Die Folgen (m)einer sozialisierten Männlichkeit 

Tom_Oswald
Udo Schmidt

Neuer Monat, neuer Autor: Heute präsentieren wir euch den ersten Text von Tom! Er setzt sich darin mit der unterschiedlichen Sozialisation und Wahrnehmung von Jungen und Mädchen auseinander. Bestimmt habt ihr auch schon mal von ‚toxischer Männlichkeit‘ gehört. Auch darum geht es in diesem Text – nicht jedoch, ohne auch ein passendes Gegengift in der Hinterhand zu haben!

Meine damalige Freundin kauft sich eine Ballonhose und trägt sie noch am gleichen Tag am Stadtfest meines Heimatortes. Am selben Tag schlägt Holland das spanische Team bei der Fußballweltmeisterschaft fünf zu eins. Einen Tag später in der Umkleidekabine meiner Eishockeymannschaft: Das Topthema der Stunde? Ihre Hose: „Hast du deine Freundin nicht im Griff, dass sie in so einer Schlafanzughose herumlaufen kann?“ Bei dem nächsten Familientreffen eine Woche später, gleiches Thema. Ich, damals 18 Jahre jung und noch grüner hinter den Ohren als heute, hatte das Ausmaß dieses „Kontrollverlustes“ nicht begriffen. Ebenso nicht, dass ich die Entscheidung treffen solle, was meine damalige Freundin anzuziehen hätte und dass es auch noch „sexy“ aussehen müsse.

Heute würde ich von einer Sexualisierung des weiblichen Geschlechts sprechen. Jungs und Männer werden als das „starke Geschlecht“ erzogen. Das Geschlecht mit dem Beschützerinstinkt, der Verantwortung und der Führung. Anders gesagt sollen sie Frauen vor Gefahren bewahren, ihre zukünftige Familie ernähren und dabei das weibliche Geschlecht in jeglicher Hinsicht bevormunden und kontrollieren. Wenn sie dabei aber selbst in Schwierigkeiten geraten, dann bloß keine Schwäche zeigen. Männer sind standhaft. Männer weinen nicht. Fällt einer kleiner Junge aufs Knie, wird ihm gesagt: „Sei nicht so wehleidig. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Und Frauen? Sie werden gar nicht erst gefragt, ob sie das wollen oder überhaupt brauchen?

Auf keinen Fall auffallen.

Ich bin einer dieser Männer. Als kleiner Junge versuchte ich vom Kindergarten an um jeden Preis tapfer und männlich zu sein. Ich wollte nicht die „Memme“ sein, die sich beim Fallen vom Klettergerüst einen halben Tag bei der Erzieherin die Augen ausheult. Ich wollte nicht die Null im Sportunterricht sein, der „wie ein Mädchen“ wirft. Und ich wollte nicht „die Schwuchtel“ in der Clique sein, nur weil ich die Farbe Lila mag. Meine Kleidung zeigte es nicht. Als ich dann mit sechszehn Jahren anfing, meine Schüchternheit zu überwinden und Mädchen in meinem Alter zu treffen, wollte ich mich genau von dieser starken Seite zeigen, wie es mir all die Männerwelt jahrelang vorgelebt hat. Ich wollte sein wie all die Männer, die ohne zu fragen ihrer Freundin die Jacke um die Schulte legen. Die schon, bevor eine Frau es überhaupt realisiert, wissen, welche Bedürfnisse sie in diesem Moment hat. Und die, die zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihre Freundin präsent sind – ob im selben Raum oder im gemeinsamen Chat.

Weiblichkeit ist in unserer Sozialisierung ein zerbrechliches Gut. Und Männer sollen dieses Umhüllen, wie die Luftpolsterfolie einer Porzellanvase. Super Mario befreit Prinzessin Peach von dem bösen Bowser und der große Bruder befreit seine kleine Schwester von den bösen Jungs der Oberstufe. Solange bis die Jungs Männer werden und Frau sie anbeten muss.

Einige Male habe ich mich im letzten Monat mit Frauen verabredet, um mit ihnen über ihre Kindheit zu sprechen. Ich wollte erfahren, wie sie ihre Geschlechterrolle in der Gesellschaft wahrgenommen hatten. Eine Freundin aus Berlin erinnert sich dabei an die ersten Jahre ihres Lebens, in denen sie als Mädchen Gleichberechtigung im weitesten Sinne erfahren hat. Bis zu einem einschneidenden Moment ihrer äußerlichen Entwicklung. An diesem Tag hat sie schlagartig gemerkt, dass nicht nur Jungs, sondern vor allem auch erwachsene Männer sie anders wahrnehmen. Sie pfiffen ihr hinterher und keiner sagte ihr warum.

Einige Jahre, nachdem meine Freundin mit ihrer Ballonhose am Stadtfest hinter ihrem Rücken sexualisiert wird, beschäftigt mich der Vorfall noch immer. Warum reagierten meine Teamkollegen so? Und wieso habe ich nicht interveniert, sondern das Thema mit mir selbst im Stillen ausgemacht. Ich beschäftige mich mit meiner Persönlichkeit und hinterfrage meine eigenen Werte. An einem Tag will ich wissen, warum ich Emotionen in widersprüchlichen Verhalten ausdrücke. Ein Beispiel aus meiner Pubertät, das mich bis heute begleitet: Bin ich damals traurig, betroffen und gewollt mein Mitgefühl auszudrücken, reagiere ich verärgert und wütend. Wütend vor allem auf mich selbst und mein Verhalten. Standesgemäß habe ich dafür von meinen Eltern den Titel des „Giftzwergs“ erhalten. Das Gift in mir spüre ich bis heute. Ein Gift, was mich hemmt und langsam aber sicher emotional versteinern lässt. Mein persönliches Gegengift: Empathie.

Mehr dazu:

  • In diesem Video teilt euch Memo von den HeRoes Duisburg seine Gedanken zum Thema Männlichkeit mit.
  • Und hier lest ihr Dominiks Ansichten dazu.

Moin! Ich bin Tom. Aufgewachsen auf dem Land in Bayern. Zuhause in Berlin. Neben meiner Arbeit als Journalist für Soziales und Gesellschaft begegnen mir im Alltag und Freundeskreis Themen, wie die Wahrnehmung von Geschlechterrollen, LGBTQ außerhalb Deutschlands und der Zeitgeist der Zukunft. Dabei stelle ich mir selbst und anderen Fragen. Die Antworten dazu oder die Erkenntnis, dass es meist keine eindeutige Lösung gibt blogge ich hier auf meinTestgelände.

Hinterlasse eine Nachricht

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *