Stand up for yourself

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Claudia Schwarz

Zu sich selbst zu stehen ist oft gar nicht so leicht. Für non-binäre Menschen manchmal ein Spagat zwischen dem erlernten Respekt vor Autoritätspersonen und dem Respekt vor sich selbst. Ein Beitrag zu ein paar grundlegenden Fragen von AMS.

Willkommen zurück beim Thema „Grenzen setzen“! Heute: misgendern.
Zunächst eine kleine Bestandsaufnahme meines bescheidenen Daseins: Ich nutze 2 Namen.
Einmal einen etwas längeren, meinen Passnamen, und einmal einen etwas Kürzeren. Mit dem
Kürzeren sprechen mich die meisten Menschen an. Freund*innen, Bekannte,
Kommiliton*innen. Den zweiten Namen nutze ich für die Arbeit, mit meiner Familie und
generell – was nicht immer auch auf die beiden zuvor genannten zutrifft – mit Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, es ist nicht *sicher* sich als nicht-bin.r zu „outen“. Kompliziert wird es dann, wenn sich Bereiche überschneiden, aber dazu später mehr. Ich habe unterschiedliche Beziehungen zu meinen Professor*innen, mit einigen kann ich offen sprechen, mit anderen nicht. Mit meiner Professor*in N sprach ich offen über mein Queer sein und die Konsequenzen für beispielsweise meinen Umgang mit Namen und Pronomen. Ihre Forschung und Lehre beinhaltet extrem persönliche Elemente, sodass es eigentlich nicht anders geht, als auch private Aspekte des Selbsts zu teilen. Wir sitzen also im Seminargebäude und diskutieren, wer welches Referat bekommt. Eine eigentlich unverfängliche Situation. Und dann, out of nowhere, nutzt N zweimal den langen Namen. Der Kurs schaut auch mich verwirrt an. Ich bin wie vom Blitz getroffen, ich schaue mich um, in mir zieht sich alles zusammen und ich rutsche in einen Tunnelblick, schneller Puls, Schwitzen.. Wieso hat sie das gemacht? Wenn ich das jetzt so stehen lasse, dann denken alle anderen, das dieser Name gerade okay ist. Dann werde ich diese Situation noch viel öfter erleben. Also melde ich mich. Wieso melde ich mich, die Situation ist für alle anderen doch schon längst vorbei!

Ich sage: ich nutze diesen Namen nicht. Mir steigen die Tränen in die Augen. Ich will nicht im Seminar weinen. Peinlich?! Neben mir fragt eine Freundin: willst du raus gehen? Ich stehe auf und gehe aus dem Raum. Eine scheinbar kleine Situation und doch…! Wieso? Das erschreckende in dieser Situation war, dass ich normalerweise nie etwas zu Misgendering oder „falschem Namen“ sage. Nie. Denn es bedeutet, dass ich mir sicher sein müsste, in welchen Situationen ich was will. Dass ich diese „Regeln“ dann eindeutig an meine Mitmenschen kommunizieren müsste. Der Druck, dann bei meinen Entscheidungen zu bleiben, mich nicht nochmal weiterbewegen und umentscheiden zu dürfen. Die Angst, dass dann die gesamte Aufmerksamkeit auf mir liegt und ich.. „emotional bin“. Mein Gott, wie schlimm. Jemand ist emotional… Aber in dieser Situation war ich emotional, gerade WEIL ich etwas klargestellt habe, für mich selber eingestanden bin und eine à Grenze gesetzt habe. Aber wieso schaffen ich und so viele, wie ich glaube gerade weiblich sozialisierte Menschen es so oft nicht, in vermeintlich kleinen Situationen etwas zu sagen? Wieso muss es erst an den Punkt kommen, dass es berührend ist, wenn dann doch etwas gesagt wird? Es muss ja gar nicht zu etwas Großem werden, sicherlich hätte es einen kleinen, charmanten Weg gegeben, kurz zu intervenieren? Wieso ist es so emotional konnotiert? Es geht gerade um das Gesehen werden, um die eigene Identität und das Raum einnehmen.

Und gleichzeitig stellt ein kleines Einhaken in vielen Kontexten, in denen ich mich gerade nicht
wohl fühle, ein Autoritätenwidersprechen war. Ein relativ traditioneller Wert, würde ich sagen.
Respect your elders. Und das, gemischt mit der, mutmaßlich ebenfalls preußischen Maxime,
keine Emotionen zu haben, zu funktionieren, diszipliniert zu sein. What an awful cocktail of
ideals. Kein Wunder also, oder? Aber no longer. I am on a mission! Das Problem fängt eigentlich gerade erst an, sich zu entfalten. Denn ja, ich habe Recht: Ich habe mich vor meinen Kommiliton*innen für mich selbst eingesetzt und nun – mit noblen Absichten – setzen sie sich für mich ein, auch wenn ich nicht dabei bin. So weit so gut. Aber in Kontexten, in denen ich genau das Gegenteil oder nur einen kleinen Unterschied bislang kommuniziert habe. Das bedeutet, dass ich nun mit Professor*innen reden muss, mit denen ich bislang *bewusst* das Gespräch vermieden habe. Dass ich über persönliche Dinge mit Menschen reden muss, mit denen ich wirklich nicht mehr als Formalien austauschen möchte. Dass ich Situationen in langer Name kurzer Name einordnen muss oder mich generell mal damit auseinander setzen muss, was diese Zweiteilung eigentlich mit mir macht. Und mit meiner Umwelt. Und wieso ich nicht bedingungslos zu mir stehen kann. Das Grenzen setzen und kommunizieren geht also weiter. Stay tuned.

"Ich bin 26 Jahre alt, nicht-binär und nutze keine Pronomen. Ich bin im Kulturwissenschaftlichen bis -praktischen Bereich unterwegs und wohne in Leipzig. Ich schreibe über die immer wieder aufkommenden Probleme, die es für mich mit sich bringt als weiblich gelesene Person in dieser Gesellschaft zu leben. Manche schon längst durchgekaut geglaubten sowie Andere, die neu dazu kommen."