Manipulation

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(c) Dustpuppy72:  Not yet there...  (CC BY-NC-ND 2.0)

Bereits die ersten zwei Texte, die Marie auf meinTestgelände veröffentlicht hat, haben uns besonders aufgrund ihrer Ehrlichkeit begeistert. In ihrem aktuellen Text geht es um Manipulation innerhalb von Beziehungen. Und dabei erzählt Marie ehrlich und detailliert wie sie selbst manipuliert wurde, aber auch wie sie selbst die Rolle der Manipulierenden eingenommen hat… 

Von der Manipulierenden zur Manipulierten

Es war beruhigend, Kontrolle zu haben. Mir hat das Gefühl von Macht gefallen. Mit ein paar Handgriffen und Sätzen eine ganze Situation ändern zu können, zu meinem eigenen Zweck. Nur für mich, damit es mir gut geht und ich einen Blick auf alles habe.
Der Fokus sollte auf mir liegen. Wenn er nicht auf mir lag, war ich beleidigt, sauer, habe ich mich emotional gerächt. 

Der Manipulierende pflanzt sich wie ein Parasit in den Kopf des Schwächeren. Man wird ihn nicht los, weil man es zum Einen nicht merkt und zum Anderen das Gefühl hat, dass alles richtig läuft. Und wenn einem doch etwas auffällt, schaut man zuerst in den Spiegel und sucht den Fehler bei sich. Manipulation macht blind, Manipulation macht abhängig.
 Einmal ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich an einem Abend, vor vielen Jahren mit Freunden unterwegs war und einer von ihnen gefragt hat: “Und, was macht dein Freund so? Außer Stöckchen apportieren?“ 
Das war hart. Und wahr. Oh man, das war mir wirklich peinlich. Ich war wesentlich jünger, hatte noch kein Kind und eine andere Vorstellung einer Beziehung als jetzt. 

Wenn sich zwei Menschen finden, deren Selbstbewusstsein weit voneinander entfernt ist, gibt es immer eine Person, die (auch im positiven Sinne) die Richtung vorgibt, aber ggf. auch (im negativen Sinne) Macht ausübt – und eine Person, die das akzeptieren muss, wenn sie bleiben will.
Und so war es bei mir in den letzten Jahren. Das Traurige ist, dass ich die Machtausübende war.
Davon möchte ich euch erzählen. Warum? Weil ich diesen Fehler eingesehen habe, ich habe es eingesehen, dass ich so war und kann offen drüber schreiben, weil ich die andere Seite auch kennengelernt habe: Die der Manipulierten.


Wenn du das machst, musst du die Konsequenzen akzeptieren

Im Nachhinein frage ich mich, warum man sich nicht einfach von mir getrennt hat. Jetzt weiß ich, wieso: Weil es MANIPULATION ist, man bemerkt es nicht. Manipulation bedeutet, etwas verdeckt in der Hand zu haben. Man täuscht, man hat Kontrolle, man lenkt und die andere Person kann gar nicht anders, als mitzugehen, weil es die Möglichkeit, ggf. gehen zu können, nicht gibt.
Durch Manipulation lässt man jemanden so handeln, wie man es selbst gerne sehen möchte. In einer Beziehung macht man seinen Gegenüber durch Manipulation abhängig von sich selbst. Emotional, finanziell, materiell, psychisch, was auch immer, einfach abhängig.
Man hat das Gefühl, ohne den Anderen nicht mehr leben zu können.

Inzwischen weiß ich, dass Manipulation nichts mit wahrer, ehrlicher Liebe zu tun hat. Ich habe gelernt, dass es einerseits Liebe gibt, andererseits Abhängigkeit. Es gibt beides zusammen, jedoch für den Einen mehr, als für den Anderen. 
Ich habe aus Angst manipuliert. Aus Angst, verlassen zu werden. Seltsam oder? Ich habe sozusagen jemandem keine Wahl gelassen, anstatt sein eigenes Handeln zu akzeptieren.
Ich habe also etwas getan, wofür man mich eigentlich hätte verlassen müssen – aus Angst, verlassen zu werden.
Außerdem lag es an geringem Selbstbewusstsein. Hätte ich ausreichend Selbstbewusstsein gehabt, hätte ich das eigene Handeln meines Partners angenommen, ohne Angst zu kriegen, verlassen zu werden, nur weil die Aufmerksamkeit mal nicht ausschließlich auf mir lag.
Dann kam noch Langeweile dazu. Wenn mein Partner in der Zeit, in der ich selbst nichts zu tun hatte, sein eigenes Ding gemacht hat, habe ich mich aus Langeweile – und weil ich es eben konnte – emotional “gerächt“, dafür, dass ich nicht im Mittelpunkt stand, weil mein Partner eben auch mal etwas ohne mich zu tun hatte.


Emotionale Rache

Diese “emotionale Rache“ kann ich nicht genau beschreiben. Ich habe etwas gefühlt wie “Wenn du jetzt nicht bei mir bist, liebst du mich nicht und kannst mich mal am Arsch lecken“ und musste ihm zeigen, was er eben davon hat.
Zum Beispiel habe ich absichtlich mehrere Stunden nicht auf Nachrichten geantwortet, um zu demonstrieren, dass ich auch wichtige Dinge ohne ihn zu tun habe.
 Wie du mir, so ich dir. Was du kannst, kann ich schon lange. 
Im Nachhinein bin ich froh, dass die armen Kerle mich nicht länger ertragen mussten, so würde ich auch keine Beziehung mit mir führen wollen – oder umgekehrt eine Beziehung mit einem Mann, der mich so an der Leine führt.
Im Endeffekt wurde es mit der Zeit sehr langweilig, weil mein Gegenüber keine eigene Meinung mehr hatte, die emotionale Waage bei diesem Ungleichgewicht schon ins kippen geriet, es keine Spannung mehr gab, weil ich die Fäden in der Hand hatte und mein Partner für mich gelebt hat, anstatt mit mir. 
Ziemlich erbärmlich von mir, wenn ich das im Nachhinein alles Revue passieren lasse. Wie wenig habe ich an mich selbst geglaubt, an meinen eigenen Wert, dass ich keine Wahl gelassen habe, sich eigenständig – und ggf. gegen mich zu entscheiden. Wie unmenschlich.
 Wie kann man denn glücklich sein, wenn es der Partner gar nicht selbst entscheiden kann, ob er glücklich ist, sondern es sein MUSS, weil er sonst emotionale bestraft wird.




Mutter sein oder manipulieren? 



Seit ich ein Kind habe, hat sich einiges geändert bei mir. Die Verantwortung hat den größten Platz eingenommen, sodass ich keine Kapazität mehr habe, etwas anderes zu lenken oder zu kontrollieren. Das war wie eine Therapie.
 Mein Sohn bekommt meine Aufmerksamkeit, meine Energie, ich könnte es mir nicht mehr leisten, mich so auf das Manipulieren eines Menschen zu konzentrieren. Außerdem kann ich es mir nicht leisten, meine Launen durch Situationen, die mir nicht passen, so zu versauen, wenn die Prioritäten ganz woanders liegen, nämlich auf der Entwicklung meines Kindes.
Wenn man ein Kind bekommt, reift man. Das ist einfach so.
Seit ich Mutter bin, habe ich ein anderes Bild einer Beziehung. Ich habe gelernt, zu akzeptieren, zu schätzen, zu respektieren. Ich habe meinen eigenen Wert erkannt und würde niemanden mehr zwingen, sich mit mir abzugeben, wenn er es nicht von selbst möchte.
Ich behandle, wie ich selbst behandelt werden möchte.
Kein Mensch der Welt ist perfekt, in Beziehungen tun wir alle mal Dinge, die nicht besonders nett sind, testen unbewusst Grenzen aus, kontrollieren auch mal, sind beleidigt und legen unwichtige Dinge auf die Goldwaage. Das ist ganz normal. Nur wenn genau das so überwiegt, dass es kein Gleichgewicht mehr gibt, ist es nicht mehr normal.

Nun war ich an der Reihe



Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich als erfolgreich Manipulierende mal zur blinden Manipulierten werde. Das einzig Positive daran ist, dass ich mich dafür schäme, was ich mal getan habe. 
Ich habe diese Abhängigkeit kennengelernt, wenn man hingestellt wird, als macht man einen riesen Fehler, den man sofort einzusehen hat, wenn man nicht drunter leiden möchte, selbst wenn man ihn vielleicht gar nicht als Fehler sieht. Nur weil man selbstständig etwas entscheidet, was der anderen Person nicht gefällt.

Ohne, dass es um Betrug, Unwahrheiten oder sonstige Vertrauensmissbräuche geht. Einfach alltägliche Entscheidungen.
Ich war an dem Punkt, an dem ich mich selbst dafür mit Missachtung gestraft habe, mir eingeredet habe, ich sei nichts wert, weil ich immer Fehler mache, wegen denen man sauer werden musste, sich zurückzog oder mich beschimpft hat, ganz wie es in dem Moment beliebte – und für all das Argumente hatte, damit ich diese Reaktionen verstehe.

Wenn die Zärtlichkeit, das Liebevolle, die Aufmerksamkeit nachlässt und die Zeit, die aber genau dafür dienen sollte, dafür genutzt wird, die Liebe in den Hintergrund zu schieben, Macht auszuüben, Drohungen auszusprechen, ein schlechtes Gewissen einzureden, auf Fehler aufmerksam zu machen, zu versetzen und vertrösten, aber immer mal wieder ein wenig gibt, wird man abhängig, weil man selbst ja Liebe empfindet und sich daher über jeden Brocken, der einem ab und zu hingeworfen wird, freut, als wäre es das Tollste auf der Welt.

Jeder Mensch mit Selbstbewusstsein manipuliert?

Natürlich nicht. Ich habe mich selbst gefragt, wieso es Menschen gibt, die so etwas tun. 
Und dann bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass manipulierende Menschen in der Vergangenheit vielleicht einen Verlust erlebt haben könnten. 
Dass etwas passiert ist, was sie nicht mehr unter Kontrolle hatten, etwas hinnehmen mussten, was nicht zu ändern war. Ein Verlust, eine Trennung, einfach etwas, wo sie kein Mitspracherecht hatten und etwas Schmerzhaftes akzeptieren mussten, was sie so nicht noch einmal erleben möchten.
Das kann dann zur Folge haben, dass man einen Menschen so einengt, kontrolliert und manipuliert, damit derjenige nicht auf die Idee kommt, einen zu verlassen, oder die Chance hat, einen anderen Weg einzuschlagen.
Wenn man manipuliert, ist man meiner Meinung nach eigentlich sehr, sehr ängstlich und hatte schon mal selbst das Gefühl, abgelehnt worden zu sein.
In meinem Fall war es eine prägende Beziehungstrennung vor einigen Jahren.

 

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Mein Name ist Marie (24), ich lebe mit meinem Sohn in Berlin - Blogge, lese, schreibe gerne und beschäftige mich so intensiv mit den Bedürfnissen des Menschen, der Vielseitigkeit unserer Persönlichkeit und Lebensqualität, dass ich ganze Bücher verfassen könnte!

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