(Don't) Call the doctor

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Höchste Zeit für eine neue Kolumne von Ika! Und zwar wieder mal mit einem sehr wichtigen Thema. Ärzt*innen und Mediziner*innen mangelt es viel zu oft nicht nur an ausreichend Kenntnissen zum Thema Inter* oder auch Trans*, sondern vor allen Dingen auch an Sensibilität und Empathie. Warum wird bei Unsicherheit nicht einfach nachgefragt? Warum werden persönliche Grenzen nicht respektiert? Warum werden Körper, die nicht der vorgegebenen und auswendig gelernten „Norm“ entsprechen, exotisiert? All das und noch viel mehr fragt sich Ika in diesem Text.

Die erste Person, die mir hätte mitteilen können, dass ich nicht Junge oder Mädchen bin, war eine Gynäkologin.
Aber statt mir zu sagen, dass ich Inter* bin und dass es völlig okay ist Inter* zu sein
hat sie nur von einem „genetischen Defekt“ gesprochen.
Hat Krankheits- und Syndrome-Begriffe genannt, die so gar nicht zu dem Bild was ich von mir selber hatte passten und mich dabei angeguckt als wäre ich ein Monster.

Vor 4 Jahren war ich bei einem Betriebsarzt. Ich sollte mein Shirt ausziehen und habe das getan. Er guckt mich an und meint: „Ja also – äh, Ihre Brust – hat die schonmal wer untersucht – also ich meine….“
Ich sage: „Ich bin trans*, die ist schon ok so.“
Er fragt: „Ja – aber Sie wirken ja schon eher männlich, also wann leben Sie das dann aus?“
Ich sage: „Jetzt. Ich bin Transmann. Und auch Intersex.“

Der Arzt guckt immer länger und aufdringlicher und ist wohl froh, so etwas, also mich, mal in Echt zu sehen.
Er meint das sei ja alles so spannend – und will wissen
– „Also schlafen Sie dann jetzt eigentlich mit Männern oder Frauen?“
Ich ignoriere die Frage – obwohl ich wohl am besten geantwortet hätte: Selbstverständlich nur mit anderen Zwittern.

Stattdessen redet er weiter mit sich selbst über meinen Körper. „Das ist ja bemerkenswert – weil also auf den ersten Blick merkt man ja gar nichts – und dann – also Sie können das dann auf der Arbeit sicher auch gut verstecken.“
Ich glaube, das sollte ein Kompliment sein.
Eigentlich konnte vor allem er seine Professionalität sehr gut verstecken.

Vor zwei Jahren war ich zu einer Leberuntersuchung an der Uniklinik – und wurde als erstes laut als Frau aufgerufen und dann von allen im Wartezimmer wegen meinem Bart angestarrt.
Der Arzt ist jetzt auch überfordert und unsicher – aber anstatt das einfach zuzugeben schnauzt er mich an und meint: „Ja- Herr – Frau – woher soll man da auch wissen, wie man Sie jetzt ansprechen soll.“

Später dann will er wissen ob ich denn die Brust noch noch operieren will und findet, es sei ja schon besser sowas dann auch komplett durchzuziehen.
Ich versuche seine ungebetenen Ratschläge zu ignorieren und mein Inter*Trans* sein zu erklären, aber er hört gar nicht wirklich zu.

Dann fängt er auch nach meiner Heimat zu fragen. Nachdem wir also schon zusammen meine Genitalien diskutiert haben – obwohl ich ihn gar nicht kenne und er natürlich nichts von sich erzählt – möchte er jetzt auch noch meine ganze Familiengeschichte erfahren. Ich gehe nie wieder zur Leber-Untersuchung.
Dafür mache ich mir – nicht zum ersten Mal – Gedanken über das Thema Inter* in der Medizin.

In unserer Gesellschaft haben Ärzt*innen eine ziemliche Machtposition.
Für manche sind sie wie Halbgötter in Weiß.
Noch immer sind es Ärz*innen, die Inter* als Krankheit definieren. Die Kinder ungefragt an den Genitalien operieren oder Hormone verabreichen ohne darüber aufzuklären.

Ärtzt*innen lernen im Studium: Genau so sieht ein „normaler“ Mensch aus. Alles andere ist ein Problem.
Dann wird auswendig gelernt, was bei welcher Abweichung zu tun sei, damit alles wieder „normal“ wird.

Sicher gibt es mittlerweile auch ein paar Progressive in der Medizin, die das anders sehen, aber die Mehrheit glaubt: „Inter* ist eine Krankheit . Und es ist Aufgabe der Medizin sie zu heilen. Auch wenn diese „Heilung“ aus Narben und Trauma und Scham besteht, ist das immer noch besser, als einen Körper zu haben, ohne Narben, der aber offensichtlich Inter* ist.“

Auch wenn es ein großer Erfolg war, dass es endlich einen dritten Geschlechtseintrag gibt, hat es traurig und wütend gemacht, dass wieder ausgerechnet Mediziner*innen entscheiden und begutachten sollen, wer denn jetzt Inter* genug ist. Obwohl es laut Medizin ja eigentlich gar keine Inter* gibt, sondern nur viele verschiedene Syndrome und Diagnosen von Leuten die alle eigentlich Männer* oder Frauen* seien, nur eben mit Abweichungen, die es zu korrigieren gilt.

Aber auch abgesehen von dem spezifischem Inter* Thema ist mir bei vielen Kontakten mit Ärzt*innen folgendes aufgefallen: Sie alle lernen wohl sehr viele Latein-Vokabeln im Studium, aber scheinbar gibt es kein einziges Seminar zu Empathie. Keine einzige Schulung darin, ein freundliches Gespräch mit Patient*innen zu führen.

Oder die Mediziner*innen, die ich getroffen habe, haben alle ausgerechnet dieses Seminar verpasst.
Jedenfalls bin ich wütend. Viele andere Inter* auch. Weil es Zeit wird, dass auch Mediziner*innen unsere Körper respektieren. Und nicht daran herum experimentieren.

Das biologische Geschlecht ist komplexer als die meisten glauben.
Hormone, Chromosonen, innere und äußere Anatomie spielen eine Rolle.
Im Übrigen ist jeder Mensch als Embryo Inter* und fast alle Menschen haben sowohl Testosteron als auch Östrogen im Blut.

Es gibt soviel Unwissen zu dem Thema biologisches Geschlecht, dass ich einmal, nachdem ich mich als Inter* geoutet habe, von einer Person gefragt wurde: „Ja und welche Farbe hat dann dein Blut?“
Es ist Rot. Leider gibt es kein Regenbogenfarben-Inter*-Blut, womit ich angeben könnte.
Es glitzert auch nicht im Dunkeln.

Denn obwohl unsere Körper so exotisiert werden gilt ja: eigentlich sind die Ähnlichkeiten zwischen Inter* und Endo (nicht Inter*) Körpern sehr viel größer als die Unterschiede.

Mehr dazu:

Ich bin Ika Elvau. Weil ich selber keine Geschichten kannte von Leuten die so sind wie ich, nämlich Inter*, habe ich einfach angefangen welche zu schreiben. Ich freue mich hier auf meinTestgelände eine Plattform zu bekommen damit die Pubertät für andere, jüngere Inter* vielleicht nicht ganz so verwirrend und überfordernd wird wie für mich.

One Comment

  1. Hallo Ika,
    deine Beiträge hier auf meintestgelaende.de finde ich richtig toll und ich hoffe, dass ich dich als Interviewpartner*in gewinnen kann!
    Die FUMA Fachstellte Gender & Diversität NRW ist eine landeszentrale Fachstelle der Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Wir qualifizieren und beraten Pädagog*innen und Einrichtungen zu den Themenfeldern geschlechtliche Vielfalt, Interkulturalität und Diversität.
    In unserem Projekt #BIT* | Basics Inter* und Trans* entwickeln wir einen Selbstlernkurs für pädagogische Fachkräfte, der Basiswissen über geschlechtliche Vielfalt, Inter* und Trans* vermittelt. Dabei ist es uns sehr wichtig, die Menschen, um die es geht, selbst zu Wort kommen zu lassen. Deshalb möchten wir ein Interview mit einer inter* Person und eins mit einer trans* Person einbinden. Dabei soll es um persönliche Erlebnisse gehen, z. B. Erfahrungen in der Schule, in der Familie, im Freund*innenkreis.
    Der Dreh soll im März in Essen stattfinden. Fahrtkosten erstatten wir und wir zahlen ein Honorar.
    Wenn du Interesse hast kannst du gerne eine Mail schreiben an bernadette.mohlen@gender-nrw.de. Falls du dir das jetzt schon eher nicht vorstellen kannst, bin ich dir für eine Absage dankbar!
    Einen ersten Eindruck vom Kurs bekommst du hier: https://www.gender-nrw.de/bit/. Schau‘ gerne rein!
    Viele Grüße
    Bernadette Möhlen

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