Less lesbian Lesbe

isi-parente-TN8dZ893ue0-unsplash
Isi Parente

Ursula beschreibt „den Prozess ihrer lesbischen Subjektivierung“, der die Frage aufwirft, wer sich eigentlich als lesbisch bezeichnet und warum? Und was ändert sich, wenn sich was ändert?

Bis vor zehn Monaten habe ich mich noch als lesbisch definiert. Die längste Zeit in meinem Leben war ich queer. Ich nutzte das Label bereits in meiner Jugend für mich. Es sollte ausdrücken, dass ich nicht einfach nur pansexuell bin, sondern auch eine politische Person, die diese Bezeichnung als politischen Kampfbegriff versteht und sich der queeren Community zugehörig fühlt. Damit identifizierte ich mich, bis ich mit 22 step by step, über ein Jahr hinweg begriff, dass ich lesbisch bin. Das war eine wunderbare Phase. Aber auch anstrengend und aufwühlend, da ich mich gefragt habe, ob das die richtige Kategorie für mich ist, und ob ich, wenn ich einmal sage, dass ich lesbisch bin, dann immer lesbisch sein muss und was das dann (für den sehr unwahrscheinlichen Fall), dass ich mich doch nochmal in einen Mann verlieben sollte, bedeutet. Ich nenne diesen Prozess immer meine „lesbische Subjektivierung“. Ich begann mich zu erinnern und ein anderes, ein ursprünglicheres und gleichzeitig neues Ich zu entdecken.

Als Zehnjährige habe ich die „No Angels“ gehört, besonders das Album „Elle‘ments“. Ich erinnere mich an die zerkratzte Hülle und das Booklet, bestehend aus Songtexten und Bildern. Auf ihnen waren die fünf Sängerinnen in Outfits zu sehen, welche die Elemente verkörpern sollten. Jede von ihnen ein anderes. Nadja Benaissa war Luft. Auf dem Cover hatte sie ein lila-glitzernd schulterfreies Top an, das ich noch exakt vor Augen habe. Ich war lange davon überzeugt, dass ich diese Frauen einfach schön fände und irgendwann so aussehen und singen wollen würde wie sie. Dass es nicht nur das war, war mir damals nicht bewusst.

Ich erinnerte mich und reflektierte meine Kindheit und Jugend und begriff, dass es immer schon da gewesen war. Die Vorstellung meines kindlichen Ichs, das das Booklet hunderte Male durchblätterte und Nadja behutsam erkundete, konnte endlich freigelegt und als ent-täuschte, ehrliche Erinnerung gedeutet werden: Ich habe mich erotisch auf sie bezogen. In Konversationen mit Freund*innen wurde deutlich, dass es nicht nur mir so ging. Auch andere Frauen mussten tief graben, um an den Kern ihres Begehrens zu gelangen. Ich realisierte, dass dieser Kern vor langer Zeit Wurzeln in alle denkbaren Richtungen geschlagen hatte. Nicht-geradlinige Wurzeln wurden jedoch unmittelbar von der Heteromatrix beschnitten, durften sich nicht entfalten und niemals neue Triebe entwickeln. Erst als ich sie nach langer Zeit und viel Mühe ausgrub, gab ich ihnen den Raum zu wachsen.
Und sie wuchsen. Ich trat auf die Straße und mein Körpergefühl hatte sich verändert. Ich lief aufrechter, selbstbewusster und begann Frauen anders anzusehen. Mein Blick auf sie war bisher durchaus liebevoll, solidarisch, häufig platonisch, selten auch sexuell, aber meist dominiert von einem Konkurrenzgedanken. Dieser vergleichende Blick war nicht von einem auf den anderen Tag weg, das ist er bis heute nicht. Er ist leider eins der extrem psychisch belastenden Resultate einer weiblichen Sozialisierung im Patriarchat. Dass man sich selbst und andere Frauen abwertet und in eine Konkurrenz um den Mann tritt, oder zumindest darum konkurriert, wer nach patriarchalen Standards die Schönste, manchmal auch Schlauste, halt generell die Beste (in wtf auch immer) ist. Und am Ende geht es meist um die Anerkennung von einem Mann: Dem Vater, dem Dozent oder dem Chef – der Bezug muss nicht immer ein romantischer oder sexueller sein. Aber wir lernen eben, dass wir erst dann etwas wert sind, wenn ein Mann uns das bestätigt. Wenn ein Mann uns lobt oder liebt oder begehrt.

Und auf einmal ist dieser Druck von mir abgefallen. Als hätte sich etwas, an dem ich bereits lange gearbeitet hatte, gelöst. Mein Zugang zur Welt wurde ein anderer, da sich mein Blick auf Frauen und so auch auf mich selbst verändert hatte. Ich begann Frauen offener und bewusster zu begehren und ich legte behutsam die Schichten ab – die etlichen Schichten der heterosexuellen Subjektivierung zur Frau.
Es war sooo befreiend, Frauen erotisch zu begehren. Und vor allem, da dieses Begehren nicht von einem männlichen Blick geprägt war, sondern eine Eigenständigkeit entwickelte. Ich begehrte Frauen, die nicht ins normative Schönheitsideal passten. Als wäre endlich ein Knoten geplatzt, der mir erlaubte, Frauen und mich selbst nun richtig zu sehen und nicht mehr durch eine heteropatriarchale Brille. Ich durfte andere Menschen, mich und unsere Beziehungen unter Maßstäben betrachten, die ich stückweise mit Hilfe von lesbischer Literatur, Filmen und Serien erspürte und formte. Ich habe mich gestärkt gefühlt, auch in meinem Körper, den ich fortan neutraler, aber auch wertschätzender und liebevoller betrachtete. So entdeckte ich Erotik, weiblich gelesene Körper und Dynamiken zwischen Frauen neu. Meine Fantasie war so viel freier, auch freier von Gewalt. Ich konnte plötzlich eine Sexfantasie haben, in der ich dominant war, ohne mich auf einmal in einen Mann zu verwandeln. Eine Sexfantasie, mit mir als dominanter Frau, ganz ohne Gewalt. Der Perspektivwechsel auf Frauen eröffnete mir die Möglichkeit eine konsensuelle, respektvolle erotische Begegnung zu kreieren. Die Gleichzeitigkeit von Erotik und Identifikation, Begehren und Respekt ermöglicht ein Moment, das sich grundlegend von heteropatriachalen Standards unterscheidet. Es hat sich so emanzipatorisch angefühlt, so wichtig, so elementar, dass ich dachte, das ist revolutionär, das braucht der Feminismus, das soll jede Frau erleben und deshalb begann ich darüber zu lesen und zu schreiben, bis ich nach langer Zeit eine 50 seitige Bachelorarbeit beendete.

Audre Lorde liegt auf meinem Tisch. Natürlich nicht sie. „Zami“, ihr Buch. Neben Sara Ahmed, Sabine Hark und Alice Walker. Lesbische Literatur. Lesbische Theorie. Da finde ich mich drin wieder, auf so vielen Ebenen. Ich sehe „Audre Lorde – The Berlin Years“ und verliebe mich in sie. Wärme steigt in mir auf. Oh, ich bewundere diese Frau. Ich empfinde eine kindliche Zuneigung zu ihr, sie hat eine mütterliche Wirkung auf mich. Audre Lorde ist für mich mehr als akademischer Habitus, Universität, die Diskussion im Seminarraum, ein Name den man gerne droppt. Audre Lorde soll neben meinem Bett liegen, während ich über sie wache und sie über mich, während wir uns unsere erotischen Sehnsüchte zuflüstern. Lesbisches Begehren. Du bist der Inbegriff von lesbischem Begehren für mich. Du hast mir die Welt eröffnet, in der ich nun Zuhause bin. Ich möchte mehr und mehr lesen von Dir, möchte all Deine Bücher in meinem Regal stehen haben. Niemand wird das ganz verstehen, aber Du hast etwas in mir ausgelöst, das so viel mehr ist, als alles je zuvor.

Dennoch ist es ein Prozess, in dem ich immer wieder in alte Muster zurück falle. Denn die Zurichtung zur Frau ist nicht einfach mit dem Erwachsenenalter abgeschlossen. Wir lernen Frauen vergleichend zu betrachten und dem kann ich mich nicht entziehen, nur weil ich mich auch erotisch auf sie beziehe. Die patriarchale Idee von Frauen und ihre Inszenierung als Konkurrent*innen in einem Schönheitswettbewerb im Kampf um den Mann ist omnipräsent. Das klingt absurd, aber diese Mechanismen greifen nach wie vor. Ich sehe einen Mann auf der Straße, der mit mir flirtet und ganz ohne es zu wollen, checke ich, ob ich gut aussehe, achte auf meine Haltung, meinen Gesichtsausdruck und trete, wenn auch nur sehr subtil, in Interaktion mit ihm. Dabei finde ich ihn weder anziehend, noch will ich, dass aus diesem Blickflirt etwas folgt. Eigentlich will ich nicht mal diesen Blickflirt und ständig checken, ob ich gut aussehe. Und wenn ich Frauen begegne, vergleiche ich auch heute noch manchmal unsere Körper, die Kleidung, die wir tragen, wie wir uns ausdrücken, was wir leisten und die Aufmerksamkeit, die wir von Männern bekommen. Das heißt es kann koexistieren. Ich habe mich also als Zehnjährige nicht nur erotisch, sondern auch vergleichend auf Nadja Benaissa bezogen, weil es mir als normal eingeprägt wurde. Heute weiß ich, dass diese Normsetzung keine Wahrheit ist, sondern ein Konstrukt, und dass mein Begehren immer schon deviant war. Es ist jedoch weder vorgesehen, die Tools zu haben dieses zu erkennen, noch das Vokabular zu lernen es zu artikulieren. Ich war ein zehnjähriges Mädchen, das bereits gewaltsam zur Frau sozialisiert wurde. Und Frauen werden in dieser Gesellschaft immer im Bezug zum Mann gedacht.

Das alles wurde nicht gerade leichter, als ich mich dann vor zehn Monaten wieder in einen Mann verliebte. In einen heterosexuellen Cis-Mann. Und seitdem kann ich ja irgendwie nicht mehr so richtig behaupten, dass ich lesbisch bin. Also nutze ich den Begriff nur noch selten leise murmelnd, weil ich denke, ich darf ihn nicht mehr für mich beanspruchen. Deshalb sage ich jetzt eher, ich bin gay oder halt eben wieder queer. Das bedeutet auch, dass mein Begehren für Frauen in den Hintergrund gerückt ist und ich wieder stärker mit klassisch weiblich sozialisierten Mechanismen zu kämpfen habe, die heterosexuelle Dynamiken so mit sich bringen können. Außerdem werde ich häufig als heterosexuell gelesen und unsere Beziehung auch. Das ist sie aber nicht, nicht nur, weil ich, ich bin queer. Vielleicht bin ich jetzt also wieder politisch pansexuell, mit einem dollen Hang zu Frauen und irgendwie gerade mit einem Mann zusammen. Vielleicht bedarf es auch einfach keiner Kategorie. Denn meine lesbische Subjektivierung ist eins der besten Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind. Weil sie mich näher zu mir selbst und anderen Frauen gebracht hat. Weil sie mich Frauen anders sehen und lieben lässt, weil sie mir die Welt eröffnet hat, in der ich mich am meisten gesehen und am wohlsten gefühlt habe und am ehesten Zuhause war.
Versteht mich nicht falsch. Ich bin immer noch in diesen Mann verliebt und auch wenn es mich anfangs verwirrt hat, ich mich an den Gedanken gewöhnen musste und auch immer wieder fliehen wollte, habe ich mich bewusst für ihn und diese Beziehung entschieden. Weil ich eben ihn, als Menschen liebe. Aber ich weiß auch, dass es einen Teil von mir, der mir Kraft gibt, wieder unsichtbarer macht. Ich möchte damit sagen, emanzipatorische Prozesse sind nicht stetig und können auch Rückschläge und Abweichungen beinhalten. Sie sind widersprüchlich und kommen in Phasen und erfüllen nicht immer das Fortschrittsnarrativ, in dem gerne über sie berichtet wird. Ich habe niemals damit gerechnet, dass mich so starke Gefühle, die aus einer patriarchalen Vorstellung der Frau gebären, erneut einholen würden. Ich dachte manche Muster hätte ich ausreichend theoretisch durchexerziert und so hinter mir gelassen. Aber auch da wurde ich enttäuscht. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch in einer heterosexuellen Dynamik emanzipatorische Prozesse durchlaufen kann. Gerade bin ich an anderen Stellschrauben und arbeite eben gemeinsam mit einem Mann an den Widersprüchen einer feministischen heterosexuellen Beziehung, Fremdzuschreibung und Selbstidentifikation. Und dennoch wünsche ich mir wieder mehr Momente, in denen meine Frauen-begehrende Seite Raum hat, sichtbar ist und ich diesen ganz besonderen, wahrlich revolutionären Blick auf die Welt und mich selbst habe, der mich inspiriert und stärkt.

 

 

 

Ich lebe und arbeite in Leipzig und studiere Kulturwissenschaften im Master. In meiner Poesie und Prosa verarbeite ich Erlebtes, kanalisiere meine Gefühle und gebe ihnen, oft in szenischen Beschreibungen, einen Ausdruck. Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen Verhältnissen auseinandersetzen.