Oh Corona!

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(c) Fee

Ja, inzwischen gibt es fast überall Lockerungen, vieles wirkt beinahe wieder wie zuvor – aber wir stecken noch immer inmitten einer globalen Pandemie und werden mit den Folgen des Shutdowns auch noch eine Weile zu kämpfen haben. Auch deswegen freuen wir uns sehr über diesen Text von Fee, in dem sie erklärt, weshalb Frauen gerade die Verliererinnen sind und wie du dir während des Shutdowns die Decke vom Kopf weghalten kannst. Viel Spaß beim Lesen!

Die Zeiten sind crazy, aber wem erzähl ich’s? Ach weißt du was? Ich erzähl es doch. Kurz wenigstens. Und am Ende gibt’s noch 8 Tipps, wie du dich beschäftigen kannst – zum Beispiel.
Für uns alle hat sich in den letzten Monaten extrem viel geändert und für viele sieht es derzeit auch ganz ernsthaft düster aus – weil sie um ihren Lebensunterhalt oder gar ihre Gesundheit bangen müssen, weil sie alleine leben, weil sie sich psychischen Herausforderungen stellen müssen, die durch die Situation besonders getriggert werden, oder auch, weil sie in gewaltvollen Beziehungen oder Familien leben und sowohl Kontrolle als auch Fluchtmöglichkeit wegfallen.

Nicht nur das Zuhause-Bleiben-Müssen und zwischen Homeoffice und Homeschooling zu jonglieren kann hart sein. Übrigens kennen diese Doppelbelastung vor allem Frauen. Noch immer sind es zu 80 Prozent Mütter, die -oft zusätzlich zum Beruf- den Bärenanteil an der Kinderbetreuung übernehmen, und noch immer sind es Frauen, die fast doppelt so viel Zeit wie Männer mit Arbeit im Haushalt verbringen.
Aber auch die systemrelevant arbeitende Bevölkerung hatte sicher schon leichtere Zeiten.

Viele Medien haben dabei in den letzten Wochen eines herausgestellt: Am härtesten trifft es auch hier wieder die Frauen. Überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten in „systemrelevanten“ Berufen, in der Pflege, an der Kasse oder in der Kinder- und Jugendarbeit. Diese Berufe sind parallel dazu unterdurchschnittlich gut bezahlt. Der notwendige und sinnvolle Shutdown verschärft an allen möglichen Ecken soziale Ungleichheiten. So natürlich auch die immer bestehenden Gender Pay Gap – und ihre Folgen. In der Kunst spricht man hier von der Gender Show Gap und die beträgt sogar 40 Prozent. Geringes und unsicheres Einkommen, kaum Rücklagen und eine quasi nicht vorhandene Altersvorsorge: All das sind Risiken, auf die man sich einlässt, wenn man sich entscheidet, sein Leben beruflich der Kunst zu widmen. Diese Nachteile treffen aber besonders häufig und oftmals um ein vielfaches heftiger auf weibliche Kunstschaffende zu. Dazu kommt eine deutliche Überrepräsentation des männlichen Geschlechts in so fast allen Künsten: von Werken, die männliche bildende Künstler geschaffen haben, in Kunstgalerien, von erfolgreichen männlichen Autoren auf Literaturlisten, von Kabarettisten oder Poetry Slammern auf Kleinkunstbühnen und und und. In Zeiten, in denen Veranstaltungen abgesagt, Museen geschlossen und Theater in Zwangspause geschickt werden, sind das alles natürlich denkbare schlechte Startvoraussetzungen für eine entspannte Quarantäne, in der man als Kulturschaffende*r möglichst noch produktiv, kreativ und ständig auf der Bildfläche bleiben soll.
Während Menschen in ganz Europa ihr Leben verlieren, uns die Bilder von Moria erreichen und viele unserer Mitmenschen vor die existenziellste Krise ihres Lebens gestellt sind, erscheint es fast dreist, sich Sorgen zu machen über die Miete in drei Monaten oder gar über Langweile zu klagen.

Aber auch psychische Gesundheit ist ein hohes Gut! Privilegiert zu sein, bedeutet nicht, frei von Gefühlen zu sein. Menschen sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Probleme und Bedürfnisse.
Die einen können sich gerade vor Insta-Yogaclasses, Livestreams und Kochtutorials kaum retten und sehnen sich noch mehr nach Ruhe als zuvor, den anderen fällt die Decke auf den Kopf und sie halten es kaum noch zuhause aus.
Wenn du gerade in der Situation bist, unerwartet viel Zeit mit dir alleine zu haben, helfen dir vielleicht die folgenden Tipps. Manche hast du vielleicht so ähnlich schon woanders gelesen, manche dürften etwas ausgefallener sein. So hältst du dir Decke weg vom Kopf!

1. Tu, was gut für dich ist!
Das klingt nicht bahnbrechend neu, ist es auch nicht. Aber vielleicht musst du es hören. Wenn es deine Situation zulässt, hör auf dich und auf das, was du brauchst! Du musst nicht produktiv sein. Du musst nicht kreativ sein. Du musst keine neue Sprache lernen und auch kein Instrument. Du musst nicht jeden Tag zehn Tweets absetzen und auch keinen Livestream veranstalten. Du musst keinen einzigen dieser Tipps beherzigen.
Go for it, wenn es dir gut tut und du Lust und Energie dazu hast! Aber du darfst auch faul sein und mal ausgiebig schlafen. Du darfst den ganzen Tag ohne BH und mit fettigen Haaren im Bett rumlungern. Du darfst Netflix leerbingen und dich ausruhen. Du darfst auch einfach traurig sein und Menschen vermissen. Vielleicht brauchst du die Zeit, dich auf die neue Situation einzustellen, die ja wirklich ganz ganz anders ist als alles zuvor. Das ist okay.

2. Vernetz dich!
Einsamkeit ist nichts Schönes auf Dauer und wenn du merkst, dass du vor lauter social distancing schon ganz weit weg von dir selbst bist, greif um dich und hol dir Menschen in dein Leben! Nicht alle brauchen jeden Tag ein Skype-Date, um glücklich zu sein, aber erinnere dich, dass es fast allen anderen gerade auch so geht wie dir, und wir zum Glück Möglichkeiten haben, uns zu vernetzen. Wenn Telefonieren nicht dein Ding ist (i feel you), gibt es da auch noch Videotelefonie, diverse soziale Spieleapps, Sprachnachrichten, SMS, gemeinsame Spaziergänge (mit Abstand und nur, solange das in deinem Bundesland erlaubt ist, versteht sich), anonyme Chaträume und natürlich den guten alten Brief.
Denk auch an andere! Wenn du in deinem Umfeld Menschen kennst, die alleine leben oder gerade aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Risikogruppe keine Kontakte mehr haben dürfen, schreib ihnen eine kurze Nachricht oder wirklich eine schöne handgeschriebene Postkarte. Verabrede dich zu Online-Dinnerparties oder Zoom-Wohnzimmer-Picknicks, ruf deine Oma mal wieder an und tausch Briefkastenzettelchen mit den Nachbar*innen! Vielleicht kommst du jetzt gerade jemandem besonders nah oder trägst mit einem Anruf zum Gelingen des Tags bei.

3. Lies ein Buch!
Ich bin dankbar für Netflix, Prime und Disney+. Keine Frage. Ich bin dankbar für jeden Gamestore und mein Smartphone. Aber weißt du, was fast noch schöner ist und was du -jede Wette – zu selten machst? Lesen! Analog! Ein echtes Buch! Vielleicht hast du noch eins im Schrank, für das nie so richtig Zeit war? Vielleicht ist es aber auch mal wieder Zeit für dein liebstes Jugendbuch. Du wirst erstaunt und begeistert sein, wie viel Film in deinem Kopf steckt und was Wörter so alles können. Und wie Bücher erst riechen… ich könnte ins Schwärmen geraten.
Wenn du schon eine Weile aus dem Game raus bist oder noch nie so richtig reinsteppen konntest, gibt es zahlreiche Bookblogs oder Bookfluencer*innen, die dich mit Empfehlungen überschütten werden. Eine Auswahl an geschlechtskritischen oder -neutralen Jugendbüchern findest du zum Beispiel hier. Und erwähnte ich, dass ich auch so ein Ding geschrieben hab? Falls es dich interessiert, schau es dir gern hier an.

4. Beweg dich draußen und tanz dich frei!
Falls du noch raus darfst für Sport und Spaziergänge, nutz die Sonne. Auch frische Luft und Bewegung hält gesund und hilft uns dabei, nicht in den eigenen vier Wänden durchzudrehen. Es gibt auch hier so viele Möglichkeiten! Fang an zu joggen, schnapp dir deine*n Mitbewohner*in und einen Ball oder aber mach mit bei einem Trend, den ich jetzt schon mit ganzer Seele liebe: social dis-dancing! Unter Hashtags wie #socialdistancedance oder #socialdistancingdancing zeigen Leute auf der ganzen Welt, wie sie frei und ausgelassen in ihren Wohnungen oder draußen allein beim Spazierengehen zu Gute-Laune-Musik abtanzen. Ich hab es ausprobiert, mittlerweile auch schon vor unfreiwilligen Zeug*innen und ich kann versprechen: du wirst dich danach besser fühlen. Endlich mal wieder jedes Körperteil benutzen, alle Sorgen wortwörtlich abschütteln und dabei Glückshormone produzieren. Große Empfehlung!

5. Bretzel dich auf! Mach´s dir bunt!
Ja, die Jogginghose ist die beste Freundin des Menschen und wer im Homeoffice Krawatte trägt, hat für mich zumindest die Kontrolle über sein Leben verloren. Vielleicht vermisst du es trotzdem, einen Anlass zu haben, um dich chic zu machen. Meine Erkenntnis aus der Quarantäne ist: „Der Anlass warst immer schon du selbst, honey!“ Wenn du gerne mal wieder das Abendkleid auspacken möchtest, dann bekommen die Leute beim Einkaufen heute eben mal eine Prinzessin zu Gesicht. Ganz ehrlich, wenn es dir später peinlich ist, kannst du es auf die Nebenwirkungen schieben, weil du zu lange alleine warst. Wenn du immer schon mal blauen Lippenstift tragen wolltest, dann ist dieser Videocall mit deiner Chefin genau der Anlass dafür, und wenn du noch eine Schere und vielleicht sogar Farbe im Regal hast, dann ran an die Haarpracht, so schnell sieht dich eh niemand mehr. Im besten Fall entdeckst du dein Talent als Style-artist.

6. Gib anderen was zu tun!
Nach Vorbild meiner Slamkollegin Teresa Reichl habe ich begonnen, Freundinnen* Tagesaufgaben zu stellen. Und du solltest das auch tun! Es ist ein großer Spaß und wenn ich diese seltsame und besorgniserregende Zeit später auch ein bisschen als die Zeit in Erinnerung behalten kann, in der ich es mit Lipsyncbattles auf ein semiprofessionelles Niveau gebracht habe und ein Werbevideo über Chipstüten gedreht habe, ist viel gewonnen. Ob du dir Kunstwerke aus hochwertigen Materialien wie Pasta und Klopapier zuschicken lässt oder einen Vierzeiler über deinen Lieblingsfilm schreiben musst – mit Tagesaufgaben wird dir garantiert nicht mehr langweilig.

7. Schau eine Oper an!
Auch für diesen Tipp gab es schon günstigere Zeiten. Ich liebe Opern und ich bin ganz überhaupt der Meinung, alle Menschen sollten das tun. Gerade momentan aber ist es möglicherweise die willkommene Ablenkung, die du brauchst – und ermöglicht nebenbei so einigen Kulturschaffenden das Überleben. Viele Häuser bieten Aufzeichnungen von vergangenen Vorstellungen oder Streams von besonderen, extra konzipierten Konzerten an. Auch viele Autor*innen und Singer Song Writer lesen und spielen momentan im Live-Stream. Du wolltest immer schon mal in die Oper oder ins Theater? Bitte bitte tu das, sobald es wieder geht, aber auch jetzt schon ist die Gelegenheit da. Informier dich und gönn dir einen Stream! Wenn der Zugang dazu ein paar Euro kostet und du es dir leisten kannst, tust du damit auch nichts Verkehrtes, sondern sicherst unter Umständen das Fortbestehen der Kunst.

8. Educate yourself! Become a feminist!
Der letzte Tipp ist vermutlich der zeitaufwändigste, aber vielleicht auch der sinnvollste. Wenn du deine Zeit wirklich produktiv nutzen möchtest, dann ist JETZT deine Chance gekommen, Feminist*in zu werden. Topinformiert, kritisch und intersektional.
Das Internet ist dein Freund, es bietet abermillionen Informationen. TEDtalks, Blogs (kennst du zum Beispiel Edition F?), Youtubevideos und Artikel – lies dich ein, hör denen zu, die mit Überzeugung und aus Erfahrung sprechen und bild dir deine eigene Meinung! Nie war es so leicht, auf den neusten Stand zu kommen. Du glaubst nicht, was ich oben zur Gender Pay Gap geschrieben hab? Jetzt kannst du es recherchieren, ich hab das auch getan – und leider stimmt es. Du hast noch nie die Perspektive einer Person of Color gehört? Dann geh jetzt auf Youtube und spitz die Ohren! Du weißt nicht so genau, was es mit Privilegien, Mansplaining, Carearbeit und gendergerechter Sprache auf sich hat? Endlich hast du die Möglichkeitt, das in aller Ruhe und mit nahezu unendlichen Quellen herauszufinden. Oder du bist schon feministisch und es gab diese eine Sache, von der du nicht recht weißt, ob du dich wirklich traust? Vielen von uns ermöglicht die Zwangspause auch eine Miniunterbrechung vom patriarchalen öffentlichen Leben. Im besten Fall sind wir gerade die meiste Zeit befreit vom aktiv ausgeübten Male Gaze und können beobachten, wie unser eigener Blick eigentlich aussieht. Halt die Augen offen und schau, was das mit deinem Feminismus macht!

Diese Krise bedeutet für ganz viele Menschen eine wirkliche Katastrophe. Wenn es dir möglich ist, dein persönliches Erlebnis und hoffentlich sogar das deiner nächsten Mitmenschen nicht zur Katastrophe werden zu lassen, ist das was Gutes.
Also tanz, lies, färb dir die Haare, stream, chill und chatte – aber bleib bitte gesund!

Mehr dazu:

Ich bin Fee aus München und Poetry Slammerin. Bei meinTestgelände schreibe ich mit, weil ich mich unter anderem für genderspezifische, feministische Themen interessiere und dazu eine Meinung habe, mit der und über die ich gerne diskutiere.

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