Kirschen pflücken

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Wir begrüßen eine neue Autorin auf meinTestgelände: Ursula Recih! Sie studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim, lebt in Leipzig und schreibt Poesie und Prosa, um Erlebtes zu verarbeiten und ihre Gefühle zu kanalisieren. „Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen Verhältnissen auseinandersetzen.“, sagt sie. Wir wünschen euch viel Spaß mit ihrem ersten Text!

Vielleicht können wir dann klar sein, wenn unser Gegenüber unklar ist, wenn wir glauben selbst klarer zu sein und uns deshalb erhaben fühlen. Vielleicht ist Klarheit mit Macht verbunden, vielleicht gründet sie sich sogar auf Macht. Ich bin dann klar, wenn mir Raum und die richtigen Anstöße gegeben und Impulse gesendet werden und ich weiß, ich darf sein, ich bin nicht zu viel, egal wie viel ich ordnen muss und egal wie lange ich dafür brauche. Ich bin dann klar, wenn mein Gegenüber mir Klarheit zuspricht, wenn mein Gegenüber denkt, ich sei klar und ich bin eben dann unklar, wenn ich ahne, mein Gegenüber hält mich bereits für unklar.

Ich stehe neben meinem Vater im Garten, wir pflücken Sauerkirschen und er sagt, ich solle ihm aus meinem Leben erzählen. Ich beginne über meine Bachelorarbeit zu berichten und bemerke direkt, dass es mir schwer fällt mich zu formulieren, dass ich hadere. Einen Tag zuvor, als ich mit meiner Mutter spazieren war und wir über gesellschaftspolitische Themen diskutierten, hatte ich keinerlei Probleme meine Haltung argumentativ darzulegen und eloquent mein Wissen und Erlerntes zu vermitteln. Neben meinem Vater fühle ich mich auf einmal wieder wie ein kleines Mädchen. Seine kleine Tochter, die schön und künstlerisch kreativ ist aber nicht intelligent. Das allein ist schon paradox, denn für Kreativität bedarf es Intelligenz. Aber Intelligenz ist für meinen Vater und in dem patriarchalen System in dem wir leben, eben nicht gleich Intelligenz. Da gibt es Theorie und Praxis und da gibt es Eigenschaften, die Weiblichkeit zugeschrieben werden und deshalb keine Anerkennung erfahren oder Tätigkeiten, die sobald sie von Frauen ausgeübt werden, nicht mehr als Kompetenzen gelten. Soziale Fähigkeiten zum Beispiel oder eben, wie in meinem Fall, Wissen um Mode und Popkultur. Aber vor allem geht es um Zuschreibungen, die nicht selbst gewählt sind und in die ich nicht passe.

Er auf der Leiter Meter über mir, ich unten am Boden, mich am rechtfertigen, mich am erklären, am holpern, am Worte suchen. Ich scheitere daran, ihm meine These zu sagen. Ich weiß meine These und ich habe einiges zu ihr und den Texten und Büchern, die ich zu der Thematik gelesen habe, zu erzählen. Ich verspüre seine Skepsis und beginne meinen Satz immer wieder neu, mein Kopf leer, während ich nach den richtigen Worten suche und suche. Ein wenig oberflächliches Gedöhns findet den Weg aus meinem Mund, vor allem aber der wenig aussagende Satz „Ja, es macht mir einfach Spaß, ich finde das alles ganz toll, was denkst du darüber?“ Er erklärt mir, ich solle meine These schmal halten, nicht zu ausführlich werden, sonst würde ich nie fertig werden und eine Doktor-

anstatt eine Bachelorarbeit schreiben. Ich pflichte ihm zu, dass ich um diese Problematik wisse. Am Abend fahre ich zu meiner Mutter zurück und berichte ihr von dem Nachmittag, dem Kirschen pflücken, den darauf folgenden Gesprächen beim Kaffee, bei denen ich dann stille Zuhörerin geworden bin. Ich sage ihr „Ich fühle mich nicht gesehen, unsere Lebensrealitäten sind meilenweit entfernt.“ Ich sage vieles mehr, da ich einige Gedanken zu dem Geschehenen habe und auf einmal kann ich wieder sprechen.

Das heißt meine Annahme über die Haltung meines Gegenübers, anhand meiner Wahrnehmung, wie die Person agiert, bestimmt mein Handeln. Das heißt eine Vermutung bestimmt die Realität. Im Endeffekt ist also die Angst den vermeintlichen Erwartungen des Gegenübers nicht gerecht zu werden der Grund wieso ich dann tatsächlich unklarer werde. Ich beweise mir selbst, dass meine eigenen Zweifel gerechtfertigt sind und schiebe es auf den Habitus einer anderen Person. Das heißt nicht, dass dieser Habitus nicht tatsächlich auch zu meinem Verhalten beiträgt und diese Situation systemisch bedingt ist. Dass sie in vielen Gärten genauso von statten geht. Dass Väter auf Leitern stehen und auf ihre Töchter herabsehen und sie unterschätzen und dass diese Töchter sich deshalb stetig selbst unterschätzen. Aber vielleicht geht es viel mehr darum, mein Verhalten und Selbstbewusstsein nicht länger von der Antizipation, was mein Vater über mich denkt, abhängig zu machen. Sondern mich von dem Drang zu emanzipieren, ihm beweisen zu müssen, dass ich intelligent bin, um etwas wert zu sein.

Mehr dazu:

Ich bin Studentin der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis in Hildesheim und lebe in Leipzig. In meiner Poesie und Prosa verarbeite ich Erlebtes, kanalisiere meine Gefühle und gebe ihnen, oft in szenischen Beschreibungen, einen Ausdruck. Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen Verhältnissen auseinandersetzen.