Alex

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(c) Michal:  Love is everywhere  (CC BY-NC 2.0)

Mit „Alex“ präsentieren wir euch heute eine Kurzgeschichte von unserer Autorin Lina Klöpper. Es geht darum, zum ersten Mal so richtig verliebt zu sein, um Homosexualität, Geschlechtsidentitäten, um Schubladen und weshalb sie keine zu große Rolle einnehmen sollten, um Halloween und um Harry Potter. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

Mit 15 hatte sich Susi als lesbisch geoutet. Für Jungs hatte sie sich nie interessiert und merkte selbst, dass sie Frauenvolleyball bei den Olympischen Spielen nicht nur wegen der Technik schaute. Ihre Mutter hatte darauf nicht sehr gut reagiert. Sätze wie ‚Warum muss mein Kind krank sein?‘ und ‚Warte ab, es ist sicher eine Phase‘ waren an der Tagesordnung.

Aber Susi kam schon klar, hatte Freunde und ihren Vater, die sie unterstützten. So ging sie mit 17 komplett im Lifestyle auf, wurde Mitglied einer lesbischen Jugendgruppe und hatte mehrere Beziehungen mit Frauen in den letzten 2 Jahren gehabt.

Halloween stand vor der Tür und ihre Gruppe hatte andere aus der Region zu einer großen Party eingeladen. Susi liebte es sich zu verkleiden – liebte es schon als Kind – da die Möglichkeit, für ein paar Stunden in eine andere Rolle zu schlüpfen, für sie schon immer sehr befreiend war. Dieses Jahr verkleidete sie sich als Luna Lovegood aus dem Harry Potter-Universum, ließ sich von ihrem Vater die Krawatte binden und machte sich auf den Weg zu den Räumlichkeiten.

Dort angekommen, war der Raum geschmückt mit falschen Spinnenweben, Kürbissen und Skeletten. Es gab am Ende des Raumes, an den Sofas vorbei, ein kleines Buffet. Susi war oft eher zurückhaltend und schüchtern, doch heute war sie das erste Mal auf einer Feier mit ihren Freunden, die alle irgendwie dasselbe durchmachen wie sie, dass sie sich dazu hinreißen ließ, alle, die auf den Sofas saßen, mit Umarmungen zu begrüßen.

Bei der letzten Person stoppte Susi kurz, sie hatte den Kopf von ihr weg gerichtet und Susi hatte sie noch nie bei einem Treffen gesehen. Besagte Person drehte sich daraufhin zu Susi  und zwei Augenpaare trafen sich. Die Person war wunderschön. Braune kurze Haare, stechend blaue Augen und das wohl Beste: sie war als Harry Potter verkleidet, mit einer kleinen Narbe in Form eines Blitzes auf der Stirn und einer runden Brille. Es stellte sich heraus, dass die Neue Alex hieß, und beide fielen in eine Umarmung.

Nachdem Susi den ganzen Abend nur mit Alex geredet hatte und beide mehr und mehr Interessen voneinander kennenlernten und Nummern austauschten, ging der Abend zur Neige. Alex brachte Susi in dieser kühlen Herbstnacht noch zu ihrem Nachtbus, stieg in ihr Auto und fuhr in die Nacht hinein.

Von da an schrieben beide intensiv. Noch nie hatte Susi so viele Schmetterlinge im Bauch, wenn sie an jemanden dachte. Noch nie starrte Susi so viel auf ihr Handy und wartete nur auf die Nachrichten einer Person. Susi war zum ersten Mal richtig verliebt.

Es kam der Tag, an dem sie mit Alex über lustige Katzenvideos schrieb, und in ihrem Chatverlauf fand sich ein Link zu einem Facebook-Video in der Chronik von Alex. Nach dem Schauen der Mediensequenz scrollte Susi nach oben, um durch das Profil von Alex zu schauen, als sie plötzlich stoppte. Als Pronomen standen da, nicht wie erwartet ’sie/ihr‘ sondern ‚er/ihm‘. Das Profilbild zeigte außerdem einen lächelnden Alex, wie dieser Stolz am Strand in Badehose stand mit der Unterschrift ‚endlich operiert‘. Susi öffnete das Bild um es sich genauer ansehen zu können. Ihr Bildschirm zeigte einen strahlenden Jungen mit feinen halbkreisförmigen Narben im Brustbereich.

Susi verfiel daraufhin ins Nachdenken. Warum hatte sie Alex‘ Geschlecht einfach für ihn bestimmt ohne ihn zu fragen, und ging bei Alex von etwas wie Alexandra aus? Und was bedeutete das nun alles für ihr Verliebtsein?

Als sie mit Freunden darüber redete, fragten sie diese, ob sie denn überhaupt noch lesbisch sei. Ob sie denn überhaupt auf Typen stehen könnte. Doch als eine Nachricht von Alex kam mit den Worten ‚Hey Süße‘ und ein Kribbeln ihren Körper durchzog, vergaß sie all die Zweifel. Nein, sie wusste nicht, ob ihre Verliebtheit noch ihrem Outing entsprach oder nicht. Nein, sie wusste nicht, wo das alles hinführen würde oder nicht. Doch sie war in Alex verliebt. Ob da nun das eine, das andere oder was ganz anderes zwischen seinen Beinen war. Denn bei wahrer Liebe geht es um die Person, und selbst mit ihren zarten 17 Jahren konnte Susi ihrem Herzen auch nichts anderes sagen.

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Ich bin Lina, studiere Mathe / Physik und bin Poetry Slammerin aus Leipzig. Mehrere Jahre habe ich eine queere Jugendgruppe geleitet und versucht junge Frauen zu empowern. Ich schreibe hier mit um Liebe zu verbreiten, Schubladen zu zerstören und euch zu zeigen, dass ihr nicht alleine seid.

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