Zwischen Sex und Sex

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Zwischen Lust und Unlust, zwischen Intimität und Zweifeln: Ursula Recihs Text zeigt, wie verschieden Menschen Sex erleben. CN: In dem Text werden explizit sexuelle Handlungen beschrieben.

Teil 1

„Manchmal fühle ich mich als wäre ich 50. Stuck in einer Beziehung, in der ich um meine Sexualität kämpfen muss, in der ich nicht befriedigt werde. Ich habe Angst aufzuwachen und mir zu denken, fuck warum habe ich Jahre meines Lebens in dieser Beziehung verschwendet. Aber ich bin nicht 50, ich bin noch nicht mal 30.“

Sie liegen im Bett, er neben M., seine Hand zwischen ihren Beinen, zwei Finger kreisen zu schnell, zu fest über und um ihre Klitoris. „Langsamer und nicht so fest“ sagt M. und stöhnt, eher aus Gewohnheit, nicht weil es ihr gefällt.

„Der kann davon kommen, dass ich ihn penetriere. Das finde ich so krass. Also obwohl niemand, er nicht, ich nicht, seinen Schwanz berührt. Das macht mich so heiß. Und auch sonst, was wir miteinander anstellen. Wie er mich berührt, mit mir spielt, mich zappeln lässt. Er baut Spannung auf, wechselt zwischen harten und sanften Berührungen, fährt die Innenseiten meiner Schenkel mit seinen Fingerspitzen von unten nach oben, legt meine Füße um seinen Schwanz, während er mich von hinten leckt. Er bumst mich, ich bumse ihn, wir schwitzen, wir lachen.. Ich tropfe, wenn ich nur daran denke.“

Sie laufen dicht aneinander, die Arme eingehakt. Ihre Freundin berichtet von ihrem Wochenende. Es raschelt hinter ihnen und A. zuckt zusammen. Sie guckt sich um, niemand da. Ok, einfach normal weiter laufen sagt sie sich, wendet sich wieder ihrer Freundin zu und bemerkt, dass diese ihre Erzählung gar nicht unterbrochen hat.

„Ich glaube das sind trotzdem auch Phasen. Also in beiden meiner Ehen, den richtig langen Beziehungen in meinem Leben, war der Sex immer wieder n Thema. Manchmal hat‘s richtig gut funktioniert und manchmal nicht und das hing mit unterschiedlichen Sachen zusammen. Stress, Verliebtheit, der körperlichen Verfassung und so weiter. Aber bei meinem ersten Mann, na ja, ich glaube der hat sich insgeheim auch immer irgendwie ne andere Art von Frau gewünscht, weißte?Also ich war einfach nicht dem sein Typ. Und so richtig Recht machen konnte ich es ihm auch nie. Der wollte Heilige und Hure zugleich und ich glaube, ich war ihm zu heilig. Dabei würde ich sagen, der hat mich einfach nicht richtig verstanden. Weil ich selber würde nicht von mir behaupten, dass ich heilig bin. Nur vielleicht nicht die Art von Hure, die er sich gewünscht hat.“

T. liegt neben ihm. Nein, eigentlich sind ihre Körper mehr ineinander verschlungen. Sein Kopf unter ihrem, sodass sie an seinen Haaren riechen und er ihr Brustbein küssen kann. Noch nie hat sie einen Mann so geliebt. Noch nie war sie jemandem so nah.

„Ich bin ne Slut. Auf jeden Fall. Ich liebe Sex, ich denke gerne drüber nach, spreche gerne drüber und ja, ich ficke gerne und viel. Das bedeutet nicht, dass ich nicht weiß, dass Sex auch scheiße und gewaltsam sein kann. Und dass gerade wir diese Erfahrung oft machen. Diese Gewissheiten können koexistieren. Deswegen find ich auch den Begriff sexpositiv scheiße. Weil was impliziert das? Was ist das für ne weirde Erwartungshaltung in einem fucking Patriarchat, in dem Sex als Gewaltmittel eingesetzt wird. Wie ignorant ist das gegenüber Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Na ja, zurück zum Slut sein – ich würde mich wirklich in vielen Hinsichten als fluide bezeichnen, generell vieles als fluide begreifen. Aber ne Slut bin und bleibe ich.“

Fuck. Nur noch 3 Prozent. Das war A. für die Strecke und bei der Kälte zu wenig. Da würde ihr Handy im Nullkommanix ausgehen. Das würde für keinen Anruf reichen.

„Puh am Anfang war ich mir echt nicht sicher, ob das was wird. Das war schon auch Jahrelange Arbeit, dass unser Sex so gut ist, wie jetzt.“ Jahre lange Arbeit denkt M., während sie frustriert, mit noch angeschwollener Vulva auf dem Klo sitzt und sich das Sperma vom Bauch wischt. Der Frust breitet sich in ihrem ganzen Körper aus, bildet einen Wutball in ihrem Bauch, der in ihre Brust und Arme ausstrahlt. Sie erinnert sich nicht, wann sie das letzte Mal gekommen ist.

„Ich denke daran, wie sie vor mir liegt. Auf ihrem Bauch. Ihr Arsch direkt vor mir. Ich spiele ein bisschen mit ihm, meine rechte Hand kneift in ihre rechte Arschbacke, meine linke in ihre linke. Ich ziehe sie ein bisschen auseinander, presse sie dann aneinander, schiebe sie hoch. Sie wird lauter, sie sagt fuck ja. Meine Pussy pulsiert, ich schlag ihr auf den Arsch, frag sie, ob ihr das gefällt. Ich will sie aufessen, gehe mit meinem Kopf nach unten zu ihrer Pussy und beginne sie zu lecken. Ich spiele mit ihren Lippen, nehm sie zwischen meine, stupse sie mit meiner Zunge an, wandere dann zu ihrem Oberschenkel und lecke seine Innenseite. Zurück zu ihrer Pussy, ich bin zu hungrig. Ich küsse sie, erst sacht, dann mit Zunge. Fahre zwischen ihren Lippen, auf und ab, etwas schneller jetzt, dann mit ein bisschen mehr Druck. Sie bebt vor mir, greift nach meiner Hand. Ich gebe ihr die eine, mit der anderen greife ich ihren Oberschenkel, fahre langsam ihr Bein entlang. Mit meiner Zunge kreise ich nun um ihre Klit, sauge leicht an ihr, küsse alles, trinke ihren Saft und dringe schließlich langsam in sie ein.“

T. findet das respektlos. T. Fühlt sich benutzt für seine Lust.

„Wie schwierig kann es sein eine Pussy gut anzufassen. Ich weiß dann auch irgendwann nicht mehr, was ich noch sagen und machen soll und ich habe auch nicht immer Bock alles anzuleiten. Ich hab auch Lust überrascht zu werden, gerade das finde ich mega geil.“ „Ja, es ist schon crazy. Aber die reden halt auch meistens einfach nicht tiefer gehend über Sex. Ich meine, der tauscht sich da mit niemandem drüber aus. Kein Reality-Check. Wie soll man da seinen Horizont erweitern? Ich glaub auch ehrlich gesagt nicht, dass irgendeine der Frauen, mit denen der Sex hatte, da wirklich Spaß dran hatte. Also das ist jetzt natürlich auch mega überheblich. Vielleicht auch schon. Menschen finden ja unterschiedliches geil und vielleicht hat er auch mit irgendeiner voll gematcht, aber viele Frauen wissen halt leider auch einfach nicht wie geil Sex sein kann, weil sie immer nur mit Vollidioten im Bett waren, deren Verständnis von Sex von schlechtem Porno geprägt ist und die kein Plan von dem haben, was sie da machen, sich nicht wirklich mit der Lust ihres Gegenübers beschäftigt haben, mit der Anatomie einer Vulva schon gar nicht, und es ihnen, wenn man ehrlich ist auch einfach nicht wichtig ist, dass die Person, mit der sie da schlafen wirklich auf ihre Kosten kommt. Aber irgendwie denken genau solche Männer dann trotzdem immer, dass sie harte Ficker sind. Oder sie ahnen, dass sie‘s nicht sind und überspielen genau so ihre Unsicherheit. So oder so, peinlich alter, peinlich.“

Wieder liegt M. im Bett. Nur, dass jetzt eine Hormonspirale in ihrer Gebärmutter liegt und sie Wehen hat, weil ihre Gebärmutter es gar nicht witzig findet, dass sie jetzt von einem Fremdkörper ausgefüllt wird. M. hat 1-2-Minuten-Pausen bevor sich eine neue Welle anbahnt, die sie unter lautem Stöhnen versucht zu veratmen. Irgendwann kann und will M. die Tränen nicht mehr zurück halten. „Du machst das so gut“ sagt er und hält ihre Hand. Ihre Köpfe sind ganz nah. Sie liebt es, seinen Körper an ihrem zu spüren. „Geh bitte nicht weg, ja? Bleib bei mir bitte, es tut so weh“ schluchzt sie.

„Ich hab das Glück einfach sehr viel, sehr guten Sex in meinem Leben gehabt zu haben. Stundenlanger Sex, ohne Ende Erregung. Also klar gab es Ausnahmen. Aber echt wenige. Und natürlich gab es auch mit den Menschen, mit denen ich meistens guten Sex hatte, Momente, die scheiße waren – auch übergriffiges Verhalten. Und es gab Phasen, Jahre am Stück, in denen ich gar keinen Sex hatte. Manchmal habe ich mich sehr danach gesehnt, dann gab es Zeiten, in denen das Bedürfnis beinahe vollkommen verschwunden war und ich auch einfach keine Lust auf diese ganzen Kennenlern-Prozesse mit neuen Menschen hatte. Aber ja, letztens hatte ich nach längerer Zeit mal wieder Sex und das hat auf Anhieb sehr gut gepasst. Wir mochten es in dem Moment beide hart. Ich wurde gefesselt und ins Gesicht geschlagen. Ich habe darum gebettelt, das hat uns angemacht. Wir haben uns gewürgt und gekratzt, geknebelt und mit dem Nadelrad verwöhnt. Und da habe ich wieder gemerkt, dass ich richtig gerne Sex habe.“

T. steigt die steinernen Treppenstufen hoch, die Sonne brennt auf ihren Armen und ihr Rücken, auf dem sich eine dünne Schweißschicht gebildet hat schmerzt leicht. Der Mann steht am Ende der Treppe, sodass sie zu ihm aufschauen muss. Er raucht eine Zigarette, langsam und bedacht, als wäre es eine wichtige Aufgabe, der er mit aller Sorgfalt nachgehen müsste. Dennoch wirkt er dabei erstaunlich entspannt, denkt sich T., der nicht entgeht, wie er nun seinen Blick auf sie richtet. Ganz langsam fährt er ihren Körper ab, mustert sie, sieht dann kurz weg, nur um gleich darauf, als T. das Ende der Treppe erreicht und an ihm vorbeigeht, intensiv in ihre Augen zu blicken. Die ausführliche Beschreibung dieser Begegnung steht nicht für ihre Einzigartigkeit. Er war etwa der zehnte Mann an diesem Tag, der sie mit seinen Blicken auszog und er würde auch nicht der Letzte bleiben. Alle Männer, denen T. in der nächsten Stunde begegnen wird, werden ihre Köpfe nach ihr verrenken. Aus ihren Autos und Werkstätten heraus. Sie werden T. aus ihren Restaurants zurufen, die Luft küssen oder ihr hinterher pfeifen. Manche werden nett grüßen, um sie etwas weniger auffällig anstarren zu können. Als wäre es dann legitim. Das Optimum wird ein alter Mann sein, der nicht mehr weit von der 100 entfernt ist, sie aus seinem Auto heraus anhupt, dann gaffend überholt und anschließend wendet, nur um nochmal langsamer an ihr vorbeizufahren. „Hure“ werden sie denken. Hure, weil ihr Top zu kurz ist und dessen Schnürung ein Blick auf ihre Brüste offenbart. „Hure. Fotze. Ich ficke dich.“ Sie wird ihre Gedanken schmatzen und sabbern hören. Ihre kleinen Fickgedanken, die sich versuchen in ihren Körper zu graben. Die Frauen, die an T. vorbeieilen werden, beachten sie entweder gar nicht, mit einem leicht abfälligen Blick oder sie schämen sich für sie, wenn sie es schon selbst nicht tut. T. wird ihren Kopf heben und ihre Brust recken. „Ja eine Hure bin ich. Heute die Hure von Enna. Lasst mich eure Fotze sein. Italiens deutsche Fotze.“

Sie haben Angst. Angst, dass sie nicht mehr begehrt werden, nicht sexy und versaut genug sind, wenn sie nicht jeder Zeit selbstsicher performen, stöhnen und Lust haben. Wie oft fühlen sie sich genötigt, gepusht, wie oft wollen sie eigentlich nicht so richtig, fühlen es nicht und machen es trotzdem. Manchmal kommt der Spaß dabei, manchmal auch nicht.

„Ihre Titten tanzen vor mir, bouncen auf und ab. Sie seufzt, keucht, stöhnt, stößt ein letztes Mal und kommt in mir.“

 

Ich lebe und arbeite in Leipzig und studiere Kulturwissenschaften im Master. In meiner Poesie und Prosa verarbeite ich Erlebtes, kanalisiere meine Gefühle und gebe ihnen, oft in szenischen Beschreibungen, einen Ausdruck. Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen Verhältnissen auseinandersetzen.