Immer Herbst

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Depressionen sind eine dunkle Jahreszeit im Kopf. Eine Beschreibung von Sophie.

Als sie die Augen aufschlägt, gibt es diesen kurzen Moment des Nichts. Diesen kurzen Moment ohne die Müdigkeit der letzten Zeit und die Sorgen kommender Tage. Sekunden, bevor man in die Wirklichkeit zurückgeholt wird und sich alles zusammenzieht. Als würde ein Stein auf meiner Brust liegen, hatte sie zu einem Bekannten gesagt, der sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Mehr oder weniger entschlossen setzt sich sie auf und, blickt in Richtung der schlichten Uhr an der Wand und lässt sich mit einem Seufzen wieder in das weiche Kopfkissen fallen.

Es würde dauern, hatte der Mann der Beratungsstelle für akute psychische Angelegenheiten gesagt, als er ihr die Hand zum Abschied geschüttelt hatte und einen Zettel mit Informationen über dieMöglichkeiten einer Folgebehandlung entgegengehalten hatte. Es würde dauern. Dessen war sie sich bewusst, doch wie lange es dauern würde, hatte ihr niemand gesagt. Wochen, Monate, Jahre?

Die Tage verschwimmen ineinander. Aufwachen, ein Moment des Nichts, das Gefühlt nicht atmen zu können, einschlafen. Wenn sie die Kraft hätte, sich zum Fenster zu drehen, würden sie den trüben blau-grauen Himmel sehen, der von dunklen Wolken durchzogen ist. Die Bäume haben kaum noch Blätter und der Wind fegt um einen an derAmpel stehenden Fußgänger herum und zerzaust dessen Frisur.

Eigentlich ist es ganz egal, wie das Wetter draußen ist. Ob strahlender Sonnenschein, Regen oder Schnee. Nichts könnte das Gefühl aufhalten, was sich jeden Tag wieder, einige Sekunden nach dem erlösenden Nichts, ausbreitet. Das Kissen unter ihrem Kopf ist weich, die Bettdecke warm. Sie fühlt sich schläfrig, obwohl sie sicher schon den halben Tag geschlafen hat. Sie will sich auf die Seite drehen, den Kopf tiefer ins Kissen drücken und die Augen wieder schließen.

 

In akuten psychischen Krisen steht dir die Telefonseelsorge zur Seite. Rund um die Uhr erreichbar unter 0800 / 11 10 111 oder 0800 / 11 10 222

Ich bin Sophie (21), lebe in Leipzig und denke manchmal, dass ich relativ erfolglos darin bin, meinen Platz in dieser großen und verwirrenden Welt zu finden. Darum schreibe ich neben meinem Musik-und Wirtschaftsstudium und versuche so etwas Ordnung in meinem Kopf zu bekommen. Am meisten beschäftige ich mich mit mentaler Gesundheit, Feminismus und Politik. Ich freue mich, hier die Gelegenheit zu bekommen, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.