TRAKINE – Lebenslauf von L.

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(c) torbakhopper:  be not afraid  (CC BY-ND 2.0)

„Irgendwann stieß ich durch Zufall auf eine Reportage über einen Trans*Jungen und sofort durchströmte mich ein unbeschreibliches Gefühl, mein ganzer Körper kribbelte und ich wusste, dass das auch auf mich zutraf“ – L. erzählt seine Geschichte von der Kindergartenzeit bis heute. Immer schon wusste er, dass er ein Junge ist, aber es dauerte viele Jahre und brauchte viel Mut, bis L. sich Menschen anvertrauen konnte…

Hallo, mein Name ist L. und ich bin ein Trans*Junge. Ich beginne einfach mal ganz am Anfang, am ….2003 wurde ich in ………. geboren. Ein „F“ wurde in meine Geburtsurkunde geschrieben, aber später in meinem Leben wird mir immer mehr bewusst werden, dass das völlig falsch war. An meine Vor-Kindergarten-Zeit kann ich mich nur noch sehr schwer erinnern. Aber machen wir doch im Kindergarten weiter. Die Kindergartenzeit war wunderbar. Ich hatte viele Freunde, vermehrt Mädchen, und alles war super. Meine Lieblingsspiele waren Rollenspiele in Kombination mit Verkleiden. Ich spielte weder nur „Mädchen“ Charaktere (Prinzessin usw.) noch nur „Jungs“ Charaktere (Ritter usw.). Ich war, was mich interessierte. Zum Beispiel die gelähmte Klara aus Heidi. Wenn ich dann doch mal mit ‚Dingen’ spielte, dann spielte ich am meisten mit Lego.

Dann kam die Grundschule. Ich kam mit keiner meiner Kindergarten-Freundinnen in die erste Klasse, aber mein bester Freund und ich kamen zusammen. Ich fand neue Freunde, diesmal gleichermaßen Mädchen und Jungs. Wobei ich mich mit meinen zwei Freundinnen eher nach der Schule traf und die Pausen in der Schule mit den Jungs verbrachte. Was die Mädchen machten, weiß ich nicht, aber wir haben immer Star Wars gespielt. Ich kann mich noch sehr gut an diese Dinge erinnern: 1. Ich war immer sehr stolz darauf, dass ich bei wilden Kampfszenen einen ‚genauso guten Durchblick hatte wie die Jungs’. Und dass ich solche Kampfgeräusche ‚genauso gut nachmachen konnte wie die Jungs’ (Das waren damals meine Gedanken.) 2. Und einmal (wir fuhren gerade Auto und hörten eine Star Wars CD) hatte mein Vater erzählt, dass irgendjemand (ich weiß es nicht mehr), nachdem er meine Star Wars Sachen gesehen hatte, total verwundert sagte: „Ich dachte ihr hättet zwei Töchter“. Das hat mich irgendwie glücklich gemacht. So verging die erste Klasse. Zu dieser Zeit hatte ich lange Haare und trug auch Mädchenkleider, wobei es mir nie aufs Aussehen ankam, sondern immer nur auf die Bequemlichkeit.

In der zweiten und dritten Klasse veränderte sich eigentlich nicht viel, außer dass wir nicht mehr Star Wars, sondern Harry Potter Fans waren und ich mir die Haare zu einem Bob kürzen ließ. Außerdem veränderte sich in der dritten Klasse mein Zugang zu den Mädchen und ich verbrachte etwas mehr Zeit mit ihnen. Ich kann mich noch sehr unscharf an das erste Mal erinnern, als ich in der Pause zu ihnen gegangen bin. Dann, nach der dritten Klasse, zogen wir um, nach K. und ich kam in eine neue Schule. Schulisch lief alles besser denn je, aber ich hatte große Probleme, neue Freunde zu finden. Zu den Mädchen fand ich keinen Anschluss (in dem Alter fangen ja oft solche Dinge wie Schminken und so an…) und die Jungs sahen mich nicht als einen von ihnen. Schließlich fand ich dann eine Freundin, die nicht so an typischen Klischee Mädchensachen interessiert war und einige meiner Interessen teilte. Später freundete ich mich dann noch mit einem weiteren Mädchen an, allerdings wurden diese beiden Freundschaften nie so eng wie meine alten. Zum Glück habe ich zu den meisten meiner alten Freunde noch Kontakt.

In der vierten Klasse begann ich dann auch, ausschließlich Jungenkleider zu tragen. Und wenig später folgte dann mein erster Kurzhaarschnitt. Dann kam ich auch schon in die fünfte, und oft kam es zu „Mädchen oder Junge?“-Fragen. Auch wurde ich von anderen Menschen als Junge erkannt, was mich immer freute. Allerdings wurde es auch immer unangenehmer auf öffentliche Toiletten zu gehen. Irgendwann stieß ich durch Zufall auf eine Reportage über einen Trans*Jungen und sofort durchströmte mich ein unbeschreibliches Gefühl, mein ganze Körper kribbelte und ich wusste, dass das auch auf mich zutraf. Trotzdem traute ich mich nicht, jemandem davon zu erzählen. So vergingen die fünfte und die sechste Klasse, ich malte mir aus, wie ich mich outen würde und tat es dann doch nie.

Dann kam ich in die siebte Klasse, neue Schule, neues Glück… Meine eine Freundin von davor kam in meine Klasse und wir hofften beide, neue Freunde zu finden. Wurde nichts. Das soll übrigens in keiner Weise heißen, dass ich mich mit meinen Klassenkameraden nicht blendend verstand, es entstanden nur einfach keine richtigen Freundschaften. Irgendwann begann ich es satt zu sein, immer das „burschikose Mädchen“ zu sein. Auch wenn ich in den Spiegel sah, hatte ich immer das Gefühl, nicht mich darin zu sehen. Da ich, aus Frustration oder warum auch immer, die Trans* Sache ganz in meinem Hinterkopf versteckt hatte, ging ich in die komplett falsche Richtung, um wieder ich zu werden. Ich wollte mir die Haare länger wachsen lassen und kaufte einen Mädchenpullover. Beides schlug komplett fehl. Als ich den Pulli in der Schule getragen habe, bin ich vor Scham fast gestorben (und man sollte dazusagen, es war kein „mädchenhafter“ Mädchenpulli) und die Haare sind auch nicht lange gewachsen. Dann, aus einem Gefühl heraus, suchte ich abermals das Video von damals und schaute es mir nochmal an. Ich wurde direkt wieder in die Gefühle von vor 2 Jahren hineinkatapultiert und begann mich noch intensiver mit dem Thema zu befassen. Doch traute ich mich immer noch nicht, etwas zu sagen.

Ich setzte mir ein Zeitlimit, wenn ich zu den Sommerferien immer noch so fühlte, wollte ich es sagen. Sommerferien kamen, ich sagte nichts. Ich fuhr mit meiner Schwester und ihrer Freundin in ein Ferienlager und als ich meinen Namen sagen musste, wäre ich am liebsten aus dem Zug gesprungen. Ich schmiedete schon zahlreiche Pläne, den Leitern alles zu erzählen, um in ein Jungenzimmer zu kommen, aber ich denke es ist offensichtlich, dass ich es nicht tat. Einzig, dass ich mit meiner Schwester und ihrer Freundin in ein Zimmer kam, machte die Sache erträglich. Obwohl ich mir so sicher war, beantwortete ich die Frage, ob ich lieber ein Junge wäre (die mir allein in dem Lager zweimal gestellt wurde) stets mit ‚Nein’ oder einem ausweichenden ‚Weiß nicht’. In dieser Zeit lief ich außerdem extrem gebeugt, damit ja niemand meine Brust sähe. Auch unseren Freunden, mit denen wir im Urlaub waren, bemerkten, dass es mir überhaupt nicht gut ging. Dass ich in diesem Sommer nicht schwimmen war, lässt sich vermutlich nicht schwer erahnen.

Die Ferien gingen zu Ende, achte Klasse und es ging mir überhaupt nicht gut. Irgendwann, so im Spätsommer, machte ich dann so eine Bemerkung wie „ich schneide mir jetzt meine Brust ab“. Halb hoffend, ich könnte endlich alles erzählen und halb in Angst. Zum Glück habe ich mich getraut, endlich alles zu erzählen! Natürlich war das für meine Familie gar kein Problem, das wusste ich auch. Aber trotzdem hatte ich immer Angst, es zu sagen. Auch schon einige Zeit früher hatte meine Oma mir gesagt, dass es, wenn es so wäre, überhaupt kein Problem wäre. In Gedanken schrie ich ihr zu „ES IST SO!!!!“ Aber ich sagte nichts. Nach diesem Gespräch mit meiner Mutter sind wir nach Zürich zu einem Informationsgespräch vom Transgender Network Swiss (TGNS) gegangen und jedes Mal, wenn jemand ‚er’ zu mir sagte, durchströmte mich ein Glücksgefühl. Wir planten, wie es weitergehen sollte, erzählten es allen Familienmitgliedern, die es noch nicht wussten und ich ging das erste Mal zu meiner Psychiaterin.

Meinen alten Freunden aus D. habe ich es dann auch bald geschrieben, alle haben super super nett reagiert und keine der Freundschaften hat sich irgendwie verändert. Das war alles im Herbst 2016. Nach den Weihnachtsferien wollten wir dann das Outing in der Schule angehen. Ich war furchtbar nervös und meiner Freundin, die in meiner Klasse war, schrieb ich es erst in den Ferien, weil ich so Angst hatte, dass sie es irgendwie nicht verstehen würde und ich dann meine einzige Freundin hier verlieren würde. Aber diese Angst war völlig unberechtigt, es war überhaupt kein Problem für sie. Dann kam das Outing in der Schule. Ich hatte zwei sehr nette Leute vom TGNS zur Hilfe, die beiden haben eigentlich alles gemacht und ich habe nur einige Sätze gesagt. Aber meine ganze Klasse hat es total gut aufgenommen und ich musste nie irgendwelche blöden oder gemeinen Sprüche ertragen!!

Schon am nächsten Tag, als wir eine Lehrerin hatten, die nicht Bescheid wusste, haben sich alle für mich eingesetzt. Eigentlich war alles gut, aber trotzdem freute ich mich auf den nächsten Schulwechsel in die neunte Klasse. Alle hatten mich zwar akzeptiert, aber trotzdem war es nicht dasselbe als wenn sie mich nur als L. gekannt hätten. Bevor ich in die neunte Klasse kam, gab es noch ein weiteres tolles Ereignis, nämlich bekomme ich seit Januar pubertätsblockende Spritzen. Mittlerweile kann ich mich auch selber spritzen. Dann, vor einem viertel Jahr, kam ich in die neunte Klasse und alle haben mich als L. kennengelernt. Ich habe zwar erzählt, dass ich Transgender bin, wegen dem Duschen nach dem Sportunterricht, aber niemand hat eine große Sache draus gemacht. Zwei (positive) Rückmeldungen habe ich bekommen und zwei Leute haben etwas gefragt, mehr nicht. Fast schade, ich hätte gerne noch weitere Fragen beantwortet 😉 Und jetzt sind wir auch schon in der Gegenwart angelangt. Wir sind gerade an der Durchführung der Mastektomie. Eigentlich ist schon alles besprochen (mit der Ärztin) und wir warten nur noch auf die Kostenübernahme der Krankenkasse. Ich bin rundum glücklich und hoffe nur, dass das mit der Namens- und Personenstandsänderung und der Mastektomie möglichst bald klappt.

(Geschrieben 2017)

 

Mehr dazu:

  • Die ursprüngliche Quelle des Textes findet ihr hier.
  • Und hier gibt‘s den Song Trans Pride von Faulenza feat. Msoke.

One Comment

  1. Der Verein, von dessen Seite der Text übernommen wurde, heißt Trans-Kinder-Netz e.V, abgekürzt TRAKINE.

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