Frauen in China - Von händchenhaltenden „Schwestern“ und Powerfrauen

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(c) Sven:  China on a globe  (CC BY 2.0)

Unsere Autorin Lilith ist viel unterwegs in der Welt. Zur Zeit weilt sie in China und auch von dort schreibt sie Artikel für meinTestgelände. In diesem hier erfahrt ihr, was sie bisher in Chongqing in Bezug auf Beziehungen und das gesellschaftliche Rollenbild der Frau in Erfahrung bringen konnte.

„Das hier sind die Tafeln auf denen alle Eigenschaften der Frauen stehen. Welche Ausbildung sie hat, ihr Alter, aus welchem Elternhaus sie stammt…“ Meine Eltern zeigen mir gerade Bilder ihrer vergangenen zwei-Wochen Reisen in China. Dieses Foto zeigt eine Szene im Park. An diesen Orten suchen Väter scheinbar nach Frauen für ihre Söhne. O.k.? Dass es so etwas noch gibt, hat mir in China bisher noch niemand erzählt. Aber – da werden die Unterschiede zwischen Stadt und Land einmal wieder offensichtlich. „Die Väter arrangieren dann Treffen mit den entsprechenden Frauen. Ein Foto ist hier auf den Tafeln nie dabei“ Es ist wirklich eine Art „Frauenmarkt“ den meine Eltern in diesem Park beobachten konnten. Irgendwie erinnert mich dieses Vorgehen an eine alte Variante der heutigen Internet-Partnersuche-Plattformen. Während hier ein Algorithmus herauszufinden versucht, welche zwei Personen ein besonders glückliches Pärchen abgeben würden, ist es hier auf diesem Platz einfach der Vater.

Doch so finden sich heutzutage nicht mehr die meisten Ehen, wie mir von allen Seiten berichtet wird. Nicht nur meine Gastfamilie, sondern auch Studierende an der Universität oder Mitarbeiter von RisingStar erzählen mir, dass sich in dieser Hinsicht innerhalb der vergangenen fünfzig Jahre einiges verändert hat. Meistens lernen sich Partner einfach an der Uni, beim Arbeitsplatz oder im Fitnessstudio kennen. Den Eltern werden die Freunde meist deutlich später vorgestellt, als das in Deutschland der Fall ist. Während wir unseren Eltern manchmal schon nach wenigen Tagen von einer neuen Beziehung berichten, geht es bei den Chinesen doch schon eher in Richtung Hochzeit, wenn eine Person anderen Geschlechts mit nach Hause genommen und dort als Freund präsentiert wird. Das was dann geschieht, scheint den deutschen Sitten sehr ähnlich zu sein. Die Eltern bilden sich ihr eigenes Urteil über den Vorgestellten und es kann natürlich dazu kommen, dass sie ihr Kind davon überzeugen möchten, dass dieser Jemand nicht der oder die Richtige für ihn/sie ist. Ein wirkliches Mitbestimmungsrecht jedoch haben sie nicht mehr, so wie das früher durchaus der Fall war.

Um den zukünftigen Schwiegersohn bzw. die Schwiegertochter zu beurteilen, spielt in China aber noch mehr der Wohlstand eine Rolle. Nicht selten wird als allererstes nach Beruf und Vermögen der Eltern sowie den eigenen finanziellen Mitteln gefragt. In Deutschland habe ich die Beobachtung gemacht, dass diese Aspekte eher in den Hintergrund treten, so lange der vorgestellte Partner freundlich ist und das eigene Kind in der Beziehung glücklich wird.

Ganz witzig ist auch, dass die chinesischen Eltern soweit ihre Finger aus der Partnersuche halten, bis die Kinder ein Alter überschreiten, ab dem die Eltern sich zu sorgen beginnen, ob ihr Kind überhaupt noch einen Partner finden wird. Dann beginnen auch sie, sich einzuschalten und ein wenig als Verkuppler aktiv zu werden. Ganz witzig ist zudem, dass meine Gastmutter sich mehrmals mit mir über das Thema „boyfriend“ unterhält. Die modernen Chinesen gehen mit Liebesbeziehungen also ganz offen um. Noch dazu wünscht sie sich, dass ich einen chinesischen Freund finde. Ob das nun daran liegt, dass die Chinesen einen Frauenmangel haben und es umso besser ist, je mehr Männer eine ausländische Freundin finden, oder ob sie mich dadurch näher an China binden und somit meinen Anreiz erhöhen möchte, wieder hierher zurückzukommen? Nun ja, von den „Verkupplungstreffen“ die sie mir bereits mehrmals mit der vorsichtigen Frage „Do you mind if I introduce some boys to you?“ angekündigt hat, habe ich bislang in der ersten Hälfte meines Aufenthaltes noch kein einziges erlebt.

Außerdem erzählt sie mir, dass es chinesischen Männern wohl gar nicht so recht sei, sich ausländische feste Partnerinnen zu suchen. Die ausländischen Frauen seien in ihren Augen zu offen, zu frei, zu selbstbewusst. Außerdem fürchten die Männer in China wohl die kulturellen Differenzen. Darüber hinaus hält meine Gastmutter ausländische Männer für die moralischeren und besseren. Ihrer Meinung nach würden Chinesen nur auf das Aussehen achten und sich gerne auch einmal halb so alte Frauen nehmen. Westliche Männer achteten in ihren Augen mehr auf den Charakter – nun ja, das kann ich in der breiten Masse jetzt nicht unbedingt bestätigen, aber interessant welche Eindrücke die Chinesen von der „westlichen“ Männerwelt haben.

Wichtig zu betonen ist zudem, dass es auch vollkommen in Ordnung ist, gute Freunde zu haben, die dem anderen Geschlecht angehören, ohne sich gleich verlieben zu müssen. Es ist also durchaus in Ordnung, sich mit einem Jungen zu treffen, selbst wenn dieser schon in einer festen Beziehung steht. Was auch auffällig ist, ist, dass Freundinnen, die nicht etwa homosexuell sind, sondern sich einfach nur sehr gut verstehen, häufig händchenhaltend durch die Straßen ziehen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Chinesen ihre Freunde ziemlich schnell als „Bruder“ oder „Schwester“ bezeichnen.

HAUPTSACHE MÄNNLICH

Was die Bevorzugung von Jungen oder Mädchen unter den eigenen Kindern betrifft, ergibt sich eine interessante Situation. Meine Gastmutter betont, dass sie von ihrer Schwiegermutter unter anderem dadurch in einem schlechten Ansehen steht, weil sie es „nur“ geschafft hat, Mädchen zur Welt zu bringen. Besonders als sie noch ein Kind war, hatte es in ihrem Dorf etwas mehr auf dem Land gelegen, einige Frauen gegeben, die tatsächlich so lange Kinder ausgetragen haben, bis ein männliches dabei war. Gleichzeitig berichtet sie mir aber auch, dass es ab ihrer Generation keine Rolle mehr spiele, welches Geschlecht die Kinder haben. So gibt es z.B. unter den Elternteilen der Klassenkameraden der beiden Mädchen meiner Familie keine höherwertigeren Mütter, nur weil diese Jungen geboren haben. Meine Lehrerin (28 J.)an der Universität sagt sogar, dass ihre Generation sich lieber Mädchen wünscht, weil diese in der Erziehung leichter seien. Das ist nun einmal dahingestellt, aber feststeht, dass sich in der chinesischen Ansicht auf die Geschlechter etwas im Wandel befindet. Dieser ist bislang vor allem in den Städten offensichtlich. In abgelegeneren Gebieten auf dem Land sind ganz sicher noch die männlichen Kinder die in den Augen der Eltern bevorzugteren.

Was die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau anbelangt, so lässt sich auch hier ein Wandel erkennen. In einigen großen Städten arbeiten inzwischen beide Elternteile. Dennoch ist es – ähnlich wie in Deutschland – noch deutlich verbreiteter, dass wenn jemand zu Hause bleibt, die Wahl auf die Mutter fällt. So sind nicht nur meine Gastmutter und deren Schwester Hausfrauen, sondern auch viele ihrer Freundinnen. Die Mutter ist es auch, die Erziehungsfragen der Kinder bestimmt. So hätte z.B. in meiner Gastfamilie der Vater kaum eine Chance gehabt, sich entgegen die Entscheidung seiner Frau zu stellen, ein Au-Pair einzuladen. Sie ist es auch, die die Wochenenden „plant“ und die meiste Zeit mit den Kindern verbringt. Dass sich der Vater eines Tages am Telefon darüber beschwert, dass zwei Kleidungsstücke unaufgeräumt auf dem Sofa liegen, die sie erst am Abend wegräumen wollte, denn ihr Mann kommt gerade einen Tag früher als geplant von seiner Geschäftsreise zurück, empört mich mindestens genauso wie meine Gastmutter selbst. Sie ist eine sehr selbstbewusste Frau, die auch Auseinandersetzungen mit ihrem Mann nicht scheut.

Während es gar keine Frage ist, dass sie kocht und putzt, so unterstützt er sie wenigstens in ihren Vorhaben. Meine Hostmum erzählt mir, dass er sie sobald er einen Beruf aufgenommen hatte, dazu ermutigte, an der Universität weiter zu studieren. Auch auf meinen Vorschlag hin, sie könne doch wieder in ihrem ehemaligen Beruf als Touristenführerin arbeiten, da ihr jetzt dank meiner Hilfe wirklich viel Freizeit bleibt, reagiert er unterstützend. Doch irgendwie möchte sie selbst nicht angestellt sein, sondern sich lieber mit ihren Freundinnen treffen, oder zu irgendwelchen Meetings gehen, in denen es um die Wohncommunity und Kindeserziehung geht.

Was ich am kritischsten sehe, ist die Vater-Kind-Beziehung. Ich kann dies nun nicht auf die Chinesen allgemein beziehen, da ich in diesem Aspekt tatsächlich nur die Erfahrung in meiner Familie schildern kann, aber bei mir finde ich es wirklich sehr schwierig, dass der Vater so gut wie nie Zeit mit seinen beiden Töchtern verbringt. Entweder er ist auf Geschäftsreise, oder er arbeitet und geht im Anschluss daran noch mit Arbeitskollegen essen. Ich kann mir vorstellen, dass er als Anwalt alle Hände voll zu tun hat, aber wenigstens, wenn er dann mal zu Hause ist, könnte er Zeit mit seinen Kindern verbringen. Stattdessen verbringt er ganze halbe Tage in irgendeinem Internetcafé, um ein Computerspiel zu spielen, oder er trifft sich mit Freunden, oder – er setzt die Kinder vor den Fernseher und verschwindet in sein Zimmer. Abgesehen von den Wanderungen gibt es also kaum Vater-Kind-Zeiten und auch wenn er wirklich nett ist, habe ich nicht selten den Eindruck, dass er gar keine Idee hat, was er mit den Kindern machen kann und wie er mit ihnen umzugehen hat.

Sehr interessant wird die Diskussion am letzten Abend mit meinen beiden Gasteltern und meinen aus Deutschland angereisten leiblichen Eltern. Irgendwie kommen wir auf die Rolle der Frauen zu sprechen. Der Vater versucht sich mehrmals für sein knappes Vaterdaseinzweitfenster damit zu verteidigen, dass sich irgendwer schließlich um das Geld kümmern müsse, und in dieser Familie eben die Aufteilung der Aufgaben so ist, wie sie ist. Ich meinerseits betone immer wieder, dass ich mit allen Modellen des Familienlebens einverstanden bin, ganz egal ob Hausfrau, oder Hausmann, ob beide Eltern arbeitstätig… so lange, beide Ehepartner mit dieser Regelung auch zufrieden sind. So lange sie in gleichermaßen Aufgaben machen, die ihnen gefallen und nicht gefallen und es gerecht und unter Einbezug beider Meinungen zugeht. Daraufhin schildert uns mein Gastvater die zwei Typen an Frauen, die es in China gibt: die Powerfrau, die sich in Beruf und Karriere stürzt und die Hausfrau, die es vorzieht, sich zu Hause um Herd, Putzlappen und Windeln zu kümmern. Oftmals sei es also eine harte Entscheidung – Teilzeit ist kaum eine Option, sodass es nicht selten heißt: Entweder Familie, oder Beruf. Für die Männer ist es hingegen keine Schwierigkeit, beides zu haben.

Meine Eltern werfen ab und an ein, dass besonders auf dem Land noch immer die Meinung herrsche, wenn die Frauen arbeiten, würde dies ein schlechtes Licht auf den Ehemann werfen. Schließlich bedeute dies in etwa dasselbe, wie als sei er nicht fähig dazu, die Familie alleine zu versorgen und die Frau müsse arbeiten. Dass die Frau dies tut, weil es ihr Spaß bereitet, sei in den ländlichen Gebieten kaum vorstellbar. Hinzu fügen sie das, was ihnen ihre Touristenguides in ihrem oftmals brüchigem Englisch zu verstehen geben konnten: Frauen werden wohl in A, B und C Klassen eingeteilt. Besonders interessant sei dabei die Rolle der A-Frauen. Diese hätten eine gute Ausbildung genossen und sind ideal für eine Karriere ausgestattet. Sie hätten es wohl sehr schwer, einen Ehemann zu finden. Zum einen, da sie in der Zeit, in der andere an Partnerfindung und Hochzeit denken, mit ihrem Berufsleben beschäftigt sind und zum anderen, weil viele Männer vor solchen „starken“ Frauen wohl zu viel Respekt hätten.

Spannend bleibt es, wie sich die Situation in Land und Stadt in den kommenden Jahren entwickeln wird.

 

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Mein Name ist Lilith und ich wohne in einem kleinen, aber wunderschönen Dorf in der Nähe von Karlsruhe. Geboren bin ich 1999 jedoch in Hessen in Heppenheim. Nachdem ich die Grundschule ein paar Jahre lang besuchte, habe ich im Alter von neun damit begonnen, mein erstes Buch zu verfassen. Schon einige Zeit zuvor hatte ich den Spaß am Schreiben entdeckt und mir seitdem ich denken kann Geschichten ausgedacht, die ich seitdem aufs Papier bringe. Zwei Jahre nachdem ich die Überschrift des ersten Kapitels auf ein DinA4 Blatt gekritzelt hatte, begann ich schließlich mit dem Projekt, mein Buch zu veröffentlichen. Inzwischen sind diesem ersten zwei weitere Bücher gefolgt. Neben den bisherigen Werken, die hauptsächlich für Kinder und Jugendliche geeignet sind und sich bunt mit Themen beschäftigen, die von Elfen über Umweltschutz bis hin zur Pubertät reichen, bin ich momentan dabei, parallel an meinem vierten und fünften Buch zu schreiben, von denen eines eine Zusammenstellung verschiedener Kurzgeschichten sein wird und sich das andere rund um Katzen dreht. Ich verfasse aber nicht nur gerne Romane und Kurzgeschichten, sondern auch Gedichte und Poetry Slams, mit denen ich auch schon einige Wettbewerbe gewonnen habe. Leider aber habe ich für all dies viel zu wenig Zeit, da ich mich noch für zahlreiche andere Dinge interessiere. Klavier-, Gitarren-, Schlagzeug- und Saxophonunterricht, Proben in Chor, Jazzband, Orchester, Kunstturntraining, Mitglied in zahlreichen AGS (z.B. fairtrade, SMV, Amnesty, Leiterin einer Turn-AG) und Mitglied in zahlreichen Vereinen und Gruppen außerhalb der Schule (z.B. dem EYP, der JEF(Junge Europäische Föderalisten…) und nebenher noch der Besuch der 12 Klasse, die ich dieses Jahr mit meinem Abitur abschließen werde, nehmen doch einiges an Zeit in Anspruch. Wenn ich neben diesem vollen Wochenplan noch Zeit finde, gehe ich im Winter liebend gerne Ski- und Snowboard fahren, oder im Sommer Surfen und Tennisspielen oder Klettern. Ihr seht schon – ich bin für wirklich alles zu begeistern. Von Mathe, Physik und Chemie über Technik hin zu Sprachen, Geschichte und Geisteswissenschaften, Sport und Musik – es gibt wirklich kaum etwas, was mich nicht interessiert. Durch diese vielseitigen Aktivitäten ist es auch nicht verwunderlich, dass ich über viele Seiten mit den auf dieser Seite behandelten Themen in Berührung komme. In technischen und naturwissenschaftlichen Kursen und Feriencamps habe ich es nur zu oft selbst erlebt, wie auch hier immer noch die Stereotypen zum Vorschein kommen und auch im Zuge meiner Arbeit an der hector-Kinderakademie und dem KinderCollege in Karlsruhe sowie in Bretten, bei denen ich als Dozentin aktiv bin, erfahre ich ununterbrochen, wie sehr auch Grundschüler noch zwischen angeblichen Mädchen- und Jungentalenten unterscheiden. Auf der anderen Seite habe ich auch im politischen Bereich einiges in diese Richtung mitbekommen, sodass ich mich letztes Jahr dazu entschlossen habe, eine ganze Aktion über Mädchen- und Frauenrechte zu kreieren –  diese hat nicht nur zu Aktionen an der Schule und einer ganzen Ausstellung in einem nahe gelegenen Museum geführt, sondern mich schließlich auch zu mein Testgelände geführt. Ich finde diese Seite eine super Sache, weil sich jeder trauen kann, das zu schreiben, was ihn bedrückt und sie Mädchen und Frauen eine ganz eigene Stimme verleiht. Daher möchte auch ich diese Plattform in naher Zukunft mit meinen Beiträgen bereichern und jetzt bleibt mir nur noch eins zu sagen: Viel Spaß beim Lesen und Hören!

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