, in der ein 10 Jahre älterer Mann mein Nein nicht akzeptieren wollte. Hätte er mich festgehalten, dachte ich, wäre ich selbst schuld gewesen.

Mit 4 übernachtete ich bei einem Nachbarsjungen, der schon zur Schule ging. Ich wachte auf, weil er mich festhielt und ankündigte, wir würden jetzt „ficken“. Ich wusste nicht, was das bedeutete und wollte seine Mutter nicht wecken. Er zeigte mir seinen Penis und versuchte, ihn mir in den Po zu stecken.
Ich fühlte, dass ich mich irgendwie noch mehr hätte wehren sollen, außerdem war nichts passiert, deswegen erzählte ich es nie jemandem.

Mit 6 hatte ich nur weibliche Lehrerinnen und trug kurze Haare. Die Jungs ärgerten mich, weil ich kein richtiges Mädchen sei und eine Jungenfrisur hätte.

Mit 12 wuchsen mir langsam Brüste.
Mit 12 ging ich an einem sonnigen Tag um die Mittagszeit an einer großen Straße entlang und fragte einen Mann im Anzug und Aktentasche nach dem Weg.
Erst zeigte er mir den Weg, dann begann er, mich zu bedrängen.
Er fragte, ob ich mit ihm schlafen würde,
ich sagte Nein.
Er fasste mir an den Hintern und sagte, mein Kleid sei so schön,
ich schwieg aus Angst.
Er sagte, ich würde seiner Exfrau so ähnlich sehen,
ich sagte, ich sei 12.
Er sagte, er hätte Kondome dabei.
Ich weinte,
er zog mich in eine Einfahrt,
ich lief weg.
Mit 12 rannte ich so schnell ich konnte auf die Türen einer S-Bahn zu und fuhr weinend und zitternd nach Hause, ohne dass jemand fragte, was los sei.
Mit 12 beschloss ich, dieses Kleid nie wieder anzuziehen und dass ich Jeans hätte tragen sollen und erzählte es keinem.

Mit 15 dachte ich, Feministin sei ein Schimpfwort.
Mit 15 sah ich das erste mal Germany´s Next Topmodel, weil alle darüber sprachen. Ich hatte damals Idealgewicht und war im Sommer darauf trotzdem wochenlang damit beschäftigt zu hungern. Ich aß nur noch Äpfel und Weintrauben, weil andere noch dünner waren, die im Fernsehen weniger wogen und ích beliebter bei den Jungs und überhaupt schöner sein wollte.
Mit 15 fiel ich bei einer Generalprobe um, weil ich seit Tagen nichts gegessen hatte.

Mit 16 verfolgte mich ein ehemaliger Politiker unserer Stadt auf dem Schulweg, verwickelte mich in Gespräche, kam mir viel zu nah und legte mir gutväterlich seine Hand auf den Arm oder auf´s Bein.
Als ich eine andere Route wählte und er mich sah, nahm er auch diese Route. Einmal war ich in der Zeitung und er rief mir zu, er hätte den Artikel ausgeschnitten und bei sich aufgehängt.
Ich hatte Angst, aber wollte nicht unhöflich sein.
Mit 16 gab sich jemand als Fahrkartenkontrolleur aus, um meine Adresse herauszufinden,
mit 16 strich jemand im Bus mit seinem Bein an meinem hoch,
mit 16 bekam ich auf Lokalisten.de mein erstes Dickpick.

Mit 17 warfen mir Mitschüler vor, ich sei nur so gut in der Schule, weil ich mit den Lehrern schlafen würde.
Mit 17 hielt mir ein fremder Mann ein Video vor´s Gesicht, auf dem er Sex hatte.
Mit 17 führte unser Englischlehrer Datensicherheit im Internet als Thema ein, indem er uns das skandalöse Dickpic des US-Abgeordneten Anthony Weiner zeigte und die Mädchen der Reihe nach fragte, was sie glaubten, auf diesem Bild zu sehen.
Mit 17 trug ich wieder kurze Haare und manche Jungs nannten mich Kampflesbe.

Mit 18 trug ich ein Gedicht auf einem Poetry Slam vor, in dem es um Abtreibung ging, und erhielt plötzlich Mails, die mir Vergewaltigungen androhten.
Mit 18 las ich unter meinen Youtubevideos, ich sei eine dumme Hure und gehöre „weg-gecockt“.
Mit 19 schrieb ich einen lustigen Text, ein Kollege riet, ich solle doch bei Mädchenlyrik bleiben. Später sagte er mir, für ´ne Frau sei ich ganz witzig. Das habe ich seither zu oft gehört.
Mit 20 behauptete ein Professor, Frauen hätten in der Wissenschaft nichts verloren.
Mit 21 lief ich durch einen ICE voller Betrunkener und wurde ungefähr zwanzigmal angefasst.
Mit 22 sang ich einem Professor für Gesang vor, der mir offenbar ein zweideutiges Angebot machte. Er schaute mir unverhohlen auf die Brüste und sagte, ich hätte ja die Figur einer Sängerin, dann schlug er vor, wir könnten uns etwas kennen lernen, als ich nichts sagte, meinte er enttäuscht „dann singen wir eben“.
Mit 23 berührte mich ein Mann in der Bahn und holte dann seinen Penis vor mir aus der Hose, während alle anderen einfach wegsahen.

Ich bin jetzt 24.
Wenn sich in der Bahn ein Mann* zu mir setzt, verkrampfe ich. Ich gehe im Kopf Strategien durch, wie ich mich wehren könnte.
Wenn ich am Tag an einer Gruppe junger Männer* vorbei muss, balle ich meine Hände zu Fäusten und schaue stur geradeaus.
Wenn ich nachts auf eine Bahn warte und einen Mann* sehe, versuche ich krampfhaft, ihn nicht anzusehen und grimmig zu schauen.
Dann ärgere ich mich über mich selbst.
Viel zu oft behalte ich aber doch Recht.
Ich spüre die Blicke auf meinen Brüsten, auf meinem Hintern.
Ich höre, wie jemand pfeift oder mir etwas ins Ohr haucht.
Ich werde gefragt, ob ich Single sei. Brüllend, geifernd, aufdringlich.
Man ruft mir hinterher, drängt mich mit dem Auto in Ecken,
viel zu oft bin ich mehr Objekt als Mensch.

Ich habe nie hungern müssen, musste nie vor Krieg fliehen, habe als Kind nicht gearbeitet, wurde nicht verheiratet. Ich hatte Zugang zu Bildung und sauberem Trinkwasser, ich bin krankenversichert, ich konnte studieren und Nachhilfe nehmen, Die Luft, die ich geatmet habe, war immer sauber genug. Ich wurde nie aufgrund meiner Hautfarbe diskriminiert und nie aufgrund meiner Herkunft ausgeschlossen und wenn die Welt morgen untergeht, dann zumindest nicht zuerst in Deutschland.

Neulich sagte ein Professor, alle großen Errungenschaften der Kultur kämen von Männern.
Neulich fragte ein Zuschauer, warum es so wenig Frauen auf Bühnen gäbe.
Neulich warf mir jemand vor, ich würde zu viele Sexismus-Texte schreiben.
Neulich sagte ein Jugendlicher, Frauen in Deutschland seien schon längst gleichberechtigt.

Aber mit 17 sagte ich still: Ich will.
Will alles oder nichts.
Und, dass ich das erlebt habe,
und, dass die meisten Frauen hier jederzeit eine ähnliche Liste schreiben könnten,
und dass wir 2018 haben und in einem der am weitesten entwickelten und reichsten Länder der Welt leben und dass das mich trotzdem betrifft,
das ist schon mal ganz sicher nicht alles.
Deswegen: Weiter kämpfen. Weiter träumen. Bis es rote Rosen regnet. Für alle!

Mehr dazu:

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

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