No Choice + No Voice = No Body?

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(c) Nanashino Gombie:  sky  (CC BY 2.0)

Vergangenen Monat durften wir euch den ersten Text von Ika prĂ€sentieren, heute folgt bereits der zweite 🎉🎉🎉 Ika sagt von sich selbst ĂŒbrigens: „Weil ich selber keine Geschichten kannte von Leuten die so sind wie ich, nĂ€mlich Inter*, habe ich einfach angefangen selber zu schreiben.“ Wir sind froh um die Bereicherung durch Ikas Perspektive und Texte! Heute geht es um körperliche Selbstbestimmung – und leider auch um Gewalt…

Jeder Mensch hat das Recht ĂŒber den eigenen Körper selbst zu bestimmen. Eigentlich sollte das selbstverstĂ€ndlich sein. Leider ist die RealitĂ€t fĂŒr manche Menschen eine ganz andere. Zum Beispiel wenn Menschen schwanger werden. Aber das ist ein anderes Thema.

Hier möchte ich davon schreiben, was es heißt, zu dieser Zeit, in diesem Land mit einem intergeschlechtlichen Körper geboren zu werden. Allerdings muss ich hier kurz eine kleine Warnung vorausschicken. Es wird etwas ernster heute als in anderen Teilen dieser Intersex-Kolumne und es geht viel um Gewalt. Aber die ist ja nun mal da und schweigen hilft dann ja auch nicht weiter.

Also los. Laut medizinischer Definition wird ein Junge bei der Geburt mit einer PenisgrĂ¶ĂŸe von 2,5-4,5 cm geboren. Ein MĂ€dchen wird laut Medizin mit einer Klitoris die zwischen 0,2 und 0,85 cm groß ist geboren.

Liegt ein Genital von der GrĂ¶ĂŸe her irgendwo dazwischen ist das Kind intergeschlechtlich. Man könnte jetzt denken, na gut, Menschen haben verschiedene Augenfarben, sind unterschiedlich groß, da können sie auch unterschiedliche Genitalien haben und alle davon sind ok.

Die Medizin sieht das meistens immer noch anders.  Sie sieht eine Krankheit. Die Medizin sieht einen Notfall. Also wird das Genital angepasst. Meist eher an die weibliche als die mĂ€nnliche Norm, denn wie ein Mediziner meinte „Es ist einfacher ein Loch zu graben als einen Stab aufzustellen“.

Ab den 1960er Jahren wurden darum  hĂ€ufig bereits im Neugeborenenalter genital-angleichende Operationen durchgefĂŒhrt. Dazu gehören zum Beispiel die Anlage einer Neovagina und die Verkleinerung der Klitoris. Dabei wĂ€re es aus gesundheitlichen GrĂŒnden gar nicht notwendig irgendwas zu Ă€ndern. Dabei können die Kinder noch gar nicht sagen, ob sie an ihrem Genital etwas Ă€ndern wollen oder nicht. Auch den Eltern ist selten ganz genau erklĂ€rt worden was los ist. Stattdessen wurden viele unter Druck gesetzt. Mediziner agieren zum Teil in dem sie erklĂ€ren: „Ihr Kind hat da ein Problem. Aber wir haben die Lösung, wir operieren, alles wird normal und ihr Kind kann sich an nichts erinnern.“

So haben dann verunsicherte Eltern dieser genitalangleichenden OP zugestimmt. Oft bleibt es auch nicht bei einer OP, sondern es mĂŒssen immer wieder Korrektur-OPs durchgefĂŒhrt werden.

Ich kenne Leute, deren Kindheitserinnerungen vor allem aus Aufenthalten im Krankenhaus bestehen, denn ja, manche erinnern sich, sogar sehr genau.

Bei anderen ist die Erinnerung vielleicht verschwommen aber die GefĂŒhle der Ohnmacht von damals trotzdem sehr prĂ€sent.

Eine Neovagina, die bei einem so jungen Menschen angelegt wird, muss spĂ€ter immer wieder gedehnt werden. Wieder wird in die IntimsphĂ€re des Kindes eingegriffen. Auch das ist fĂŒr viele ein immer wiederkehrendes Trauma.

Am Ende entsprechen die Genitalien immer noch nicht der Norm , aber das Krankenhaus hat sicher gut dabei verdient. Und das Intersexuelle Kind wĂ€chst mit dem GefĂŒhl auf so falsch zu sein , dass nur schmerzhafte OPs das wieder gerade biegen können.

Besonders schlau war es auch das die Mediziner dann meistens noch gesagt haben die Eltern sollen besser nicht mit dem Kind darĂŒber reden dass es intergeschlechtlich ist, sonst wĂŒrde es ja vielleicht in seiner GeschlechtsidentitĂ€t verwirrt.

Ich frage mich wenn ich so was höre wie verwirrt so ein Artzt eigentlich sein muss. Dass er glaubt ein Problem zu verschweigen wÀre das gleiche, wie es zu lösen. Doch auch wenn Intersexuelle erst spÀter behandelt werden, passiert das oft ohne richtige AufklÀrung und mit dem klaren Ziel an eine mÀnnliche oder weibliche Norm anzupassen.

Wenn mich wer gefragt hÀtte, welche Hormone ich gern nehmen möchte, als mit 16 klar war, dass mein Körper keine Geschlechtshormone produziert, hÀtte ich mir sicher einiges ersparen können. Anstatt erst eine weibliche und dann spÀter eine mÀnnliche PubertÀt zu erleben, hÀtte ich direkt Testosteron nehmen können. Denn ich wusste ja in mir drin, dass ich eher Mann als Frau werden möchte.

Aber leider hat es gar nicht interessiert, wer ich bin oder was ich will sondern nur, dass mein Körper nĂ€her an dem einer Frau als an dem eines Mannes ist. Darum war es gar keine Frage sondern eine Forderung, dass ich Östrogen nehmen soll um mehr wie eine Frau auszusehen.

Andere Intersex sind jetzt auf die Einnahme von Hormonen angewiesen, obwohl ihr Körper welche produziert hat. Weil sie schlecht aufgeklĂ€rt einer OP zugestimmt haben die ihr funktionierendes Hodengewebe im Bauchraum entfernt hat, damit sie endlich eine richtige Frauen werden können. Mit einer menschenwĂŒrdigen Behandlung oder gar körperlicher Selbstbestimmung hat das alles sehr wenig zu tun.

Immerhin gibt es bei manchen in der Medizin mittlerweile ein Umdenken. Dank intersexuellen Aktivisten steht auch im Koalitionsvertrag der Regierung, dass genitalangleichende Operationen verboten werden sollen. Aber noch ist nichts passiert. Darum ist es wichtig weiter Druck zu machen, dass es wirklich zu einem OP-Verbot kommt.

Denn obwohl es schon viele queere Emanzipationsbewegungen gab, ist die Intersex-Community leider immer noch oft sehr unsichtbar. Durch die traumatisierenden Behandlungen schĂ€men sich viele Inter* und wollen ihr  Inter*sein um jeden Preis verstecken. Dabei hat es Inter* schon immer und ĂŒberall gegeben.

Sogar das Preußische Landrecht kannte einen „Zwitterparagraphen“. Inter* sollten sich zwar auch an eine mĂ€nnliche oder weibliche Rolle anpassen aber konnten immerhin mit 18 selber entscheiden, ob sie als Mann oder Frau leben wollen. SpĂ€ter hat diese Entscheidung immer öfter die Medizin ĂŒbernommen.

Wenn ihr dyadisch seid, also nicht Inter*, könnt ihr ja mal versuchen euch vorzustellen, was es heißt, schon so frĂŒh an eine Norm angepasst zu werden, wie ein Quadrat, das in einen Kreis passen soll. Überlegt, was es heißt, Eingriffe an den Intimsten Stellen eures Körpers zu erleben, ĂŒber die ihr nicht selbst entscheiden könnt.

Wenn ihr Inter* seid, wisst ihr das vielleicht alles schon. Dann möchte ich euch gerne mit den Worten von einem wichtigen Aktivisten der  frĂŒhen Schwulenbewegung Mut zum widerstĂ€ndig sein machen.

Frei nach Rosa von Praunheim, der gesagt hat: „Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Welt in der er lebt“ gilt auch: „Nicht der*die  Inter* ist krank, sondern die Welt, in der Inter* lebt.“

Ich glaube nÀmlich, dass alle Körper und Genitalien schön sind, auch wenn sie nicht der Norm entsprechen.

Ich glaube auch, dass wir alle das Recht haben mit Lust unseren eigenen Körper und unsere SexualitĂ€t zu entdecken ohne uns dafĂŒr zu schĂ€men.

Darum sollten wir dafĂŒr sorgen, dass der alte feministische Slogan: „My body, my choice“ endlich RealitĂ€t wird.

Auch fĂŒr Inter*.

Mehr dazu:

Ich bin Ika Elvau. Weil ich selber keine Geschichten kannte von Leuten die so sind wie ich, nĂ€mlich Inter*, habe ich einfach angefangen welche zu schreiben. Ich freue mich hier auf meinTestgelĂ€nde eine Plattform zu bekommen damit die PubertĂ€t fĂŒr andere, jĂŒngere Inter* vielleicht nicht ganz so verwirrend und ĂŒberfordernd wird wie fĂŒr mich.

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