6 Monate auf hoher See – so viel mehr als nur eine Segelreise (Teil 1)

2017_05_29
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Unsere neue Autorin Clara startet auf meinTestgelände mit einem Bericht über ihre sechsmonatige Reise auf einem Segelschiff. Heute liefern wir euch den ersten Teil dieser aufregenden Geschichte.

„Clara, hey! Es ist halb zwei und du hast in einer halben Stunde Wache. Draußen ist es richtig kalt, ich trage drei Pullis und mir ist immer noch kalt. Bist du wach? Ich komme nachher nochmal vorbei!“ Und schon ist mein persönlicher Wecker wieder draußen. Ich reibe mir die Augen. Noch eine halbe Stunde Zeit, da muss ich noch nicht sofort aufstehen. Wie schwer mir das Aufstehen nachts am Anfang der Reise fiel. Ich muss schmunzeln. Der Anfang, das heißt Oktober vor einem halben Jahr, erscheint mir unheimlich weit weg. Als wir alle in Kiel mit dem Bus angekommen sind und mit Blaumännern von der Jugendherberge zur Werft gefahren sind… Ich war so aufgeregt, das erste Mal die Thor Heyerdahl zu sehen, unser Schiff. Und dann stand es schließlich auch vor uns. 50m lang, drei Masten, der höchste davon 30m hoch. Unser neues Zuhause für sechseinhalb Monate. Ich seufze gedankenverloren.

Wie viel ist seitdem passiert! Der Abschied von unseren Eltern. 34 Schüler, 14 Jungs und 20 Mädchen, die auf eine lange Reise gehen. Außerdem natürlich unser Segelstamm, der Kapitän, die Projektleitung und die Lehrer. Schon ein großer Schritt, sich für eine solche Zeit von seinen Familien zu verabschieden. Dann die erste Etappe: Es fing schon mit einem starken Sturm vor den Niederlanden und England an. Fast alle wurden seekrank, obwohl das ja auch die Zeit war, in der wir segeln lernen sollten. Ganz schön schwierig, mit Übelkeit und Kopfschmerzen Maschinenronde zu gehen, wobei man im heißen Maschinenraum die Maschine ölen, den Tagestank aufpumpen und generell den Zustand der Maschine überprüfen muss, Sicherheitsronde, wo man über und unter Deck kontrolliert, ob alles in Ordnung ist, im Ausguck sein und nach anderen Schiffen, Bojen und allem Möglichem Ausschau zu halten und natürlich lernen, Ruder zu gehen und den Kurs zu halten. Das zwei Mal drei Stunden am Tag. Außerdem natürlich putzen und kochen.

Aber das war ja noch gar nicht alles. Auf einem Segelschiff muss man ja auch noch ganz viel nautische Grundlagen lernen: Wie setzt man Segel, wie birgt man sie, wie errechnet man den Kurs, wie führt man Manöver durch, wie funktioniert die Lichterführung auf See und vieles mehr. Also ganz schön viel für unsere Zeit bis Teneriffa. Natürlich bestand die Etappe aber nicht nur aus Seekrankheit und Lernen. Ich weiß noch, wie wir die ersten Delphine gesehen haben, die uns tagelang begleitet haben. Einmal war sogar ein Wal zu sehen, der seine Wasserfontäne über die ganze Mannschaft gespuckt hat. Das sind schon Erlebnisse, die man nie vergisst. Erneut lächle ich in mich hinein. Dann Teneriffa. Unsere Enttäuschung, dass wir nicht auf den Teide wandern konnten. Zwei Wochen Verspätung wegen Sturm können schon ziemlich nervig sein! Aber immerhin konnten wir da ja ein bisschen spazieren und die wunderschöne Landschaft von Teneriffa entdecken. Doch drei Tage später, als der ganze Proviant für die Atlantiküberquerung an Bord war, ging es auch schon wieder los. Jetzt kam die längste Etappe: 3 Wochen auf See, ohne ein einziges Mal Land zu sehen. Da fing auch der Unterricht an. Schulstoff, 10. Klasse, bayrischer Lehrplan, damit wir zuhause auch alle wieder normal in unsere Klassen zurückkommen können. Aber viel spannender als Zuhause. Viel praxisorientierter irgendwie: Man hört Referate über Delphine, während sie vorne am Bug spielen, die Winde, nach denen wir unsere Route richten mussten, werden behandelt und in Geschichte diskutieren wir über die Politik Kubas, die wir alle später wirklich miterleben durften.

Zwischen Schule und Schiff steuern gab es aber wieder auch ganz andere Erlebnisse: Ich habe mein erstes Praktikum gemacht. Bei Willi, unserem Maschinisten. Wenn ich mich an die Reaktion der Leute zuhause erinnere, denen ich davon erzählt habe, muss ich lachen. Ja, ein Praktikum in der Maschine. Konnte ich mir vor einem halben Jahr auch noch nicht vorstellen, aber handwerkliche Arbeit bringt mir total viel Spaß. Irgendwie ist es hier generell so, dass wir nicht nur Arbeit machen, die typisch für Mädchen ist. Alle putzen, alle kochen, aber es helfen auch alle bei den Segelmanövern und leisten körperliche Arbeit. Und es sind ja sowieso mehr Mädchen als Jungs. Auch wenn man das nicht so denkt, trauen sich das wohl mehr Mädchen, so lange von Zuhause weg zu gehen, und dann auch noch auf ein Segelschiff… Sagt jedenfalls unsere Projektleitung. Außerdem unsere Atlantiktaufe. Bei der ersten Überquerung des Atlantiks ist es bei uns eine Tradition, auf einen Fischnamen getauft zu werden. Dabei gibt es eine ganze Taufzeremonie, die angeblich Neptun besänftigen soll, uns vor Sturm zu verschonen. Also trage ich jetzt den stolzen Taufnamen „Schneckenfisch“. Mitten auf dem Atlantik durften wir dann auch unseren Atlantiksprung erleben. Weil wir sonst ja immer an Bord bleiben müssen und nicht einfach während der Fahrt ins Meer springen dürfen, haben wir an einem Tag unser Rescueboot ausgesetzt und alle durften einige Male ins Meer springen. Mitten auf dem Atlantik, wo das Wasser mehrere Kilometer tief ist. Was für ein besonderes Erlebnis! Um uns sonst täglich erfrischen zu können, hatten wir unseren eigenen Salzwasserpool an Deck aufgebaut. Eine sehr nützliche Idee bei 30° auf See.

Dann, nach drei Wochen, Land in Sicht. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Wir waren mitten in einer Schülerbesprechung, als plötzlich einer aus unserer Gruppe vom Segel herunter „Land in Sicht. Wir haben die neue Welt erreicht!“ schrie. Was für ein Moment! Wir hatten drei Wochen nichts als Wasser gesehen und landeten im Paradies. Palm Island sieht tatsächlich aus wie das Paradies. Karibische Insel mit Palmen, weißem Sand und türkisem Wasser. Kokosnüsse als Snack zwischendurch, die man das erste Mal tatsächlich vom Baum pflücken kann. Da war Schnobataso angesagt: Schnorcheln, baden, tauchen, sonnen. Also kurz: Riffferien. Das haben wir auch ausgenutzt. So häufig wie möglich waren wir mit Schnorchelbrille unterwegs, um Korallen, Algen und Fische in den unterschiedlichsten Farben zu bestaunen.

Doch so spannend ging es auch weiter. Als nächstes Grenada, auch Teil der Inselgruppe „Saint Vincent and the Grenadines“, aka Gewürzinsel. Dort waren wir das erste Mal in Gastfamilien. Das war ein Kulturschock! Wir Mädchen durften auf keinen Fall allein unterwegs sein, schon vom Aussehen her stachen wir sofort zwischen all den Dunkelhäutigen heraus. Aber auch sonst war alles anders als Europa. Die Straßen waren überfüllt mit Obstständen, eingeschränkte Marktzeiten gibt es da nicht. Außerdem waren die Unterschiede im Lebensstandard deutlich sichtbar. Ein Plumsklo für die Familie war schon Luxus in einigen Gegenden, da mussten wir erst einmal schlucken. Beeindruckend, wie lieb wir in dieser doch eher ärmlichen Region empfangen wurden. Auch auf Grenada blieben wir aber nur eine Woche, die Weiterreise rief.

 

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Hallo, ich bin Clara aus Goslar und so viel wie möglich unterwegs. In meinen Artikeln möchte ich meine Erfahrungen, die ich auf verschiedenen Reisen in unterschiedlichen Kulturkreisen gemacht habe, mit euch teilen.

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