Während Boomer im Bundestag eine mögliche Wehrpflicht diskutieren, geht die Jugend am 25. September dagegen auf die Straße. Und wieder mal gilt: Alter schützt vor Torheit nicht.
Werbung auf Spotify kann nerven, aber auch schockieren. „Mama, Papa …“, stottert ein Mädchen ins Mikrofon. „Können wir kurz reden? Ich habe das noch niemandem gesagt, aber … ich glaube, ich steh’ auf Bundeswehr!“ – 15 Sekunden zurückspulen. Bitte was? – „Jetzt ist es raus: die neue Staffel ‚Generation Wehrdienst‘!“, beendet eine Männerstimme vor epischem Trommelwirbel den Spot.

Fotos vom Schulstreik gegen die Wehrpflicht, 25.09.2026 Köln
Während der Podcast beginnt, hängt dem Publikum die Kinnlade schon auf Brusthöhe herunter. Was sich anhört wie ein Gag über rechte Propaganda, gehört zum neuen Werbeprogramm der Bundeswehr. Ein Rekrutierungsprogramm, das die Bundesregierung mit rund 70 Millionen Euro finanziert. Bei solchen Versuchen, junge Menschen an die Waffen zu drängen, ist es kein Wunder, dass Schüler*innen am 25.09. bundesweit wieder in den Streik gehen und gegen eine Wehrpflicht demonstrieren.
Braucht es wirklich eine Wehrpflicht?
Doch mal ganz nüchtern durchgedacht. Braucht es nicht vielleicht wirklich so etwas wie eine Wehrpflicht? Russland führt seit mehr als vier Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Erst diesen Sommer wurden gefährliche Drohnen am Flughafen Leipzig/Halle entdeckt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Außenminister Johann Wadephul identifizierten Russland vier Wochen später als den wahrscheinlichsten Strippenzieher hinter dem Anschlag.
Es ist eine neue Eskalationsstufe, die die Gefahr des Kriegs in Osteuropa bis nach Deutschland strahlen lässt. Laut einem CNN-Bericht unter Berufung auf den US-Geheimdienst ist die Gefahr eines russischen Angriffs auf zum Beispiel die baltischen Staaten bis Herbst 2029 durchaus real. Und trotz aller Vorbehalte, die man vor dem Geheimdienst haben kann: Auch den Angriff auf die Ukraine sagte er voraus.
Was verteidigt die Bundeswehr eigentlich?
Na dann ist ja alles klar. 5 % des BIP für die Verteidigung und eine strikte Wehrpflicht? 70 Millionen Euro für den Werbeetat der Bundeswehr wirken dann doch auch etwas mickrig. Warum nicht gleich das Doppelte? Am besten schon nächstes Jahr? Nein. Wer eine ganze Generation davon überzeugen (oder zwingen) will, zur Zielscheibe für ein Land zu werden, sollte davor mindestens mal eine Frage beantworten: Was verteidigt die Bundeswehr eigentlich?
Deutschland wäre die einfache Antwort. Doch sich für eine mehr oder weniger willkürliche Grenze in den Schützengraben zu legen, erscheint etwas absurd. „Wir verteidigen uns selbst“, argumentieren die rhetorisch geschulteren Verfechter der Wehrpflicht, ohne zu definieren, wer dieses abstrakte „wir“ ist.
Diejenigen, die sich verhältnismäßig weit in das Feld der Diskussion vorwagen, nennen dann Werte wie „Freiheit“ oder das System „Demokratie“. Und da haben sie einen Punkt. Unter russischer Herrschaft gibt es weder das eine noch das andere. Allein dieser Text hier zeigt, dass es in Deutschland um die freie Meinungsäußerung besser bestellt ist.
Wer entscheidet über die Wehrpflicht?
Wo Bundeswehr-Fans mit geballter Faust einen Sieg deklarieren könnten, sei Vorsicht geboten. Denn wie viel Freiheit würde eine Wehrpflicht tatsächlich bedeuten? Demokratie heißt, dass nur, weil jemand das System für verteidigungswert hält, der andere nicht dafür kämpfen muss. Und nein, auch nicht, wenn 50 % das so sehen. Denn über eine Wehrpflicht entscheiden heute auch Menschen, die von ihren Folgen womöglich gar nicht mehr betroffen sein werden.

Fotos vom Schulstreik gegen die Wehrpflicht, 25.09.2026 Köln
Die, die eine Wehrpflicht wirklich zu spüren bekommen würden, sind die kommenden Jahrgänge: junge Menschen, die heute noch gar nicht wählen dürfen. Die sollen mit 18 bei der Bundeswehr erst mal ihr Recht auf Mitbestimmung erkämpfen. Mit Verlaub, aber das kann für keine*n Demokrat*in sinnvoll klingen.
In einer Demokratie gilt das Gesetz der Mehrheit. Damit Minderheiten dabei nicht unter die Räder kommen, gibt es die Verfassung, also die Grundrechte. Im Fall von künftig direkt von einer Wehrpflicht betroffenen Jugendlichen sollte das System da keine Ausnahmen machen.
Doch es kommt ja noch absurder. In der sowieso schon zu weit reichenden Debatte zu einem etwaigen Wehrdienst geht es nur um Männer. Ganz nach dem Motto: „Wenn wir die Grundsätze unseres Systems schon infrage stellen, warum dann nicht gleich 50 Jahre zurückreisen, den Männern die Waffe und den Frauen die Kochlöffel in die Hand drücken?“ Auch ein Lostopfverfahren würde die Sache nicht besser machen. Ganz im Ernst, wo sind wir mit dieser Diskussion hingekommen?
Was soll Deutschland eigentlich verteidigen?
Bevor wir über solche Details sprechen, sollten „wir“ ehrlich und einzig allein hinterfragen, für was die Bundeswehr kämpft und was Deutschland eigentlich ausmacht. Denn wenn es die Demokratie ist, dann sollte eine Wehrpflicht im Allgemeinen außer Frage stehen.
Hier hört ihr mehr zum Thema: Generation Wehdienst auf Deutschlandfunkkultur.




