TRAKINE - Bericht eines 13 jährigen trans*Jungen

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(c) TRAKINE e.V.

TRAKINE ist ein Verein, der über die Situation von trans* Menschen informiert und zudem beratend tätig ist. Unter anderem finden sich auf der Webseite verschiedene Berichte, in denen Menschen ihre erste Begegnung mit trans* schildern. In unserem Beitrag erzählt L. aus seinem Leben, davon, wie er sich das erste Mal als trans* wahrgenommen hat und wie er seitdem sein Leben gestaltet.

Hallo. Mein Name ist L. Ich weiß eigentlich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe oft angefangen zu schreiben und dann landete das Blatt im Müll. Zuerst dachte ich mir, diese Idee wäre total doof, doch dann habe ich noch einmal genau darüber nachgedacht. Eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Ok, wir gehen von ganz vorne los. Ich kann mich nur noch sehr schlecht daran erinnern. Aber es ging in der Kindergartenzeit los. Ich wusste damals, ich will auf gar keinen Fall ein Mädchen sein. Ich war nicht im normalen Kindergarten sondern in der Waldgruppe. Jeden Tag draußen im Wald, nur ein kleiner Bauwagen, der uns vor dem Regen schützte. Es war echt toll dort, wir konnten alles spielen und machen. Doch ich fühlte mich trotzdem unwohl. Alle Jungs hatten kurze Haare, doch meine blöden langen Haare haben immer nur gestört. Also sagte ich zu meiner Mutter, ich möchte unbedingt kurze Haare. Und nach dem Friseur fühlte ich mich glücklich. Das war besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Darüber bin ich jetzt noch immer sehr glücklich. Ich bin so dankbar, dass meine Familie mich so akzeptiert wie ich bin. Und so ging es dann weiter. Ich wollte Jungsspielsachen, dann Jungskleidung und so weiter. Die Babies wurden ausgetauscht von Rittern, Autos, Dinosauriern. In der Waldgruppe haben es alle hingenommen. Ich glaube, die Kinder hätten es eh nicht verstanden. So verbrachte ich wunderbare Tage, Wochen und Monate in der Waldgruppe. Endlich war ich dann alt genug, um in die Grundschule zu kommen. Ich sah schon jetzt richtig wie ein Junge aus. Als ich dann in die Schule ging, habe ich mich immer gefreut. Ich hatte viele Freunde, wenn auch mehr Mädchen. In meinem ersten Jahr kamen nie Fragen auf, warum mein Name so weiblich ist. Doch in der 2. Klasse fing es an. Ich habe gerade irgendwas, ich glaube ich habe gemalt. Dann kam ein Junge und hat mich gefragt, ob ich ein Mädchen bin. Ich habe dann natürlich „nein“ gesagt. Doch es kamen immer mehr Kinder und haben mich danach gefragt. Meine Mutter hat dann mit meiner Lehrerin geredet. Ich durfte dann auf die Jungstoilette. Ich habe mich gefreut. Trotzdem wollte ich eigentlich nicht darauf gehen. Doch an einem Tag musste ich so dringend, dass ich es nicht mehr aushalten konnte. Doch das war ein Fehler. Denn als ich fertig war kam so ein Junge, den ich überhaupt nicht mochte. Er sagte, ich wäre auf dem falschen Klo und noch andere Sachen. Danach ging ich nie wieder in der Schule aufs Klo. Im Rückblick war die Grundschule eine echt supertolle Zeit. Ich hatte eine richtig nette Lehrerin und keine Probleme mit Noten. Mein Lieblingsfach war Mathe, was sich nun geändert hat. Es ging mir immer richtig gut und außer eine Mittelohrentzündung hatte ich nie gesundheitliche Schwierigkeiten. Dann war es Zeit für die weiterführende Schule. Es war sicher, ich würde auf das Gymnasium gehen. Ich war so aufgeregt und hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Der erste Tag an unserer neuen Schule war super. Ich kam mit meinen alten Freunden in eine Klasse. Die Aufteilung der Klassen wurde im Theater neben unserer Schule gehalten. Am zweiten Tag zeigte mir mein großer Bruder alles. Die Schule dort war so groß, dass ich Angst hatte mich zu verlaufen. … Was auch neu war, war dass wir in jedem Fach verschiedene Lehrer hatten. In der Grundschule hatte ich nur zwei Lehrer. Natürlich musste sich auch jeder einzelne Lehrer meinen Namen merken. Und das größte Problem war wohl, dass ich mich outen musste. Ich hatte die ganze Zeit Angst davor und habe mir verschiedene Texte aufgeschrieben. Eigentlich war der Moment, als ich mich geoutet habe, gar nicht so schlimm. Ich weiß nicht mehr genau was ich gesagt habe. Ich war so froh, dass meine Klasse das insgesamt gut aufgenommen hat. Immer mal gab es zwar blöde Kommentare, aber ich hatte immer gute Freunde, die mir geholfen haben. Diese zwei Schuljahre, die 5. und 6. Klasse, das waren die besten Schuljahre von allen. Der Schulstoff war nicht so schwierig, ich hatte viele Freunde und auch richtig tolle Lehrer. Es gab nur einen Lehrer, der einmal „sie“ zu mir sagte, doch das haben wir dann geklärt.

Doch leider kam der Zeitpunkt, an dem ich wieder eine Klasse wechseln musste. In der siebten Jahrgangsstufe werden die Klassen in vier Stufen aufgeteilt. …. Am ersten Schultag kam ich in die Klasse und war ganz allein. Denn richtige Freunde hatte ich nur ein Mädchen, die aber gerade mit ihren anderen Freunden etwas tat. Niemand sprach mich an und ich stand einfach nur dort. Irgendwann kam dann unser neuer Lehrer. Er war richtig nett und lustig. Wir durften uns hinsetzen wo wir wollten, also saßen meine Freundin und ich nebeneinander. Die ersten Wochen waren nicht so gut, weil ich mich nicht richtig eingewöhnen konnte, doch nach einiger Zeit fand ich eine andere Freundin. Sie ist mir richtig ans Herz gewachsen und wir haben uns echt gut verstanden. Mit meiner anderen Freundin bin ich dann zur Malschule gegangen. Dort malen wir und unterhalten uns. Es macht mir dort unheimlich Spaß. Erst fand ich es peinlich, weil ich dachte, Malen ist was für Mädchen. Doch, heißt das, kein Junge darf malen? Oder kein Mädchen z.B. mit Dinos spielen? Ich finde solche Einordnungen nicht richtig. Zweimal im Jahr gehen meine Familie und ich zu einem Trakine-Treffen. Das heißt, dass sich so Kinder wie ich treffen. Beim ersten Mal war ich ziemlich nervös, weil ich niemanden kannte. Mein Bruder ist ganz anders. Er kann super gut Freunde finden. Ich nicht. Doch ich war überrascht, beim zweiten Mal hatte ich schon einen Freund. Er war super. Wir konnten richtig gut zusammen reden und hatten dieselben Interessen. Er hat mit mir über seinen Namenswechsel geredet. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Nach einiger Zeit kam dann noch eine dritte Person zu uns. Sie ist ein trans*Mädchen und war richtig nett. Nach einiger Zeit kamen die beiden zusammen und hatten nur noch Augen für sich. Doch das war nicht so schlimm, denn ich hatte ja noch meinen Bruder. Im Ganzen haben mir diese Treffen gut getan. Irgendwann kam mir dann der Gedanke, meinen Namen ändern zu lassen. Ich glaube, angefangen hat es , als irgendjemand fragte, warum ich einen Mädchennamen habe. Es ist zwar nicht zum ersten Mal passiert, aber ich habe endlich mal drüber nachgedacht. Vorher wollte ich es nicht, weil ich meinen Namen mochte. Doch nur weil ich einen anderen Namen habe, heißt das ja nicht, dass ich L. (weiblich) jemals verliere. Also habe ich nachgedacht und wusste wie ich heißen will. In der Familie hat alles gut funktioniert. Nach einiger Zeit habe ich es auch meiner Freundin gesagt und sie hat mich richtig gut unterstützt. Doch in meiner Klasse habe ich mich immer noch nicht richtig wohl gefühlt. Also habe ich mit meinen Eltern gesprochen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich die Schule wechseln will. Nicht nur wegen dem Namen sondern auch wegen der Belastung vom Schulstoff. Ich habe sehr große Angst davor, was auf mich zukommt, doch ich bin überzeugt, dass ich es irgendwie schaffen kann. Meine Mutter hat mir irgendwann mal eine kleine Engelsfigur mit meinem neuen Namen gekauft. Die schaue ich mir manchmal an und bin dann richtig froh. Denn ich weiß, dass ich mir ganz sicher bin, dass ich L. (männlich)bin. So möchte ich leben und ich bin allen so dankbar, die an meiner Seite sind und mich unterstützen. L.

Januar 2017

 

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