Dein Schweigen

Bildschirmfoto 2019-02-27 um 13.42.05
(c) netzanette:  Holding hands  (CC BY-NC 2.0)

Dieser Text von Vivien von den Sunrise Writers beschreibt eine Situation, die so alltäglich wie unfassbar ist: Es ist Abend, gelöste Stimmung, eine Party, es wird Bier getrunken. Zwei Personen kommen sich näher – doch für eine der beiden wird eine Grenze überschritten. Ihr ‚Nein‘ wird nicht akzeptiert. Und die Fassungslosigkeit darüber macht unfähig, sich zu bewegen. In so einer Situation würde die einfache Frage von Außenstehenden, ob alles in Ordnung ist, schon so viel weiterhelfen…

!Trigger-Warnung! Wenn du Erfahrungen mit Übergriffigkeit und ggf. sexualisierter Gewalt gemacht hast, könnte dich dieser Text triggern.


In meiner linken Hand halte ich in ein Bier und in meiner rechten Hand, da halte ich seine.
Sie wandert meinen Unterarm entlang und bleibt dort eine Weile liegen.
Seine Augen schauen einen Moment lang in mein Innerstes, dann in mein Gesicht und kurz darauf, auf mein Dekolleté.
Er sagt mir, ich hätte die schönsten Brüste, die er je zu Gesicht bekam und wie sie fast schon königlich wirkten.
Ich lasse diese von Alkohol geschwängerten Worte an mir vorbei ziehen. Ich antworte nicht.
Er lehnt sich vor, sein Atem stinkt nach Bier und er beginnt, meinen Unterarm zu massieren.
Ich ziehe ihn weg.

Er würde mich küssen wollen, sagt er und ich bitte ihn, damit aufzuhören.
Er überhört meine Worte. Nein, er ignoriert sie. Er denkt, wir wären dafür bestimmt, uns nur ein einziges Mal zu küssen.
Ich sage, ich habe einen Freund.
Für einen kurzen Moment hält er inne.
In meiner linken Hand halte ich kein Bier mehr, und in meiner rechten Hand, da halte ich erneut seine. Wieder kommt er mir näher, macht mir Komplimente und streicht nun mit seinem Fuß mein Bein auf und ab.
Dieses Mal bitte ich ihn nicht darum aufzuhören. Ich denke, wenn ich nicht reagiere, dann wird er schon aufhören. Ich lasse es geschehen.

Seine Hand wandert erneut meinen Unterarm hoch.
Sein Blick brennt sich in meine Wange, die er seit einigen Minuten anstarrt.
Wieder massiert er mich, dieses mal etwas fester und der Druck, den er auf meinen Unterarm ausübt lähmt mich.
Ich sehe zu Dir.
Ich forme mit meinen Lippen zwei einfache Worte.
Ich sehe Dich verzweifelt an und gestikuliere mit meiner linken Hand.
Du lachst nur und drehst Dich weg, Du warst ja mitten in einer Unterhaltung und ich wollte Dich auch eigentlich gar nicht unterbrechen.

In meiner linken Hand halte ich erneut ein Bier und in meiner rechten Hand halte ich dieses mal nichts, da er mir nicht die Chance gibt, den Arm auch nur für einen Moment von ihm zu trennen.
Wir spielen dieses Spiel noch ein paar mal.
Noch ein paar Mal greift er nach meiner Hand und massiert meinen Unterarm.
Noch ein paar Mal sagt er mir, wir wären bestimmt dazu uns nur ein einziges Mal zu küssen.
Noch ein paar Mal sage ich, er solle mich doch bitte nicht anfassen und ich habe einen Freund.
Noch ein paar Mal sagt er so viele Dinge, die dafür sorgen, dass mir schlecht wird.
Und noch ein paar Mal versuche ich immer wieder zu gehen, doch ich weiß nicht wie, denn sein Griff ist das Gift in meinen Nerven, welches mir die Fähigkeit nimmt, die Füße zu bewegen.

Für einen kurzen Moment sieht er nicht zu mir.
Ich stehe auf und gehe raus.
Du folgst mir, denn Du willst Dir eine rauchen und auch mir wieder etwas mehr Aufmerksamkeit schenken.
Ich würge, weine und schreie Dich an.
„Wieso hast du dich denn nicht gewehrt?“, fragst Du und erwartest eine ehrliche Antwort.
Ich werde ruhig und sehe auf den Boden.
Ich will nicht mit Dir reden und setze mich wieder an meinen Platz.
Er ist weg.
Dieses Mal halte ich in meiner linken Hand ein Bier, und der Platz zu meiner rechten ist nicht mehr besetzt.

 

Mehr dazu:

  • Übergriffigkeit ist nur einer der vielen, vielen Gründe, aus denen wir Feminismus brauchen. Weitere Gründe gibt’s in diesem Video von Amelie Elisabeth.
  • Und hier kannst du dir bei Couch-Plausch nochmal anschauen, weshalb auch Frauen offen über Sex sprechen können, sollen und dürfen.

Hey ho! Wir sind Jugendliche aus dem queeren Jugendzentrum „ Sunrise “ in Dortmund. Queer bedeutet schwul, lesbisch, bi, trans* und alle andere Sexualit äten und Geschlechteridentitäten, die unsere Gesellschaft gerne mal als „ nicht normal “ darstellt, obwohl wir finden, dass es das doch eigentlich ist. Einmal die Woche treffen wir uns, schreiben Texte zu al len möglichen Themen und haben zusammen Spaß. Jeder von uns hat eigene Gründe, warum sie* oder er* schreibt und die eigenen Texte mit anderen Leuten teilt.

Hinterlasse eine Nachricht

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *