Handwerklich ungeübt und bevormundet?

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(Pixabay)

Wir begrüßen eine neue Autorin auf meinTestgelände: Herzlich willkommen, Ann Katrin! In ihrem ersten Text geht es um’s Handwerken und um die Frage, was junge Menschen alleine im Haushalt instand halten können — und welche Rolle das Geschlecht dabei spielt… Wie sieht es bei euch aus? Traut ihr euch zu, Möbel selbst aufzubauen, oder würdet ihr euch eher für den Montage-Service entscheiden? Viel Spaß beim Lesen!

Bei einem Umzug in eine neue Wohnung oder auch ein Haus kommt es immer zu den üblichen Aufgaben und manchmal auch zu eher seltenen handwerklichen Herausforderungen. Zuletzt kam ich über diese To-Do´s ins Gespräch und habe zwei für mich sehr typische Reaktionen erlebt: „Du kannst sowas? Das ist ja cool“ und „Denk daran es so und so zu machen. Oder soll ich es schnell für dich erledigen?“. Neutral betrachtet sind diese Sätze sehr freundlich gemeint und sind auch bei vielen Menschen einfach die erste Reaktion. Jetzt kommt es aber zum Kontext; der erste Satz kam von einer weiblichen Person und letzterer Satz von einer männlichen Person. Und wenn ich so über meine Gespräche zum handwerklichen Bereich nachdenke, sind das auch in 90% der Fälle diese Reaktionen die ich von Gesprächspartnern meines Alters erhalte. 

Da kommt mir die Frage: sind jüngere Generationen handwerklich unbegabt geworden? Und sind häusliche Aufgaben weiterhin auf die Geschlechterrollen festgelegt? 

Zum handwerklichen Hintergrund von Generation Y und Z können immer Statistiken und Zahlen herangezogen werden, aber die sagen oftmals nichts über private Fähigkeiten aus. Mein persönlicher Hintergrund ist eher akademischer Natur und dennoch bin ich sowohl in allgemeinen als auch speziellen Gebieten des Handwerkes so gut befähigt, dass ich nicht um Unterstützung bitten müsste. Lampen anbringen oder auch ausgefallenere Reparaturen sind für mich keinerlei Problem; handwerklich ausgebildete Familienmitglieder haben unterschiedliche Lektionen stets in den Alltag integriert und so einen nachhaltigen Lernprozess geschaffen. Aber wie verhält es sich mit den anderen Mitgliedern meiner Generation? 

Laut offiziellen Statistiken gab es 2019 knapp 5.56 Millionen Personen im Alter von 14-20 in Deutschland. Natürlich gehen viele dieser Menschen noch zur Schule, aber einige davon starten eventuell schon eine Ausbildung, dann stellt sich die Frage, welche Karriere Wege eingeschlagen werden. Eine andere Statistik zeigt auf, dass im Jahr 2019 insgesamt 139 Tausend neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen werden. 

Wenn dieser Anteil nur auf die Gruppe der 14-20-Jährigen angewendet wird, ist es ein geringer Bruchteil der Altersgruppe die sich für eine handwerkliche Ausbildung entscheidet. Viele von diesen neuen Azubis brechen die Ausbildung eventuell auch ab, weil es doch nicht die richtige Wahl war oder einige werden auch vorzeitig entlassen aufgrund anderer Einschätzung durch die Arbeitgeber. Das heißt, es bleiben nicht mehr sehr viele Azubis, die die Ausbildung durchziehen und ins Berufsleben starten. Alles in allem, scheint es ein geschwindend geringer Anteil der jüngeren Generationen zu sein, die sich für eine Ausbildung im Handwerk interessieren und sich dort beruflich auch niederlassen. Was aber tun die restlichen Millennials und Digital Natives 2.0, wenn sie nun vor handwerklichen Herausforderungen im Haushalt stehen? 

Im Laufe unseres Lebens ziehen wir ca. 4,5-mal um. Daher müssen wir für jeden dieser Wohnorte die üblichen Installationen vornehmen. Diese beinhalten Lampen zu installieren, eine Waschmaschine anschließen, Möbel aufbauen, Bilderrahmen oder Spiegel anbohren und manchmal auch Küchenmöbel installieren. Viele Möbelhäuser bieten mittlerweile schon einen Montage-Service an und auch für größere Elektro-Geräte wird ein ähnlicher Service geboten. Beides kostet teilweise aber auch einen sehr teuren Aufschlag und nicht jede Person kann sich so etwas leisten. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Faktor, Pärchen die gerade zusammenziehen und die Wohnung einrichten, möchten sich ihr Heim gemeinsam gestalten und entscheiden sich auch dazu die Möbel selbst aufzubauen. Möbelhäuser wie IKEA bieten zwar auch eine babyleichte Aufbau-Anleitung, aber wie steht es damit Löcher zu bohren oder eventuelle Reparaturen in der Wohnung vorzunehmen? Da kommt es dann doch wieder zu Problemen. Kleinere Reparaturen sind schnell gemacht, aber wenn ein Regal doch nicht ganz optimal hält, stehen einige Personen schon vor der Herausforderung zu entscheiden woran es liegen könnte. Und eine gute Lösung zu finden.

Ein weiterer kritischer Punkt von handwerklichen Fähigkeiten scheint die gesellschaftliche Akzeptanz der Rollenverteilung zu sein. Seit Jahrhunderten ist Frauen die Aufgabe der Kindererziehung und täglicher, häuslicher Aufgaben wie Kochen, Putzen und Wäschewaschen zugeordnet. Für Männer sind es hingegen der Unterhalt; der Schutz der Familie und die handwerklichen Tätigkeiten. Aber was passiert, wenn diese stereotypischen Rollen aufgebrochen werden? Die beiden häufigsten Reaktionen habe ich schon beschrieben. Als Frau werde ich entweder bewundert oder bevormundet. Hinzu kommt noch mein Alter, mit 25 Jahren scheine ich in den Augen der meisten Personen zu jung, um mich in den entsprechenden Aufgaben ausreichend auszukennen oder eine Ahnung zu haben, was ich da tue. Die Generationen Y und Z brechen viele Geschlechterrollen immer mehr auf, sie beschäftigen sich immer häufiger mit tabu Themen. Aber sind diese Verhaltensweisen nur ein Dramaspiel oder wenden sich die jüngeren Generationen wirklich zum rollenunabhängigen Handeln? 

Obwohl Handwerksbetriebe die Stellenanzeigen immer häufiger geschlechterneutral verfassen oder eine Begünstigung diverser Geschlechter ausdrücken, sind kaum drastische Veränderungen wahrzunehmen. Allein der Anteil weiblicher Auszubildenden im Handwerk hat sich über die Jahre von 1992 bis 2017 kaum verändert. Mit Schwankungen zwischen 19% und 24% scheint der Anteil weiterhin zu gering zu sein, um dem femininen Geschlecht eine handwerkliche Bedeutung zukommen zu lassen. Doch an dieser Stelle kommt auch der Zweifel auf, ob es nur an den gesellschaftlichen Strukturen gelegen ist, dass weibliche Personen nicht ins Handwerk aufgenommen werden. Oder ob es auch den Frauen selber liegt, sich nicht in die Tätigkeiten einfinden zu wollen? 

Klar ist jedenfalls, dass weiterhin geschlechtliche Vorurteile auch bei den jüngeren Generationen noch spürbar vertreten sind und es eine große Herausforderung bleibt, diese Ansichtsweisen zu einem angenehmeren Standpunkt zu verändern. 

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Als geborene Hamburgerin habe ich schon ein wenig etwas von der Welt gesehen und auch einiges erlebt. Bei MeinTestgelände kann ich über diese Erlebnisse und Unterschiede in den verschiedenen Kulturen berichten und auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Besonders die Gleichberechtigung diverser Geschlechter liegt mir am Herzen, nicht nur in der Berufswelt, sondern besonders im Alltag.

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