Ich antworte dir später ausführlicher

2017_06_30
(c) Hamza Butt:  smartphone  (CC BY 2.0)

Ein großer Teil unserer Kommunikation vollzieht sich heute digital. Für Dominik nimmt das die Ehrlichkeit aus menschlichen Beziehungen, denn statt unvermittelt Gedanken oder Gefühle auszusprechen, wird abgewartet, überlegt und kalkuliert – und dann eben später ausführlicher geantwortet.

Ich glaube, dass die schönsten Liebesgeschichten heute nicht mehr von Hollywood oder vom Leben, sondern gar nicht geschrieben werden. Ich glaube, dass in all den Kanälen, die wir mit Bildern, Emojis und unseren halbironisch-distanzierten Nachrichten bespielen vermutlich mehr verloren geht, als uns allen lieb ist. Mit Sicherheit aber mehr als wir es uns eingestehen wollen. Um die Ehrlichkeit und somit um die Liebe ist es jedoch besonders schade.

Oft ist derzeit die Rede von der Bindungsunfähigkeit der heutigen Generation (was auch immer das sein mag: eine Generation). Den 16- bis 25-jährigen wird jedenfalls vielerorts attestiert, dass sie die Liebe durch Tinder und „ONS“ verlernt oder ersetzt hätten. Man würde sich maximal von Freitagabend bis Samstagmorgen binden, da man den Rest der Woche ohnehin mit anderen Unflätigkeiten zu tun hätte.

Ich halte all das für eine schlechte, zumindest jedoch verkürzte und somit unzutreffende Beobachtung. Ich glaube nicht, dass wir die Liebe durch Kurzweiligkeiten verlernt oder digitale Ausflüchte ersetzt haben, vielmehr haben wir die Notwendigkeit, ehrlich gegenüber uns selbst und loyal gegenüber anderen zu sein, als Bedingung der Liebe schlicht aus dem Blick verloren. Die Technik und „unser“ Verhalten ist das Phänomen, nicht jedoch das Problem dieser Tatsache.

Heute ist jede Beziehung eine Fernbeziehung, selbst dann, wenn beide Partner in einer Stadt, vielleicht sogar in einer Wohnung leben. Alles läuft über gemittelte Kommunikation, Filter und Messenger.

Problematisch sind aber nicht die beiden blauen Hacken hinter unseren Nachrichten, sondern das, was wir aus all dem machen. Dieses ganze „Ich habe ihre Nachricht gelesen, antworte ihr aber erst später, weißt Du. So glaubt sie nämlich, dass ich ein Leben habe.“ Ja! Aber nein! All diese Verhaltensweisen sind Taktiken, um den anderen auf Distanz zu halten. Aber am Ende spielen da doch nur zwei Menschen mit einem vermeintlichen Gegenüber, das es so doch gar nicht gibt. Beide spielen dieses Spiel, während das, was entstehen könnte, bei all der Abgeklärtheit langsam verkümmert. Unsere Herzen werden so hart und es ist so traurig.

Unser Problem sind also nicht die offenen Beziehungen, die Pornos oder Tinder. Unser Problem ist, dass wir uns selbst für zu wichtig halten, dem anderen zeigen müssen wie distanziert und cool wir sind und dass wir alles im Griff haben. Unser Problem ist, dass wir nicht sagen, dass wir das Konzept einer offenen Beziehung total scheiße finden. Unser Problem ist, dass wir nicht sagen, dass wir das Konzept einer offenen Beziehung total super finden, wenn wir es denn tatsächlich so meinen.

Ich glaube, dass wir wieder mehr wagen sollten, ehrlicher und loyal sein sollten. Mach jetzt dem Boy oder dem Girl aus dem Club keinen Antrag, aber wenn du jemanden wirklich magst und es bei dieser Person auch so ist, na dann los: Knutschen! Man kann es mit dem dänischen Philosophen Kierkegaard sagen und dass man mehr springen sollte. Sich gegen alle Vernunft einfach unverhohlen hineinstürzen in das, was vielleicht entstehen mag. Oder man sagt es mit dem Werbeslogan von Nike etwas: Just Do It! Vollkommen egal.

Die traurigsten Liebesgeschichten sind also die, die nicht geschrieben werden, weil man wartet, bis der andere schreibt. Man ist Narzisst in dem Glauben, dass der andere es schon richten wird, dass man selbst so interessant ist, dass der andere den Cliffhanger schon ertragen wird, ja ihn sogar will.

Sind wir ehrlicher, denn wenn wir das nicht mal mit uns selbst und im Umgang mit den Menschen schaffen, die wir lieben, wo dann?

 

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Ich glaube, dass das Hineindenken in die Standpunkte anderer eine der wichtigsten Fähigkeiten ist, die wir heutzutage haben können. Warum ich also hier bin? Um mein Weltbild nicht auf Halbwissen und Vorurteilen, sondern Meinungen und verschiedenen Perspektiven zu gründen.

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