Das Funkeln der Diamanten

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(c) Steven Erixon (Unsplash)

Wir freuen uns über einen Beitrag von der Was geht Almanya-Autorin Pia Johannimloh. „Das Funkeln der Diamanten“ ist aus dem Buch „Aus Angst wächst Mut„, in dem außer Pia noch 18 weitere junge Menschen sehr persönliche Geschichten erzählen. In dieser hier geht es um einen Tag in der Schule, der ganz anders endet als erwartet… viel Spaß beim Lesen!

Der Regen prasselte gegen mein Fenster, so dass ich wach war, bevor der Wecker klingelte. Ich schaltete das Licht oberhalb meines Kopfes an, schlug die Decke zurück und stieg aus dem Bett. Als ich in den Spiegel schaute, erkannte ich mich selbst nicht wieder. Ich hatte dunkle Ringe unter den Augen und meine Haare sahen aus, als hätte ich einen Stromschlag bekommen. Nach gefühlten zwei Stunden hatte ich meine Frisur gebändigt und meine Augenpartie übergeschminkt. Am Frühstückstisch waren meine Eltern in ein Gespräch vertieft. Mein Bruder las seine Nachrichten, niemand nahm mein gelangweiltes „Morgen“ zur Kenntnis. Ich trank ein Glas Milch und aß einen Apfel. 

Es hatte aufgehört zu regnen, doch die Straßen waren immer noch nass. Die Blätter, die schon zahlreich von den Bäumen fielen, machten den Weg auch nicht besser. Es war rutschig und kalt. Der Berg kam mir an diesem Morgen noch steiler vor als sonst und ich musste mein Fahrrad hinauf schieben, um überhaupt herauf zukommen. Ich stellt mein Fahrrad hinter der Schule ab und beeilte mich, ins Gebäude zu kommen. Am Eingang passte mich eine Freundin ab und gemeinsam gingen wir geradewegs zu unserem Klassenzimmer. Unsere Lehrerin war wie immer zu spät und ihr Unterricht langweilig wie nie zuvor. Im Laufe der Stunde schliefen meine Mitschüler nach und nach ein oder versanken in ihren Gedanken. Mit der Zeit ließ auch meine Konzentration nach. Irgendwann schaltete ich ganz ab und hang nur noch meinen Gedanken nach. 

Die Glocke ließ uns alle hochschrecken. Langsam leerte sich unsere Klasse. Ich nahm das Klassenbuch an mich und verließ zusammen mit meinen Freundinnen den Raum. Die frische Luft auf dem Weg zur Sporthalle tat gut. Aber irgendetwas war komisch. Zuerst war es nur ein Gefühl, aber nach und nach wurde es Gewissheit. Und dann sah ich es auch: Meine Mitschüler beobachteten mich die ganze Zeit von der Seite und tuschelten miteinander. Was hatte das zu bedeuten? Was stimmte nicht mit mir? Mehrmals kontrollierte ich unauffällig meine Sachen. Hatte ich auch wirklich nichts vergessen? Nein, hatte ich nicht. Alles war da. Die Schuhe, ordentlich gebunden, die Hose, vorne geschlossen, das T-Shirt, ohne auffälligen Aufdruck und ohne flecken. Was war denn nur los? Warum starrten die mich so an?

Dann kassierte ich auch noch zwei dumme Sprüche, war aber nicht in der Lage, etwas zurück zu geben. Stattdessen antwortete meine Freundin, ohne dass ich verstand, worum es ging. In meinem Kopf lief eine Dauerschleife. Immer und immer wieder dasselbe. Eine Reihenfolge von Schritten perfekt auf die Musik abgestimmt. Zumindest war es für mich perfekt. Würden die anderen es genauso finden? 

Wir waren bei der Halle angekommen. Da draußen eine Eiseskälte herrschte, freute sich jeder über die geheizten Räume. In Windeseile zog ich mich um, schnappte mir das Klassenbuch und betrat die Halle. Dort hatte sich schon die Hälfte meiner Klasse versammelt.

Als Frau Hansen die Halle betrat, achtete zuerst niemand auf sie. Sie wurde nie beachtet, nie wahrgenommen und nie respektiert. Sie war eine von der Sorte, mit der man machen konnte, was man wollte. Niemals würde und könnte sie sich dagegen wehren. Doch heute war alles anders. Wir spürten es lange bevor sie bei uns angekommen war. Es lag förmlich in der Luft, dass diese Stunde nicht mehr so sein würde wie die vorherigen. Ohne dass sie ein Wort gesprochen hatte, wurden alle plötzlich still, merkwürdig still. Und wieder spürte ich die Blicke der anderen. Sie schauten nur mich an. Die Skepsis in ihren Blicken bohrte sich durch meinen Körper direkt in mein Herz. Für einen Moment hörte es auf zu schlagen.

Noch immer starrten mich meine Mitschüler an, als käme ich von einem anderen Planeten. Erst als Frau Hansen das Wort ergriff, nahmen sie ihre Blicke langsam von mir. Wieder sah ich an mir herunter. War etwas nicht in Ordnung mit mir? Hatte ich mein T-Shirt vielleicht falsch herum angezogen oder meine Hose auf links? Nein mit mir war alles in Ordnung.

Irgendwann bemerkte ich, dass wir im Halbkreis um Frau Hansen herum saßen. Ich bekam nur einige Gesprächsfetzten mit, den Zusammenhang verstand ich nicht. Als ich meinen Namen hörte, wurde ich hellhörig. Wie in Trance stand ich auf und stellte mich neben Frau Hansen. Wieder diese Blicke, wieder dieser stechende Schmerz. Das beliebteste Mädchen unserer Klasse funkelte mich böse an. Ich konnte sie noch nie leiden, ebenso wenig wie sie mich. Tom, mein Schwarm, lächelte mich anerkennend an. Seine strahlenden Augen und sein freundliches Lächeln taten mir gut. Wenigstens einer, der es gut mit mir meinte. Die anderen schauten einfach nur auf den Boden.

Mein Herz schlug so schnell, wie eine Rakete die gerade in den Himmel schießt, es schlug so laut, dass ich dachte, jeder hätte es hören können. Die Stimmen meiner Mitschüler wurden lauter. Dann standen alle auf und blickten mich erwartungsvoll an. Worüber hatte Frau Hansen gesprochen? Meine Freundin schaute mich verwirrt an, als ich sie danach fragte, aber sie gab mir Antwort.

Meine Lehrerin hatte also über mich und meine bisher unzumutbaren Leistungen gesprochen. Diese ungemein lieb gemeinte Rede beschwor nur noch mehr spöttische Blicke herauf. Selbst zwei meiner ehemals guten Freundinnen lachten nun über mich. Ich kochte innerlich vor Wut. Freunde? Das sollten Freunde sein?

Nur zwei Menschen lachten nicht mit. Tom, der Junge in den ich schon seit langem verliebt war und meine beste Freundin. Aber vielleicht steckte sie auch mit den anderen unter einer Decke. Von nun an würde ich auf mich allein gestellt sein. Niemandem konnte ich mehr vertrauen.

Während die anderen sich warm liefen, dehnte ich mich und lief zwei Runden mit. Das Verhalten meiner Mitschüler besserte sich auch im weiteren Verlauf der Stunde nicht. Das war mir mittlerweile aber auch ziemlich egal. Die dummen Sprüche die mich jede Minute erreichten und diese spöttischen Blicke schraubten meine Laune immer tiefer. Ich lief mit meiner Freundin zusammen und bald gesellte sich auch Tom zu uns. Wir kamen ins Gespräch und meine Laune besserte sich augenblicklich. Sie fiel aber sofort rapide wieder ab, als mich der nächste dumme Spruch erreichte. Er kam von Elias, dem Klassenclown, der sogleich die Faust meines Schwarms kassierte. Er taumelte und setzte sich unfreiwillig auf seinen Hosenboden. Die Klasse krümmte sich vor Lachen und ich wurde knallrot.

Dann sah ich, wie Tom stehenblieb und auf seine Hand starrte. Die Haut um seine Knöchel herum war aufgeplatzt und er blutete, aber zum Glück nur leicht. Während Frau Hansen die Hand untersuchte und verband, riss Elias schon wieder dumme Sprüche. Ich blickte Tom verlegen an und er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. Durch Toms Verletzung blieb nicht mehr viel von der Stunde übrig. Doch dieser letzte Rest gehörte nun vollständig mir. Während ich die CD einlegte, steigerte sich mein Lampenfieber ins Unermessliche. Es würde schwer werden, die Aufmerksamkeit meine Klasse zu bekommen, das wusste ich. Aber, dass es so schwer werden würde, hätte ich dann doch nicht gedacht.

Ich ließ sie sich in einer Reihe aufstellen, startete die CD und ließ ein Lied durchlaufen. Dann stellte ich mich zwei Schritte vor die Klasse und schaute in die Runde. Ich sah neugierige, aber auch verächtliche Blicke. Ich sah Neid und auch Respekt und ich sah ein strahlendes Lächeln. Dieser Blick war es, der mir signalisierte, dass ich es auf jeden Fall schaffen würde. 

Dann drehte ich mich um und mein Lied setzte ein. Ich kam gut in den Takt, tanzte – wie ich fand – ausdrucksstark und elegant, rhythmisch und fließend. Ja, ich tanzte, ich tanzte einfach vor den Augen meiner staunenden Mitschüler, vor der ganzen Klasse und vor Frau Hansen. Meine Angst, meine Unsicherheit und meine Wut waren mit einem Mal überwunden. Und wenn man die Zeit jetzt angehalten und sich mein Gesicht genauer angeschaut hätte, hätte man sehen können, dass meine Augen funkelten. Sie funkelten wie die schönsten Diamanten der Welt. 

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