Willkommen bei einer neuen Folge von: Grenzen setzen!

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Alois Wohlfahrt  grenze-grenzpunkt-grenzstein

AMS nimmt uns weiter mit auf ihre Mission: Grenzen setzen! Im aktuellen Text beschreibt AMS eindrücklich, wie Kraftlosigkeit zu Krankheit und auf Dauer zu einer Notwendigkeit führen kann, Grenzen neu zu definieren – und wie schwer das ist.

Manchmal ist das dann einfach so.

It’s a funny old world. Manchmal, wenn man so macht und tut, dann merkt man gar nicht was man so macht und tut. Und dann, irgendwann, wenn es nicht mehr geht, dann merkt man es. Wenn man zum Beispiel krank ist. Oder wenn man trauert, gelähmt ist. Manchmal gehen Krankheit oder Trauer nach einer gewissen Zeit wieder weg. Aber manchmal auch nicht. Und dann bleibt sie, die Krankheit. Nistet sich ein. Wird chronisch. Eine überproduzierende Schilddrüse. Ein kaputter Zahn. Eine Depression. Für eine Grippe, da wird man krankgeschrieben, man bleibt zu Hause und die Leute schreiben: Gute Besserung! Werd schnell wieder gesund! Bleib zu Hause, nimm dir Zeit! – und dann nach einer oder 2 Wochen, da soll man dann wieder auf der Arbeit auftauchen. Man soll wieder in die Uni gehen. Man soll wieder Freunde treffen. Kein Problem. Aber wenn eine Krankheit chronisch ist, wenn sie sich in Mark und Bein eingefressen hat und einen einfach nicht mehr loslässt, dann muss man lernen damit zu leben. Man kann nicht dagegen ankämpfen. Man muss die Tür ein Stück aufmachen und sagen: Hallo Krankheit, wir gehen wohl ein Stück zusammen. Und weil du jetzt hier bist, kann ich ein paar andere Dinge nicht mehr machen. Meine Grenzen verschieben sich jetzt wohl. Weil ich mich nicht mehr nur auf mich, sondern auch auf dich konzentrieren muss.

Das Problem ist nur, manche Krankheiten sind von außen gar nicht zu erkennen. Wie ein kaputter Zahn oder eine zu aktive Schilddrüse, eine leichte bis mittlere Depression oder eine Angststörung. Und weil man sie nicht sieht, fragt niemand: oh, wie geht es dir heute? Nein, die Menschen erwarten, dass man genauso viel leistet, wie die Menschen, die eben keine Zahn- oder Schilddrüsen- oder Depressions- und Angstprobleme haben. Aber dem ist nicht so. Nein! Man steckt doppelt so viel Energie in die kleinen Dinge, wie andere Leute.

Und es gibt manchmal kein Ende in Sicht. Zum Beispiel bei Trauer. Manchmal geht die Trauer nach 3 Monaten. Zumindest ist das wohl ungefähr der Zeitpunkt, an dem die Menschen aufhören zu fragen, wie es denn so geht. Das ist dann wohl der Zeitpunkt, an dem man wieder arbeiten gehen sollte. An dem man wieder daten sollte. An dem man nicht mehr jeden Tag Kerzen anzünden und auf den Friedhof gehen sollte. Aber die Trauer ist nicht weg. Manchmal bleibt sie viel, viel länger, und sie sagt einfach nicht: So, jetzt gehe ich weiter. Ich war lang genug bei dir. Nein, dazu lässt sie sich einfach nicht herab. Man muss die Tür ein Stückweit aufmachen und sagen: Wir gehen jetzt eine Weile zusammen. Und vielleicht gehen wir für immer zusammen oder vielleicht bist du doch nicht so lange da wie ich dachte, vielleicht werde ich anders wegen dir und vielleicht werde ich besser wegen dir aber auf aller jeden Fall kann ich nicht gegen dich ankämpfen, weil das wäre viel zu anstrengend. Und dann muss die Trauer in das Leben einberechnet werden. Und das verschiebt Grenzen. Wie eine Krankheit, die einfach nicht weggehen will, so kann auch die Trauer bleiben. Und alles, was man fühlt, ist Verlust. Denn manchmal wird es so schwer, als würde man jeden Tag einen Marathon laufen aber einfach nicht fitter werden. Obwohl man ja eigentlich im Dauertrainingslager ist. Und weil man jeden Tag einen Marathon läuft, ist vielleicht nicht mehr so viel Energie für andere Sachen da. Und sich das einzugestehen, das ist gar nicht so einfach. Aber das Ding an der ganzen Sache ist: es geht ja nicht anders. Es ist scheiße. Aber es geht ja nicht anders. Und deswegen hat man keine Wahl. Man muss Grenzen manchmal neu setzen. Weil sich die Rahmenbedingungen ändern. Und das ist manchmal gar nicht so einfach. Aber nur, weil man dann vielleicht nicht das Praktikum machen kann oder mit 27 einen PhD anfängt oder alle CPs in einem Semester absolviert oder den Pendeljob annimmt oder die Weiterbildung zu Ende macht. Macht es uns nicht zu Menschen, die weniger wert sind. Es macht uns zu Menschen, die auf sich selbst achten. Und mehr kann man wirklich nicht verlangen.

 

"Ich bin 26 Jahre alt, nicht-binär und nutze keine Pronomen. Ich bin im Kulturwissenschaftlichen bis -praktischen Bereich unterwegs und wohne in Leipzig. Ich schreibe über die immer wieder aufkommenden Probleme, die es für mich mit sich bringt als weiblich gelesene Person in dieser Gesellschaft zu leben. Manche schon längst durchgekaut geglaubten sowie Andere, die neu dazu kommen."