Körperbrief

2023-07-13_mT_Web_Beitragsbild_Phuong_Körperbrief

„Du veränderst dich in letzter Zeit. Oder meine Wahrnehmung auf dich verändert sich“, schreibt Phuong.

Lieber Körper,
ich habe nie daran gedacht dir jemals zu schreiben, als ein Etwas zu betrachten, als ein Konstrukt,
als etwas Eigenständiges. Ich sehe dich viel zu sehr als etwas Getrenntes von mir an; und
gleichzeitig bist du mein Gefängnis. Mein ganz persönliches.
Du veränderst dich in letzter Zeit. Oder meine Wahrnehmung auf dich verändert sich. Irgendwie
sehe ich dich jetzt anders. Ich weiß nicht wann und wie dieses Chaos schon wieder angefangen
hat und anfangen konnte.
Heute beim Duschen habe ich dich nur wage betrachtet: Die Haare sind noch immer lang.
Manchmal würde ich sie dir alle abrasieren wollen, aber dann bin ich doch zu faul. Und eigentlich
mag ich diesen Achselgeruch an dir.
Ich bin so verwirrt, ich weiß nicht was lost ist. Du bist so dünn geworden. Irgendwas ist anders
geworden. Oder bilde ich mir das nur ein? Denn deine Taille ist noch immer da und dein Becken
stickt auf einmal so hervor. Aber deine Oberschenkel werden muskulöser, besonders in der
Schmertterlingsstellung ist das gut zu sehen. Trotzdem hast du noch deine Hüfte und deine
haarlosen Oberschenkel.
Ich will dich verändern. Ich möchte, dass du dich schnell veränderst.
Aber ich weiß nicht in welche Richtung und wie und warum und welche Teile von dir. Und ich weiß
auch gar nicht, ob ich es wirklich will, oder besser gesagt, brauche.
Oder ob es irgendetwas ändern würde.
Weißt du, ich träume davon mit dir im Sommer oberkörperfrei am See liegen zu können, die Hände
hinter deinem Kopf verschränkt, Kopfhörer in deinen Ohren, dein „Fuck You“ unter der Brust
tätowiert und in deinem Mund ein Joint.
Ich hab so vieles ausprobiert, aber deine Brüste sind zu groß. Dieses scheiß Tape war nicht fest
genug. Dabei hättest du so schön aussehen können. Vor allem mit den Härchen, die unter deinem
Bauchnabel verlaufen. Wie hot du aussehen würdest!
Ich weiß nicht was ich tun soll; ich will ja nicht gegen dich ankämpfen. Vielmehr habe ich das
Gefühl, dass du gegen mich kämpfst. Und ja ich weiß, du kannst ja nichts dafür. Ich weiß nur
einfach nicht wie ich das alles aushandeln soll, mit dir. Ich mein, dich sieht zwar eh niemand außer
ich, und auch nur ich weiß wie du dich anfühlst. Ich kenne alle deine Stellen, über die du dir
unsicher bist. Aber dein Ekzem auf dem Bauch und unter den Brüsten wird besser. Dein
Schamhaar, das seitlich aus der Unterhose hinauswächst, sieht schön aus. Dein Lachen und
Lächeln finde ich auch voll schön, du strahlst dann immer so. Und mittlerweile finde ich deine
Augen auch schön.
Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich dich jemals schön fand. Ich weiß, dass ich mit dir schon immer
unzufrieden war, und dass ich dich immer biegen wollte und es auch versucht habe. Ich weiß auch,
dass du nie genug sein wirst.
Und deshalb hab ich auch so Angst, weißt du. Ich habe so Angst davor, dass Menschen dich eklig
finden werden, oder abstoßend, oder hässlich. Ich habe auch insgesamt Angst davor dich anderen
zu zeigen. Nicht mal ich guck dich an, nehme mir Zeit jede Einzelheit deiner Teile anzusehen, sie
zu fühlen, sie vielleicht auch zu streicheln. Und ich weiß auch, dass ich dich niemanden zeigen
muss; dass ich alles Schritt für Schritt machen kann. Dass deine sexy Hände, deine Oberarme,
deine Tattoos am Rücken deiner Oberarme oder dein Nacken auch voll ausreichen, um Menschen
total aus der Bahn zu bringen. Oder ich. Und wir.
Ich weiß, dass wir irgendwann als Team arbeiten müssen…
Wir haben keine Wahl.
Ich möchte mich nicht mehr getrennt fühlen, von dir; weinen, wenn ich masturbieren will, weil mir
das einfach nicht gefällt und es sich einfach komisch anfühlt. Oder wenn ich in den Spiegel schaue
und dir ins Gesicht schaue..manchmal frage ich mich: Wer ist das? Wer sind wir?
Ich fühle mich wie in der Schwebe und als würde niemand sehen, was für ein Chaos eigentlich in
dir herrscht.
Wenn ich dir die Leggins anziehe, dann sehe ich, dass deine Beine dünner werden und mehr an
Form gewinnen; das ist ein Erfolg! Gleichzeitig wirkst du so feminin dann. Aber meine einzige
Jogginghose kann ich dir nicht die ganze Zeit anziehen. Zum Beispiel jetzt: Die Jogginghose muss
dringend gewaschen werden und wir haben keine weitere und müssen die ganze Zeit in der
blauen Schlafhose chillen. Aber eigentlich auch okay, die Hose haben wir auch in Viet Nam
gekauft. Ey und aktuell finde ich, dass wir mit Mütze, dem schwarzen Hemd und der filigranen
Kette und dem Septum unglaublich gut aussehen.
Jetzt bin ich aber wieder voll gesprungen und weiß gar nicht worauf ich eigentlich hinaus will.
Gestern haben wir uns endlich mal diese App heruntergeladen. Ich wollte das schon die ganze Zeit
ausprobieren, aber hatte die ganze Zeit Angst und jetzt bin ich eher verwirrt, und das ist alles ganz
neu für mich. Und für uns ebenso, weil du ein Problem sein könntest. Etwas Ekliges, Verwirrend,
ein Fetisch. Ich habe fünfmal die Bilder geändert, und war panisch, dass man uns erkennt. Und
dein Körper sah viel zu feminin aus. Oder was auch immer. Jedenfalls habe ich mich nicht wohl
damit gefühlt. Eigentlich bin ich auch ganz froh, dass wir gerade nicht so viel rausmüssen; dann
sind wir gar nicht mit so vielen Sachen und Reibungspunkten konfrontiert.
Heute warst du dann wieder sehr präsent auf einmal. Ich bin froh, dass wir für gute Klamotten
sorgen. Das gibt mir zumindest viel Sicherheit. Als du die Tage dich mal wieder bewegt hast und
wir getanzt haben, habe ich mich ein bisschen wohler gefühlt. Heute aber will ich dich keiner
Person mehr zeigen. Und hier komme ich denke auch langsam zum Ende. Ich habe fürs Erste
nichts weiter zu sagen, denn ich glaube, dass jetzt erstmal die Zeit für sich sprechen wird. Ich habe
auch ein wenig Angst; ich weiß einfach nicht…aber vielleicht ist das ja auch okay so. Und vielleicht
ist diese Angst wichtig, weil sie uns beide voranbringt; und wir über uns hinauswachsen werden.
Und ich versuche daran zu glauben, dass wir liebevolle und zärtliche Begegnungen erleben
werden. Wir sind doch noch so jung. Und jede Verletzung wird uns lehren, wir tragen den Schmerz
mit uns weiter, transformieren ihn und finden wieder Hoffnung und fühlen Verbundenheit. Wie
immer eigentlich.
Und um ganz ehrlich zu sein; manchmal glaube ich zwar an sowas, aber ganz oft denke ich mir,
dass sich manche Dinge auch einfach nie ändern werden. Vielleicht ist das ja auch okay, dann bin
das eben ich. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass du dich verändern wirst. Das werden wir aber mit
aller Ruhe machen und mit ganz vielen Zärtlichkeiten.
Und vielleicht hören wir auch irgendwann mal mit dem Rauchen auf. Aber dafür lassen wir uns
auch erstmal Zeit…

Phương (alle Pronomen) findet im Schreiben den Weg aus der Selbstsabotage hin zur Begegnungin zärtlicher Selbstfürsorge. Geboren im Jahr der Katze, unter der Sonne im Skorpion und im Element Wasser übt Phương sich im bedingungslosen Lieben und im Glauben. Künstlerischer Ausdruck unterstütztdie Komplexität, die Phương verkörpert, welche sich durch die multidimensionale Biografiein der (vietnamesischen) Diaspora und einem queeren trans Körper nährt.Schreiben ist eineForm des Loslassen, Zulassen, Verbinden und Atmen für Phương.Instagram: @maro_poebelarts