Vielleicht wollen nackte Menschen einfach nur für sich nackt sein

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Daniel Anhut & Sascha Lang

Vor ein paar Monaten hat Tom hier schon einmal über Nacktheit geschrieben. Er ist über seinen Schatten und direkt ins kalte Wasser gesprungen und hat sich bei einem Nackt-Shooting im Wald ablichten lassen. Die dabei entstandenen Fotos zeigt er unter anderem auf seinem Instagram-Kanal, und die Reaktionen von außen verwundern ihn etwas. Warum müssen nackte Körper immer gleich sexualisiert werden?

Im Text: „Was ist Nacktheit – für und in (unserer) Gesellschaft)?“ habe ich mich mit meinen Erfahrungen mit Nacktheit auseinandergesetzt. Ein kleiner Auszug: „Das Nacktbaden war in unseren Kreisen eine ähnliche Mutprobe wie rückwärts vom 10 Meter Turm zu springen. Und wenn dann doch jemand sich im Waldbad nackt zeigte, ist die Person von allen Seiten beäugt und bewertet worden.“ Mein nackter Körper ist verglichen, beäugt, bewertet und belacht worden. In Situationen, in denen ich nackt nicht aus der Reihe getanzt bin. Beim Duschen nach den Eishockeyspielen zusammen im Team oder bei einem ungezwungenen Festival in Ostdeutschland. 

Im letzten Jahr habe ich ein Experiment gemacht und in meinem ersten Nacktfotoshooting vor der Kamera posiert. Frei von Menschen im Wald wurde mein Körper von den Photographen in die Natur integriert. Eingebunden in die Brauntöne des Spätsommerlaubes und die natürlichen Formen der Bäume und Äste. Ich habe meine Körperform zum ersten Mal gezeigt. Nackt. Präsent und für die Leser*innen von MeinTestgelände, meiner Instagramcommunity und allen, die den daraus entstandenen Kalender des Photographen käuflich erworben haben, sichtbar. Ich habe mich sowohl alleine gezeigt, als auch verschlungen mit dem professionellen Male-Model Fridos Meier, einem Mann aus Mönchengladbach, Mitte 50 und mit internationaler Erfahrung im Aktshooting. 

Für mich war das ein Schritt, meine Scham zu überwinden und negative Erfahrungen aus der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Ich wollte mich zeigen, doch dachte ich nicht daran, wie herausfordernd es sein kann, meinen nackten Körper zu betrachten. 

Wie ist es, mit Nacktheit konfrontiert zu werden? 

„Sei ehrlich. Biste jetzt schwul oder nicht!“ – fragte mich jemand, den ich seit meiner Kindheit kenne und zu Weihnachten wieder besucht habe. Ich war irritiert. 

„Ja, da ist doch dieses Foto auf Instagram mit dir und diesem anderen nackten Mann drauf.“ Selbst meine Eltern wurden von vielen Seiten auf meine Fotos angesprochen und gefragt, warum ich das gemachte habe. Der Artikel unter den geposteten Fotos kam allerdings kaum zur Sprache. In diesem Text habe ich versucht, mich mit Nacktheit in Bezug auf meine Männlichkeiten auseinanderzusetzen. In keiner der Zeilen schreibe ich über Homosexualität, das wäre ein anderes Thema. Dennoch sahen manche Menschen durch die Fotos eine Verbindung dazu.

Wie ich in der Zeit feststellte, hatten meine Fotos eine Wirkung auf Menschen, der ich mir selbst nicht bewusst war. Die Bilder waren teilweise für sie schwer einzuordnen und das warf Fragen auf, die sie sich versucht haben, selbst zu beantworten. Vor allem, wenn ein Mensch sich nackt zeigt, der seinen Körper nicht sexualisiert darstellt. 

Nicht sexualisierte Nacktheit findet im öffentlichen Raum, außer an dafür ausgewiesenen Orten, kaum noch statt. Im digitalen Raum sieht das ganz anders aus. Das Internet ist voll davon. Wer „Nacktheit“ googelt, landet auf heilsamen FKK Yoga Blogs, die dir das Paradies auf Erden versprechen oder gleich in der Pornographie. Wer sich also mit Nacktheit beschäftigen will, kann es kaum erwarten, nackte Menschen auf dem Bildschirm gezeigt zu bekommen. So die Theorie. Wo wir wieder bei der Sexualisierung von Nacktheit sind. 

Nackt bedeutet für mich persönlich aber nicht gleich Sex. Das Zeigen der weiblichen Brust oder das Weglassen des Büstenhalters nicht: „Komm, sexualisiere mich.“ Auch ein männlicher nackter Körper will nicht unbedingt das Signal senden, bewertet zu werden oder „Der hat’s aber nötig.“

Vielleicht wollen nackte Menschen einfach nur für sich nackt sein, volle Bräune ihres Körpers ohne weiße Streifen oder keine nassen Badeklamotten in ihrer Tasche haben. Vielleicht wollen sie für sich etwas ausprobieren, sich mit ihrem nackten Körper und den Gefühlen dahinter auseinandersetzen. Nackt sein auf ausgewiesenen Plätzen ist keine Einladung zum Gaffen oder viel schlimmer, zum Anfertigen von Fotos. Ein nackter Körper ist kein Interpretationsobjekt. Ein nackter Körper ist in den meisten Fällen nicht und nicht weniger als ein nackter Körper. Körper dürfen Körper sein und bleiben. Nackt, behaart, tattoowiert, gepierct, faltig, glatt und in allen Formen und Farben. Ein Penis oder eine Vulva darf ein gleichwertiges Körperteil sein und bleiben. Fridos, das Model vom Shooting meinte zu mir: „Dein Penis ist genauso viel wert wie Deine Nase. Deine Eichel genauso viel wert wie dein großer Zeh oder Dein Bauchnabel.“

Vielleicht sollten wir uns öfter daran zurückerinnern, wenn wir uns mal wieder den Impuls haben zu kichern, sobald wir einen nackten Körper auf der Liegewiese am See bemerken oder das Aufkommen von Scham verspüren, wenn wir unseren eigenen nackten Körper im Spiegel betrachten. 

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Moin! Ich bin Tom. Aufgewachsen auf dem Land in Bayern. Zuhause in Berlin. Neben meiner Arbeit als Journalist für Soziales und Gesellschaft begegnen mir im Alltag und Freundeskreis Themen, wie die Wahrnehmung von Geschlechterrollen, LGBTQ außerhalb Deutschlands und der Zeitgeist der Zukunft. Dabei stelle ich mir selbst und anderen Fragen. Die Antworten dazu oder die Erkenntnis, dass es meist keine eindeutige Lösung gibt blogge ich hier auf meinTestgelände.

One Comment

  1. Danke dir fürs Teilen deiner Erfahrungen!

    Ich finds einen super spannenden Text, vor allem deine Erlebnisse, dass die Nacktfotos direkt sexualisiert werden. Was ich mich auch noch frage ist: Wer kann sich denn eigentlich erlauben, in der Öffentlichkeit nackt zu sein? Was braucht es, um nackt sein okay zu machen? Ich hab keine Antwort auf diese Fragen, aber mal ans Anregung ;) LG

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