Kapitel 1

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(c) lthmus:  Nicosia 2019  (CC BY 2.0)

Unser neuer Autor Damian sagt über sich selbst: „Ich benutze Sprache als Ventil um einen Ausdruck zu finden, und als Mittel, mich selber und meine Umgebung zu reflektieren.“ Und YES, genau das tut er! Heute präsentieren wir euch seinen zweiten Text, in dem es um fehlende Vorbilder, um Männlichkeit und um die große Bedeutung feministischer Räume geht – und außerdem auch um Humor. Wie all das zusammenpasst? Lest selbst!

Ich bin also 18 und spiele eine Frau. Ich war immer sehr schlecht in der Schule und machte auf dem zweiten Bildungsweg alles nach. Ich war die einzige Frau in der Klasse. Ja, das war übel. Und ich hörte Musik, in der es mehr „Fotzen“ in den Texten von irgendwelchen Trotteln gibt, als auf der Bühne. (Ich darf das sagen!)
Also: weder weibliche Vorbilder, und schon gar keine männlichen.
Und so, wie die Jungs mich überall behandelten, wurde auch nur ich behandelt, aber kein anderer Mann. Irgendwann dachte ich darüber nach, warum es für (cis-)Männer keine so entwürdigenden Beleidigungen gibt wie für Frauen. Ja, klar, du kannst Pimmel oder Schwanz negativ benutzen, aber das ist nicht dasselbe wie Fotze.
Ich suchte also einen Begriff für diese ganzen Erfahrungen, die ich machte.
Und ich fand ihn: Sexismus.
Ich benutzte ihn und ich merke, Sexismus ist für viele nur ein Wort. Für mich 24 Jahre eine unbenannte Vormachtstellung von Cismännern gegenüber meinem Körper, meinem Charakter, meinen Emotionen und meiner Menschlichkeit, gegen die ich mich nie wusste zu wehren.
Wenn ich das Gefühl habe, Schuld zu sein, immer wenn eine Cismännerhand im Vorbeigehen meinen Arsch gekniffen, gedrückt oder gehauen hat, wie soll ich dann emotional dazu fähig sein, mich zu wehren? Schuld ist ein lähmendes
Gefühl.
Obwohl ich nie in meinem Leben einen Rock getragen habe, hatte ich immer das Gefühl, mein Rock sei zu kurz, dass mir sowas passiert.
Zwischen zu Hübsch, dass die Cismänner nichts für ihre Triebe können und zu Hässlich, dass ich dankbar sein solle, dass mich überhaupt ein Mann haben will, gab es nichts.
Für alles hatte das Patriarchat und seine Vertreter faule Ausreden, die mir zeigten:
Egal, wirklich egal, wie ich mich verhalte: in ihren Augen werde ich es nie richtig machen.
Wenn du dich auf sie einlässt, bist du eine „billige Hure“, die jeder haben kann. Wenn du sie absagst, wollen sie es „dir fotze so richtig heimzahlen“.
Nein, nicht alle cismänner sind so. Aber die Traumata habe ich ja nicht von denen, die keine Täter sind, sondern von den Tätern. Und in meinem Leben habe ich Erinnerung an Taten, die so weit zurückliegen, dass nicht mal mehr der Name des Täters bleibt.
Aber durch die Feministische Szene erkannte ich: Es geht vielen Frauen so. Vielen geht es noch schlechter als mir, wiederum andere haben nicht mal ansatzweise so viel erlebt wie ich. Doch uns verbindet etwas, das mindestens genauso stark war:
Diese bestialische Energie, die du bekommst, wenn du dich plötzlich als Handelnde Person erkennst. Vom Objekt wieder zu einem Menschen wirst.
Bei mir ist dieser Prozess vor allem durch Humor passiert. Humor ist in meinen Augen die stärkste Form von rhetorischer Macht. Kennst du das auch, wenn du mit einer Runde von 10 cismännern am Tisch sitzt, und du machst einen Witz, aber keiner lacht? Zwei Minuten später erzählt einer der Cismänner denselben Witz, mit minimal anderen Worten – die Runde gröhlt bis irgendwer Schluckauf kriegt.

Wenn das alles ist, was 5 Tage die Woche passiert, macht das zwangsläufig depressiv. Ich hatte einen tiefen Wunsch, den ich immer öfter begann zu träumen: dass meine ganze Welt sich verändert. Ich wollte mehr Frauen um mich haben und mich über die Erfahrungen unterhalten.
Desto mehr ich selber darüber sprach, desto mehr veränderte sich auch mein Freund_innenkreis. Und so kam ich immer mehr in die Feministische Szene.
Und hier begegnete ich diesen „Feminazis“. Cis-Frauen, die dem Patriarchat tagtäglich ein lautes „Viva la vulva“ entgegenfauchten und ich so: geil! Und ich merkte, wie viel System darin steckt, dass uns im Bio-Unterricht über „weibliche“ Körper so wenig beigebracht wird. Alles was ich lernte: können schwanger werden, müssen verhüten, da Scheide, da Schamlippen, da Anus, ach ja es gibt ja noch den Kitzler, fast vergessen, jetzt könnt ihr eure Bücher wieder zuklappen. Das Vokabular war ekelerregend und unmenschenwürdig, und die Funktion rein auf Gebären zu limitieren, ist sexistisch.
Aber jetzt saß ich nicht mehr auf der Schulbank sondern zwischen Frauen mit haarigen Beinen und Lianen in den Acheln und Frauen mit Beinen wie Seide, die in einem Stuhlkreis über Schamgefühle und Schönheitsdruck sprachen und Verständnis füreinander aufbauten. Jetzt träumte ich nicht mehr hinter der Drehmaschine, sondern erlebte stinknormale Lesbenküsse im Panorama eines Konzertes, die nicht den Fokus von gröhlenden Broilern sich ziehen. Lauthals rülpsende Streuner-Punkerinnen, und Femmes die nicht mal aus ihrer Performance weichen müssen um dir bei einem sexistischen Spruch treffsicher eine reinzuzimmern. Und noch viele Geschlechter, Liebens- und Lebensweisen mehr, die sich im Stadtbild nur zeigen können, wenn sie gerade die Resilienz dafür haben, die Blicke abzuschirmen, mit denen sie jede Sekunde beworfen werden.
Plötzlich fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Ich war viel entspannter, denn ich war zwar immer noch nicht innerlich frei, aber zumindest war mein Umfeld weniger wertend und urteilend mit mir. Und mein Begehren war zwar immer noch nicht die Norm der linken Szene, aber wenigstens nicht mehr Abnormal. Ich konnte, durfte, wollte begehren und über begehren sprechen. Und erst da wurde mir klar, wie groß meine Sehnsucht nach diesem Raum war, alleine schon, weil ich ihn mir bis vor kurzem nie hätte vorstellen können.
Und das hat Prozesse losgetreten, die weitere Prozesse losgetreten haben, worauf Prozesse folgten, die mich in meinen jetzigen Prozess geführt haben.
Tschüss Patriarchat, und hallo Feminismus, hier bin ich!

In Feministischen Räumen habe ich mich wieder getraut, meinen Humor zu entdecken und etwas witzig zu sein – die Runde lachte! Natürlich auch nicht immer alle, weil nicht alle Menschen denselben Humor teilen, aber darüber fand ich Freund*innen, mit denen ich mich von Zeit zu Zeit besser verstand.
Und in diesen neuen Kreisen lernte ich Tag für Tag, was eigentlich der Inhalt meiner selbst ist. Was in dieser Hülle ist, die mich 24/365 durch die Welt transportiert. Ich lernte mich neu kennen, und fing an, anders über mich zu denken.
Ich fand mich allmählich lustig, unterhaltsam, wissensdurstig, und aus schüchtern wurde laut. Mit dieser neuen Einstellung zu mir selber lernte ich auch schnell Lesben kennen, mit denen ich Zärtlichkeiten tauschen konnte. Das gab mir viel, und öffnete nochmal Seiten in mir, die ich immer versuchte vor dem Patriarchat zu verstecken: Ein klitzekleiner Teil meines weichen Gemüts traute sich aus mir raus. Ich bin ein sehr empfindsamer Mensch, und bin froh, dass ich in meinem Kontext sehr früh lernte, so sein zu dürfen.

Heute sitze ich hier als 24 jähriger Mann und weiß um den Wert von feministischen Strukturen. Ich möchte immer für sie kämpfen, sie dürfen niemals zerstört werden.
Mit ihrer Hilfe haben sie es mir damals ermöglicht, mir mein ganzes Leben zurückzuholen. Damals wusste ich noch nicht, dass jeder Schritt zu mir selber auch ein Schritt Richtung Männlichkeit ist. Aber einer neuen Männlichkeit, einer schönen und heilsamen Männlichkeit. I love it!

Mehr dazu:

  • Falls ihr den ersten Text von Damian verpasst habt – hier entlang!

Hi, ich bin Damian - einer von vielen weißen, westdeutschen Transmännern, die erst nach der Wende auf diese zynische Welt kamen. Ich benutze Sprache als Ventil um einen Ausdruck zu finden, und als Mittel, mich selber und meine Umgebung zu reflektieren. Vor allem auf meinem Trans-Weg, von einer weiblichen Zuschreibung hin zu einer männlichen Zuschreibung, verrät mir das Aufschreiben und drüber-nachdenken sehr viel über eine Welt, die von sich selbst behauptet, simpel zu sein. Aber je genauer man hinsieht, desto komplizierter wird es. Und genau das ist sowohl Verzweiflung als auch antrieb - beobachten, infrage stellen, weiterdenken. Hier schreibe ich eine 1-jährige Kolumne über meine Reise von „Frau zu Mann“ würde man so sagen. Je mehr du liest, desto mehr merkst du, dass es gar nicht so einfach ist. Herzlich Willkommen in meinem Testgelände-Tagebuch!

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