Das Kratzen - Lukas Kluge

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(c) Elements Of This World  CC BY 2.0

Heute präsentieren wir euch den Text, der ganz offiziell den 2. Platz bei unserem Jungen*-Wettbewerb belegt hat! Es ist ein Gedicht, und geschrieben hat es Lukas Kluge. Herzlichen Glückwunsch! Und jetzt viel Spaß beim Lesen: 

Es kratzt

Es kratzt an meiner Haut

Von innen
Es kratzt an der Hülle

Ein langer Nagel auf einer Tafel
Es kratzt lang und unaufhörlich
Es streckt, greift, beißt, schlägt von innen zu

Es will raus und schnürt mir den Hals ab.

Ich wasche mich und rubbel so lange bis die Haut rot ist
Egal wie lange ich reibe,
Es lässt sich nicht abwaschen.

Ich schneide meine Haare ab in dem Versuch, meinen Körper zurückzugewinnen.

Der Wunsch zu sein ist endlos.
Nur zu sein gibt mir die Freiheit, frei zu sein.

Ich will leben, ohne täglich damit konfrontiert zu sein, wie andere mich sehen.
Ich will mich dem Blick der Welt entziehen.

Ich sehe meinen Körper im Spiegel und schaue ihn so lange an, bis es nicht mehr mein Körper ist.
Dann ist es ein Körper, Muskeln, Sehnen, Fett, Haaren, Haut, Nägeln, Knochen, Gliedmaßen,
Venen, Gelenke, Poren, Talg, Pickel, Muttermale,
und er bewegt sich
und er atmet
und er ist.
Er ist weich und hart, beweglich und fest, manchmal ganz groß und manchmal ganz klein, kalt und warm, rund und eckig, sensibel und robust.
Er ist alles.

Alles an ihm ist beweglich, statisch und dynamisch.
Der Körper ist mein Leben und doch ist mein Leben viel mehr als mein Körper.

Das Zimmer ist kalt und ich spüre, wie sich die Gänsehaut auf dem Körper ausbreitet.
Ich sehe, wie sich die Haare aufstellen und spüre die Kälte.

Auch wenn ich für ewig mit diesem Körper verbunden bin,
spüre ich die Vollkommenheit, die das einfach Sein in mir auslöst.
Und in diesem Moment lässt das Kratzen nach.

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