Rika Dost: ATLAS TÖCHTER

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(c) Jen Theodore/Unsplash

Heute freuen wir uns, euch einen weiteren Beitrag aus dem LizzyNet-Schreibwettbewerb „Das ist mir was wert!“ zum Thema Werte, Grundrechte und Demokratie präsentieren zu dürfen 🙌 Der Wettbewerb wird gefördert vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen. Der heutige Text ist ein feministisches Gedicht von Rika Dost.

„Ich bin eine Frau
und ich will viele Dinge.
Die Welt, zum Beispiel.“

Tut mir leid.
Klingt das töricht?
Oder naiv?
Vielleicht sollte ich sagen:
„Bitte, gnädiger Herr,
dürfte ich wenn möglich darum bitten?
Wenn Ihr es erlaubt.“

So werden wir erzogen,
so werden wir geboren.
Auf die männliche Meinung wird geschworen
und Ungerechtigkeit wird zur Regel verbogen.

Wir sollen uns klein machen,
am besten schweigen,
nicht schwierig sein
und uns vor den Krümeln verneigen,
die man uns hinwirft
als wären wir Vieh.

„Ich bin eine Frau
und ich bin wütend.“

Soll ich euch sagen,
was ich will?
Nein?
Ich sag es euch trotzdem.
Nein heißt doch ja.
Das habt Ihr oft genug bewiesen.

Ich will
Autonomie über mich selbst.
Mein Körper, meine Regeln.
Egal ob
im kurzen Schwarzen
oder im Anzug mit Hut,
in Tarnfarben
oder so wie Gott mich schuf.
Ich bin ich
und ich verdiene Respekt.

Ich will
nachts spazieren gehen
ohne mich zu fürchten,
denn ich liebe die Dunkelheit
und verehre die Nacht,
doch verabscheue zutiefst,
was Ihr aus ihr macht.

Ich will
ernst genommen werden
in jeder Lage
egal
wie viel ich getrunken habe
oder wie viel Makeup ich trage.
Egal
wie ich mein Leben gestalte
oder wessen Hand ich halte.
Ich bin ich
und ich verdiene Respekt.

Nochmal zum Mitschreiben:
Ich bin ich
und
Ich. Verdiene. Respekt.

Ich will
keine Regeln darüber lesen,
wie man nicht missbraucht wird:
Gehe nicht allein bei Nacht.
Trage deine Haare kurz.
Trinke nicht.
Tanze nicht.
Lebe nicht.
Wisst ihr, was wir damit sagen?
Vergewaltige die Andere.

Ich will,
dass wir Männern
beibringen
nicht zu vergewaltigen,
Grenzen zu respektieren.
Ich will auch,
dass wir ihnen erlauben
zärtlich zu sein und grenzenlos zu lieben,
denn wir erziehen sie schon zu lange
zu unmenschlichen Menschen.

Ich will
nichts weiter als ein faires Spiel,
denn ihr gewinnt schon zu lange mit gezinkten Karten.
„All in“, sage ich,
„ich will sehen.“
Kann dann vielleicht sogar verstehen,
warum ich die einzige Frau
in diesem Spiel hier bin.

Und wenn ich gewonnen habe,
dann steige ich auf den Tisch,
pflücke mir einen Blumenstrauß aus Krawatten
und sage, was endlich gesagt werden muss:

„Habt ihr es noch nicht gehört?
Trennung ist eine Illusion
Ich bin kein ich,
und du kein du,
wir sind ein wir,
nichts weiter als ein
amorphes milliardenköpfiges Tier,
das älter wird
und doch niemals reift,
jeden Tag stirbt, geboren wird
und doch niemals begreift.

Ihr habt schon vor langem
unsere Namen vergessen,
vergessen wer wir sind,
vergessen, dass es unser Blut ist,
das unter euren Füßen zu dem roten Teppich gerinnt.

Lasst mich euch erinnern.

Nennt uns Atlas Töchter,
denn auf unseren Schultern rumort der Himmel
und unter unseren Füßen
bebt die Erde.
In unserem Inneren geschieht das Sein,
das Leben
und das Werden.

Ich bin eine Frau
und ich will viele Dinge.
Für den Anfang
genügt mir die Welt.“

Mehr dazu:

„Wir sind die LizzyNet-Redaktionsgruppe aus Köln und arbeiten mit bei meinTestgelände, weil wir hier ausgewählte Beiträge von LizzyNet-Wettbewerben vorstellen möchten, die sich mit aktuellen Themen rund um Jugendliche und Gender beschäftigen.

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