Können Binden Leben retten?

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(c) Marco Verch  Menstruation  (CC BY 2.0)

Heute präsentieren wir euch zum Internationalen Tag der Menstruationshygiene den ersten Beitrag unserer neuen Autorin Nataly! Bevor sie einen Freiwilligendienst absolviert hat, hat sie sich nicht großartig mit dem Thema Menstruation befasst – in Uganda änderte sich das dann aber radikal. Was die Menstruation mit Armut und auch mit Bildung zu tun hat, erfahrt ihr in diesem Artikel! Viel Spaß beim Lesen und Lernen 🤓

Ich lebe ein sehr privilegiertes Leben. Auch wenn es mir meist gar nicht bewusst ist. Ich musste mich noch nie entscheiden zwischen einer Packung Binden und etwas zu essen… Millionen Mädchen und Frauen weltweit, besonders in Subsahara, stehen jeden Monat vor dieser Entscheidung.

Vor meinem Freiwilligendienst in Uganda war Menstruation kein Thema, über das ich je groß nachgedacht hatte. Klar, auch ich war mal von meiner Periode genervt, sie kam ja auch immer zu den unpassendsten Zeiten. Wirklich eingeschränkt hat sie mich aber nie.

Armut ist sexistisch

Während ich in Deutschland überall und jederzeit Binden, Tampons und Co kaufen kann, sind sie in Uganda, vor allem in ländlichen Gebieten, nicht immer verfügbar. Und sie sind teuer. Da steht eine Familie tatsächlich vor der Wahl, entweder eine Packung Binden für die Tochter/Ehefrau zu kaufen, oder aber Brot, Öl und Seife für den gemeinsamen Haushalt.

Über 130 Millionen Mädchen weltweit können oder dürfen keine Schule besuchen. In Uganda gehen tausende Mädchen täglich nicht zur Schule – ihrer Periode wegen. Aus Angst, jemand könnte etwas bemerken, sie auslachen, oder die Lehrer könnten sie für einen Blutfleck auf ihrem Rock bestrafen. Jeden Monat verpassen sie so wichtigen Schulstoff, schneiden durchschnittlich deutlich schlechter in ihren Schulprüfungen ab als ihre männlichen Mitschüler, oder verlassen die Schule ganz.

Dabei ist Bildung der beste Weg aus der Armut, und Frauen sind die stärkste Waffe im Kampf gegen extreme Armut: Erhielten Mädchen den gleichen Zugang zu Bildung wie Jungen, hätten sogenannte Entwicklungsländer mindestens 112 Milliarden US-Doller mehr in den Staatskassen. Dennoch sind Frauen und Männer nirgendwo auf der Welt gleichberechtigt. Je ärmer ein Land ist, desto härter trifft diese Armut besonders Mädchen und Frauen. Man kann sagen: Armut ist sexistisch. An kaum einem anderen Beispiel wird das so deutlich wie an der „period poverty“.

No Sex für Pads

Viele Mädchen, die sich keine Binden kaufen können, nutzen stattdessen Toilettenpapier, Bananenblätter, alte Kleidung oder auch Erde, die das Blut während ihrer Menstruation auffangen soll. Immer wieder kommt es so zu schwerwiegenden Infektionen.

Die Folgen für Mädchen und Frauen sind aber noch viel weitreichender. Einige Männer versprechen den Mädchen Binden zu kaufen, im Tausch gegen sexuelle Dienste. Allein in der ugandisch-kenianischen Grenzregion liegt die Schwangerschaftsrate bei Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren derzeit bei 31%. Immer wieder lassen Betroffene unsichere, illegale Schwangerschaftsabbrüche durchführen, die für sie nicht selten zu schweren Komplikationen oder gar zum Tod führen. Sie werden unfreiwillig verheiratet, und ihr Risiko sich mit vermeidbaren, sexuell übertragbaren Krankheiten zu infizieren, steigt rapide. Jeden Tag infizieren sich rund 1000 junge Frauen mit HIV, 750 von ihnen in Subsahara-Afrika. Das sind doppelt so viele Neuinfektionen wie bei jungen Männern im selben Alter. Der Preis für Binden ist hoch…

Do it yourself!

Menstruation ist ein Politikum. Und auch mich ließ das Thema nicht mehr los. Gemeinsam mit meinem Partner und einer kleinen Gruppe Frauen aus seinem Heimatort fingen wir an, wiederverwendbare Binden zu nähen. Wir besuchten Schulen, sprachen mit den Schülerinnen über Menstruation, Hygiene und ihr Recht am eigenen Körper. Inzwischen ist aus der kleinen Gruppe Frauen eine eingetragene Organisation geworden, die „Alliance for Sustainable Health and Wealth in Africa“, kurz ASHWA. Mit der Hilfe von fünf Angestellten und zahlreichen Freiwilligen halten wir regelmäßige Workshops in Schulen, Jugend- und Frauengruppen in ganz Uganda ab. Wir sprechen über Menstruation und zeigen den Teilnehmer*innen, wie sie aus lokal zugänglichen Materialien wie einem alten Baumwoll-T-Shirt, einem Handtuch oder einem Stück Plastikfolie selbst wiederverwendbare Binden nähen können. Es ist eine simple Lösung, und doch so wertvoll. Empowerment pur.

Also: Können Binden Leben retten? – Ganz so einfach ist es am Ende vielleicht nicht. Doch eine simple, selbstgenähte Binde kann das Leben eines Mädchens in Uganda radikal ändern.

Mehr dazu:

Ich bin Nataly, Jahrgang 1996, und lebe gemeinsam mit meiner Tochter in einer kleinen Stadt nahe Paderborn. Auf meinTestgelände möchte ich mich mit anderen jungen Menschen zu Themen auszutauschen, die mich bewegen. Gemeinsam mit meinem Partner habe ich in Uganda eine Organisation für Menstruationshygiene gegründet (ASHWA Uganda). Wir arbeiten dort auch zu Kinder-und Frauenrechten. Das Thema Menstruation ist für uns ein wahres Herzensprojekt. Wir betreiben gesundheitliche, hygienische und sexuelle Aufklärungsarbeit an Schulen und in Frauengruppen. Dort zeigen wir den Mädchen und Frauen unter anderem, wie sie selbst aus lokal verfügbaren Materialien wiederverwendbare Binden herstellen können. Für die entwicklungspolitische Lobby- und Kampagnenorganisation ONE kämpfe ich als Jugendbotschafterin für das Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten in der Welt. Unsere Kampagne Armut ist Sexistisch beschäftigt sich mit Geschlechtergerechtigkeit. An keinem Ort der Erde haben Mädchen und Frauen dieselben Chancen wie Jungen und Männer. Gleichzeitig haben Frauen das größte Potenzial, extremer Armut ein Ende zu setzen - wenn man sie nur ließe. * ONE: https://www.one.org/de/ ASHWA: fb://page/394252447389569

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