Dokumentarfilm und trans Menschen – Ein Abriss über „Trans: I Got Life“ und Andere

2024-03-20_mT_Website_Beitragsbild_Beau_Dokumentarfilmkritik

Neugierig auf Dokus, die trans Lebenswelten einfangen? Lies Beaus Kritik am Film „Trans: I Got Life“ (2021)“ und erfahre außerdem welche Dokus sehenswert sind.

Um diesen Artikel von Vorneherein richtig einzuleiten: ich vertrete nicht die Überzeugung, dass cis Regisseur*innen keine Filme über trans Menschen machen dürfen. Alle dürfen Filme über alle machen. Das nur zur Klarstellung, damit meine Worte nicht als Munition für die „Man darf ja nichts mehr“-Maschinerie herangezogen werden. Aber, wie sich gleich zeigen wird: wenn man sich entschließt, dokumentarisch zu einer marginalisierten Gruppe zu arbeiten, der man selbst nicht angehört, muss man es eben richtig machen. Von Filmen, die es, wie ich finde, richtig gemacht haben, zeige ich im zweiten Teil des Artikels eine Auswahl – aber zuerst müssen wir uns dem Gegenbeispiel widmen.

Der größte deutsche Dokumentarfilm über trans Menschen, der in den letzten Jahren erschienen ist, heißt „Trans: I Got Life“ (2021). Die Regisseurinnen Imogen Metz und Doris Kümmel widmeten sich einem siebenjährigen Prozess, um den Film auf die Leinwand zu bringen, der auf den Münchener Filmfestspielen Premiere feierte und dort auch gleich den Publikumspreis gewann. Der Film folgt mehreren trans Protagonist*innen, sowohl trans Männern als auch trans Frauen, in ihrem Alltag über längere Zeit – Stress mit der Familie, Spaziergänge durchs Dorf, auf der Arbeit sein, und dann natürlich die OPs. Viele, viele OPs.

Ich merke, dass es gar nicht so einfach für mich ist, über „Trans: I Got Life“ zu schreiben. Es ist ein Film, der eine hyperdifferenzierte Behandlung erfordert. Eine Behandlung, die ich mit mehreren sehr vorsichtigen Aussagen beginnen muss: erst mal ist nichts von dem, was ich schreibe, eine Kritik an den Protagonist*innen, die sehr viel auf sich nehmen, um Teil eines solchen Projektes zu sein, und denen es hoffentlich viel gebracht hat. Weiterhin – natürlich ist es toll, dass cis Regisseur*innen sich Mühe geben, trans Menschen vor die Kamera zu holen, und natürlich ist es bemerkenswert und hoffentlich für die Zukunft prägend, dass dafür Filmförderung gestellt wird und dass jener Film dann so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Natürlich gibt es sehr, sehr viele trans Menschen, die sich in dem Film wiederfinden werden, die binär trans sind, die einen Weg anstreben, der von OPs gezeichnet ist und der insgesamt der im Film dargestellten trans Leben sehr ähneln wird. Natürlich hilft ein solcher Film Menschen, die sich vielleicht nicht ganz sicher sind, ob sie wirklich trans sind, und natürlich bauen derartige filmische Dokumente gesellschaftliche Transfeindlichkeit ab.

Na ja. Das war jetzt ein ganzer Absatz vorsichtiger Aussagen, wobei ich mir bei der letzten gar nicht mal so sicher bin, denn vielleicht werde ich nach dem Konsum von „Trans: I Got Life“ dann nicht mehr mit offener Feindlichkeit konfrontiert, sondern mit Mitgefühl für mein „schweres Schicksal“. Beides beruht auf Stereotypen, beruht darauf, mich nicht als Mensch zu sehen, sondern in eine Schublade einzusortieren, auf der „transsexuell“ steht. Eine Schublade, für die es viele Expert*innen gibt, cis Expert*innen natürlich. Und so muss ich mir in „Trans: I Got Life“ lange Interviews mit einem Arzt anhören, der über „unbehandelte transsexuelle Patienten“ spricht. Gerade der Umgang mit der Protagonistin, einer jungen trans Frau, die kurz vor ihrer geschlechtsangleichenden OP steht, hat mich verärgert. Mir wird schlecht vor Wut, wenn ich sehe, wie der cis Operateur mit ihr redet, als wäre sie fünf Jahre alt, und auch wie ihre Mutter mit ihr redet. Mussten wir dann wirklich auch ihre OP sehen? Laut einem Artikel der Glamour1 sagte Imogen Kimmel vor der Premiere des Films: „Wir werden gleich grafische Szenen mit Blut sehen, nur dass ihr darauf vorbereitet seid. Wem dabei schlecht wird, kann während den Szenen im OP gerne nach draußen gehen.“ Warum sehen wir diese Szenen? Wozu ist das gut, wenn nicht für den Schockfaktor? Und wie unterscheidet es sich damit von den reaktionären, auf Schock ausgelegten medialen Erzählungen über trans Menschen der letzten fünfzig Jahre? In dem Artikel der Glamour kommen auch noch ein paar andere bemerkenswerte Infos zu Tage: „Die Idee für die die Doku “TRANS –I Got Life” hatte Imogen Kimmel ganz zufällig, als Dr. Schaff, der Arzt, den man in der Dokumentation kennenlernt, 2015 im Flugzeug neben ihr saß und von seiner Arbeit als plastischer Chirurg mit Schwerpunkt “geschlechtsangleichende Operationen” berichtete.“ Deswegen also nimmt ein paternalistischer cis Chirurg in einem Film über trans Menschen so außergewöhnlich viel Raum ein, deswegen ist er eine so große Autorität, der Mann, der so viel über diese ach so mysteriösen, traurigen, mit sich selbst beschäftigen Transsexuellen weiß, viel mehr, als sie über sich selbst wissen können. Die Entmündigung ist real. Dass viele trans Menschen das Wort „transsexuell“ gar nicht mehr für sich verwenden, ja sogar als verletzend empfinden, spielt dabei keine Rolle. Der Chirurg wird als Meister über das Schicksal inszeniert, als der, der neue Menschen schafft, verbunden mit irgendwelchen halb spirituellen Aussagen über die Macht von Technik über Natur und das Anthropozän. Cis Menschen sind obsessed mit dem Gedanken, dass die Existenz von trans Menschen irgendwelche grundlegenden Dinge über das Anthropozän aussagt. Trans Menschen als Metapher, als Ausgangspunkt einer philosophischen „Debatte“. Das wir als Community unsere eigenen Philosoph*innen, unsere eigenen Theorien haben, scheint Metz und Kimmel nicht untergekommen zu sein. Man fragt sich: haben die Regisseurinnen in den sieben Jahren Filmentwicklung solche Grundlagen-Texte wie „Trans. Frau. Sein.“ von Felicia Ewert oder „Whipping Girl“ von Julia Serano gelesen? Das hätte vielleicht geholfen, gesellschaftliche Transfeindlichkeit, spezifisch Transmisogynie, zu benennen und als strukturell und institutionell einzuordnen.

Ich interpretiere das zu Wort kommen der vielen trans Menschen und weiteren „Expert*innen“ für „Transsexualität“ so, dass der Film die Intention verfolgt, ein breites Bild von trans Identität zu zeichnen und verschiedene Lebensentwürfe zu zeigen. Hier allerdings liegt das Problem: das Konzept von trans sein, welche „Trans: I Got Life“ letztendlich an das Publikum bringt, ist sehr begrenzt. Nichtbinäre Menschen, trans Menschen, die keine OPs oder Hormone anstreben, und trans Aktivist*innen, die für unsere Rechte kämpfen, kommen nur am Rand vor. Mir erscheint es, als vermittle der Film wieder und wieder die Idee, trans Menschen seien doch eben „ganz normal“, hätten nur ein besonders schweres Schicksal, was natürlich im Endeffekt dazu führt, dass ein Teil der Community immer als „zu laut, zu bunt, zu radikal“ wahrgenommen werden wird, bei gleichzeitiger Individualisierung aller gesellschaftlichen Probleme, die mit dem trans Sein einhergehen.

Wenn man ein breites Bild der trans Community bekommen und sich gleichzeitig mit medialen Ideen von trans Identität beschäftigen möchte, hilft einem die auf Netflix verfügbare Dokumentation „Disclosure: Trans Lives on Screen“ (2020, Sam Feder). Hier wird besonders die Inszenierung von trans femininen Geschichten als Narrativ von Enthüllung und Schock analysiert, die ich vorhin angesprochen habe, wobei cis „Expert*innen“ nicht dominierend zu Wort kommen. Vor kurzem ist auf Netflix auch ein viel gelobter deutscher Dokumentarfilm über queere Leben in den 1920er Jahren erschienen, den ich selbst noch nicht gesehen habe: „Eldorado – Alles, was die Nazis hassen“ (2023, Benjamin Cantu). Der Film beschäftigt sich unter anderem mit Magnus Hirschfeld, dessen Institut für Sexualwissenschaft als Kontaktstelle für trans Menschen eine große Rolle spielte – und dessen gesamte Bibliothek an Forschung und Wissen in den Flammen der nationalsozialistischen Bücherverbrennung aufging.

Neben diesen zwei allgemeineren Empfehlungen möchte ich noch eine privatere hinzufügen: „Southern Comfort“ (2001, Kate Davis). Hin und wieder ist der Film auf YouTube verfügbar, wenn man Glück hat. In der Dokumentation folgt Davis dem trans Mann Robert Eads, der in einem winzigen Haus abseits der Zivilisation ein Cowboy-Leben führt, durch die Jahreszeiten. Wir bekommen mit, wie Eads mit seiner chosen family Zeit verbringt – andere trans Menschen, die seine Geschwister und Kinder geworden sind – wie er sich in die trans Frau Lola verliebt – und wie er in keinem einzigen Krankenhaus Hilfe für seinen Gebärmutterkrebs findet. Alle weigern sich, einen trans Mann zu behandeln. „Southern Comfort“ ist ein intimes Porträt einer kleinen Gruppe an trans Menschen, und genau dadurch so effektiv: der Film hat nicht den Anspurch, etwas grundlegendes über alle trans Menschen zu sagen. Trotz Eads’ Krebserkrankung liegt der Fokus nicht auf medizinischen Aspekten des trans Seins, sondern auf seiner Interaktion mit seiner Community, seinem Bemühen und Aktivismus, seiner Menschenwärme. Ganz ohne melancholische Musik, die mir sagt, dass das alles zwar schön ist, aber irgendwie auch super tragisch, ist es angenehm, trans Menschen einfach Mal beim Herumsitzen, Quatsch machen und Grillen zuzuschauen.

1Madlener, Hanna: „Doku “TRANS – I Got Life”: Dieser Film hat mir gezeigt, was ich von Transmenschen lernen kann“, Glamour, 2022, in: <https://www.glamour.de/artikel/doku-trans-i-got-life>

Ich bin Beau, 24, und arbeitete als Dokumentarfilmer, Fotograf und freier Autor. Ich hege ein besonderes Interesse für Landschaft und Kulturgeografie, aber auch für transfeministische queere Medien aller Art, besonders Videospiele und Pen & Paper Games. Ursprünglich komme ich aus Mittelthüringen, habe in Hildesheim Szenische Künste studiert und lebe jetzt auf dem Land in der Nähe von Göttingen.