Depressionen

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(c) ryan melaugh:  Depression  (CC BY 2.0)

Jede*r zwanzigste Jugendliche erkrankt bis zum 18. Geburtstag an Depressionen. Unter den Erkrankten finden sich etwa 2/3 Mädchen und 1/3 Jungen. Mediziner*innen haben viele Ursachen herausgefunden – u.a. eigene Körperbilder, Hormonschwankungen und ein erbliches Risiko. Viele Ursachen haben auch etwas mit Geschlechterbildern zu tun. Depressionen sind eine ernste Erkrankung – und unsere Autorin Mare hat einen Ratgeber für nahestehende Freund*innen und Verwandte geschrieben.

Vielleicht kennst du auch jemanden, der unter Depressionen leidet. Immerhin Vielleicht steht dir diese Person sogar ziemlich nahe. In diesem Fall möchte dieser Ratgeber dir helfen, in dieser oft überfordernden und schmerzhaften Situation etwas besser zurechtzukommen. Er soll keinesfalls professionelle Hilfe ersetzen, sondern nur eine erste Orientierung geben.

Sorge dich zu aller erst um dich selbst und respektiere deine Grenzen!
Es ist nie leicht, mitansehen zu müssen, wie eine geliebte Person leidet. Es ist aber wichtig, sich bewusst zu machen, dass du zu allererst für dich selbst und dein eigenes Wohlergehen verantwortlich bist. Pass also auf dich und überlege dir Sachen, die dir einen Ausgleich verschaffen. Triff dich mit Freunden, reagier dich beim Sport ab oder schreibe dir den Frust von der Seele und vor allen Dingen: Zögere nicht, dir professionelle Hilfe zu holen, wenn die Belastung zu viel wird!

Vermeide abgedroschene Phrasen!
Dein Gegenüber erzählt dir, dass es ihr schlecht geht. Oft weiß man zuerst nicht, was man sagen soll, und vieles, was einem einfällt, kann mehr Schaden zufügen als man denkt. 
Beispiele dafür sind:
„Du hast es doch nicht so schlimm! Denk nur an die ganzen Kinder, die auf der Welt hungern müssen!“ 
Damit sagst du so viel wie „Hey, du hast gerade 40 Fieber? Immerhin hast du keinen Krebs!“ Leid sollte nie gegeneinander aufgewogen werden. Außerdem sind Depressionen eine Krankheit. Die Person weiß wahrscheinlich, dass es Leute gibt, die in schwierigeren Situationen leben. Sie daran zu erinnern, hilft aber nicht. Wahrscheinlich verstärkst du damit nur die Schuldgefühle, weil die betroffene Person sich selber dafür verantwortlich macht, nicht einfach glücklich sein zu können.
„Als mein Hund/Papagei/Hamster gestorben ist, war ich auch eine Weile lang sehr traurig“ 
Es ist verständlich, dass du möchtest, dass sich die andere Person nicht alleine fühlt. Allerdings werden solche Anekdoten kaum etwas bringen. Außerdem bedeutet depressiv sein nicht traurig sein, sondern eher das Gegenteil (wie der Autor Tobi Katze hier anschaulich erklärt: LINK).
„Warum versuchst du nicht einfach, etwas positiver zu sein?“
„Oh ja, danke. Auf diese weisen Worte habe ich nur gewartet. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Mir geht es gleich viel besser.“
„Hat das etwas mit deiner Kindheit zu tun? Haben dich deine Eltern nicht richtig geliebt?“
Natürlich, wenn du die Person schon etwas kennst, glaubst du vielleicht die Ursachen und Auslöser für ihre momentane Situation zu kennen, aber wenn du dich wie ein Hobby-Psychologe benimmst, dann fühlt sich die Person auch meistens wie auf der Couch. Das führt uns direkt zum nächsten Punkt.

Überschätze dich nicht und halte dich nicht für einen Psychologen!
Wenn eine dir nahestehende Person Depressionen hat, ist es verständlich, wenn du helfen möchtest. Du solltest dich dabei aber auf keinen Fall für den strahlenden Helden halten, der die betroffene Person alleine aus der Dunkelheit ins Licht holen kann. So leicht ist die Realität im Gegensatz zu den meisten Märchen nicht. Du kannst im besten Fall Unterstützung und Rückhalt geben, wenn es der betroffenen Person schlecht geht, aber du kannst keinen Psychologen ersetzen. Depression ist eine Krankheit (ich kann es nicht oft genug wiederholen) und sollte auch wie eine behandelt werden. Psychotherapeuten haben Jahre ihres Lebens damit verbracht, zu lernen, wie man diese Krankheit am besten behandeln kann. Wenn sich jemand ein Bein bricht, sagt auch niemand: “Ach was, wenn ich der anderen Person nur mit genug Liebe begegne, wird sie schon bald wieder laufen können!“ und vor allem würden es die meisten Menschen auch für keine gute Idee halten, wenn jemand ein gebrochenes Bein selber eingipsen möchte, nachdem sie eine Anleitung im Internet dazu gelesen hat. Das gleiche gilt für die Behandlung von Depressionen.

Unterstütze die betroffene Person dabei, einen Therapieplatz zu finden!
Ermutige die Person, sich professionelle Hilfe zu holen. Wenn sie bereit ist, diese anzunehmen, kannst du ihr anbieten, bei der Suche eines Psychotherapeuten zu helfen, denn das ist oft ein langwieriger Prozess. Zuerst sollte die Person zum Hausarzt gehen und sich eine Überweisung holen. Dabei bekommt man dann auch meistens eine Liste mitgegeben von Psychotherapeuten, bei denen man anrufen kann. Die erste Hürde kann dann schon sein, überhaupt jemanden zu erreichen. Oft ist während der angegebenen Telefonsprechzeiten niemand zu erreichen oder es ist besetzt. Wenn dann jemand drangeht, ist oftmals erst in 6 Monaten ein Termin frei. Es lohnt sich deshalb, in so vielen Praxen wie möglich anzurufen. Manchmal springt nämlich spontan ein Patient ab und es wird ein naheliegender Termin frei. Man kann sich außerdem bei der Krankenkasse die Kosten für einen Psychotherapeuten ohne Kassensitz erstatten lassen, wenn man nachweisen kann, das man sonst keinen Platz gefunden hat. Trotzdem – die Suche nach einem freien Therapeuten kann oft mühsam sein. Das ist eindeutig ein Fehler im System. Wenn sich jemand ein Bein gebrochen hat, gibt man dem Betroffenen ja auch nicht einfach eine Wegbeschreibung zum nächsten Krankenhaus und erwartet, dass er dorthin humpelt. Trotzdem wird von Menschen, zu deren Krankheitsbild Motivationsprobleme gehören, erwartet, dass sie so viel Zeit und Eigeninitiative für ihre medizinische Versorgung investieren. Du kannst helfen, indem du anbietest, herumzutelefonieren, wenn die betroffene Person keine Kraft dafür hat. Auch gibt es Beratungsstellen, die vorübergehende Hilfe leisten können, wenn erst in mehreren Monaten ein Therapieplatz frei wird. Google nach Psychologischer Beratung, die von deiner Stadt oder der Caritas, der Diakonie o.ä. angeboten wird.

Akzeptiere, dass es mit dem Finden eines Therapieplatzes noch lange nicht vorbei ist!

Endlich! Nach langem Herumtelefonieren ist endlich ein Therapieplatz gefunden worden. Ihr dürft euch aber damit nicht vormachen, dass es von heute auf morgen besser wird. Therapien sind langfristige Angelegenheiten, die stetig über die Zeit hinweg ihre Wirksamkeit zeigen und es kann trotz Therapie noch zu heftigen akuten Phasen kommen.
Außerdem ist der erste Therapeut vielleicht nicht der richtige. Vielleicht hat er sich auf eine Therapiemethode spezialisiert, die einfach nicht zu dem Betroffenen passt oder vielleicht sind sie einfach nicht auf einer Wellenlänge. Auf jeden Fall ist es wichtig, einen Therapeuten zu finden, bei dem man das Gefühl hat, dass es passt.

Erwarte nicht, dass deine Worte direkt etwas bewirken!
Es ist doch verrückt. Vielleicht ist die Person, die dir gegenübersteht, der wichtigste Mensch in deinem Leben. Vielleicht habt ihr schon sehr viel Zeit miteinander verbracht und auch wenn du all ihre Schwächen kennst, hast du schon oft miterleben dürfen, was für ein großartiger Mensch diese Person ist. Und trotzdem. Trotzdem versteht sie es einfach nicht und redet davon, dass sie sich für eine schlechte Freundin/Schwester/Partnerin hält. Erwarte nicht, dass du sie direkt vom Gegenteil überzeugen kannst. Wahrscheinlich wirst du sogar noch oft genug immer und immer das gleiche wiederholen müssen.

Sei ein guter Zuhörer!
Biete an, der anderen Person zuzuhören, wenn sie reden möchte. Meistens möchte die Person dann keine Ratschläge hören oder Geschichten von Situationen, in denen es dir ähnlich ging. Meistens möchte die Person dann einfach, dass man ihr zuhört und ihre Gefühle ernst nimmt. Das kann schwierig zu erreichen sein. [evtl Ratschläge für aktives Zuhären geben???]

Rate der Person davon ab, in akuten Phasen wichtige Entscheidungen zu treffen!
Während der akuten Phasen ist die Wahrnehmung der Betroffenen oft verzehrt. Wichtige berufliche und private Entscheidungen werden oft im Nachhinein bereut. Rate der Person also dazu, mit ihrer Entscheidung zu warten, bis es ihr etwas bessergeht.

Du kannst eine Umgebung schaffen, in der sich die andere Person beim Schlecht-Fühlen sicher fühlt.
Phasen, in denen die betroffene Person leidet, werden nicht zu vermeiden sein. Du kannst aber dabei helfen, eine Umgebung zu schaffen, in der sie sich nicht alleine fühlt. Akzeptiere es, wenn auch mal geschweigt wird. Lies ein Buch, während die andere Person am Handy rumspielt. Das ist genau das, was sie auch ohne dich machen würde, aber nicht dabei alleine sein zu müssen, hilft schon. Respektiere die Möglichkeiten, die die andere Person gefunden hat, um sich besser zu fühlen. Guckt zum zwanzigsten Mal ihren Lieblingsfilm. Akzeptiere es, wenn sie sich Kopfhörer in die Ohren steckt und Musik hören will. Akzeptiere ihren Wunsch, auch alleine gelassen zu werden. Hilf ihr, an Wasser und Essen zu denken. Biete Umarmungen an, wenn sie welche zu brauchen scheint, aber gehe nicht davon aus, dass sie dir körperlich nahe sein möchte, nur, weil ihr das normalerweise seid. Frage bei körperlicher Nähe nach, ob es in Ordnung ist, und vor allem erwarte keinen Sex! Depressive Menschen haben oft einen geringeren Sexdrang, aber aus schlechtem Gewissen heraus wird vielleicht trotzdem eingewilligt. Also frage lieber noch mal nach! Das gilt übrigens für alle Geschlechter. Nicht nur Frauen lehnen Sex ab.

Aber bei allem darfst du eine Sache nicht vergessen: Sorge dich zu aller erst um dich selbst und respektiere deine Grenzen!

 

Mehr dazu:

  • Sarah von LizzyNet fragt sich, ob Models unser Selbstwertgefühl beeinflussen.
  • Mare hat sich in einem weiteren Text bereits mit einer ernstzunehmenden Krankheit beschäftigt: Endometriose.

Ich bin hier, um mir Frust von der Seele zu schreiben und etwas Liebe zu verbreiten.

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