Es gibt Alternativen! Das Modelabel Linol&Stitch fordert Fast Fashion heraus

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Linol&Stitch trotzt der Fast Fashion Industrie mit nachhaltiger Mode. Inspiriert von Queerness, brechen sie Schönheitsnormen und sind dabei sozial und ökologisch verträglich.

Julie Hervé vor dem Ateliergebäude

Leipzig, Mockau. Ein heruntergekommene, verlassene Teppichfabrik am nördlichen Rand der Stadt. Der Regen prasselt auf den menschenleeren Bürgersteig und die graue Tristesse des Wetters geht über in Schlaglöcher, Leerstand und graubraunen Fassaden. In quietschgelbem Pullover öffnet Julie Hervé die Tür zu ihrem Atelier. „Linol, das steht für Linol- beziehungsweise Siebdruck, für den vor allem die zweite Co- Gründerin Linda Bowes verantwortlich ist. Stitch steht für das Nähen, das mache vor allem ich“, erklärt Julie, Co-Gründerin des jungen Leipziger Modelabels „Linol&Stitch“, „und es ist natürlich eine Anspielung auf die Serie „Lilo und Stitch“, die wir früher immer geschaut haben!“. Das Label nutzt den hinteren Teil des Raums, während im vorderen ein*e Dragkünstler*in und ein*e Tattookünstler*in ihren Arbeitsplatz haben. Der Textildruck findet vor allem in Workshops außerhalb des Ateliers statt, aber das Nähen ist in diesem Raum nicht zu übersehen. Zentral zwischen den drei Einheiten steht ein Tisch mit diversen Maßbändern und StoHen. Mittig an der hinteren Wand befindet sich ein dunkelblaues Samtsofa, auf dem Julie Platz nimmt und in einen veganen Dürüm beißt. Rechts daneben ein Tisch mit integrierter Nähmaschine, dahinter Stoffbahn an Stoffbahn, diverse Aufhängungssysteme für allerlei Textilwerkzeuge, Schnittmuster, fertige Produkte, erste Ideen, Taschen, Blusen, Schlüsselanhänger, Hüte; Auf der bunt beklebten Stereoanlage aus den 2000er Jahren läuft Little Simz‘ „Two Worlds Apart“, es riecht nach Farbe.

Der Sweetspot zwischen Ästhetik und Nachhaltigkeit

Die kleine Ecke reicht dem ursprünglich in Lüneburg gegründeten Label derzeit noch aus, denn eigentlich wollten die beiden mit ihrer Kreativität gar kein Geld verdienen. Doch während des Bachelors an der Leuphana Universität haben die Freund*innen gemerkt, dass sogenanntes „Upcycling“, also einer alten Textilie neues Leben einhauchen, den Zeitgeist im eigenen Freund*innenkreis genau trifft; Alte T-Shirts mit neuen Prints verschönern und nicht mehr genutzte Stoffe mit selbst kreierten Schnitten wieder tragbar machen. Die Stoffe wie beispielsweise alte Bettwäsche oder Vorhänge kommen Secondhand von Kleinanzeigen oder Flohmärkten, die Schnittmuster und Printvorlagen aus dem Kopf von Julie und Linda. Dabei wollten die beiden zunächst vor allem ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Eine große Rolle in der Gestaltungsfrage spielt dabei sicherlich auch die eigene Queerness der Gründerinnen. Ganz ohne professionelle Textilausbildung spielen sie mit Ästhetik und wertebasiertem Konsum. Mit feinem Gespür zeigen sie Möglichkeiten der spielerischen Bekleidung von Körper jenseits von und gleichzeitig mit etablierten Schöhnheitsnormen: Welche Schnitte, Farben und Stoffe einem Körper schmeicheln, was provoziert, was strahlen lässt und was irritieren soll. Und so swiped man nun durch den Instagramfeed des Labels (@linol.and.stitch) oder schlendert an einem Stand der beiden auf einem Kreativflohmarkt vorbei und imaginiert sich selbst auf einmal in Kombinationen, die bislang noch nie im eigenen Kleiderschrank vorzufinden waren.

Eine Alternative zu Fast Fashion: Sozial und ökologisch verträglich

„Aber nicht jeder Stoff eignet sich, da achte ich schon sehr drauf“, Julie deutet auf einen durchsichtigen Korb im hinteren Regal, in dem sich ein geblümtes Muster auf robustem Stoff erahnen lässt: „Manche Stoffe sind es nicht wert, wieder in den Kreislauf eingespeist zu werden. Sie sind schon zu kaputt oder waren eh nie langlebig. Da muss ich auch aufpassen, dass meine Produkte den Preis wert sind. Ich möchte, dass die Menschen sich für nachhaltige Mode entscheiden, statt kurzlebige Ware bei Fastfashionanbietern für den gleichen oder höheren Preis zu kaufen.“

Fast Fashion, das ist die großindustrielle Produktion von Textilien im Zyklus der Modebranche; Frühjahrskollektion, Sommerkollektion, Herbst und Winter und wieder von vorne. Ein*e durchschnittliche*r EU-Bürger*in kauft 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Dabei benötigt die Produktionsweise von Fast Fashion enorme Ressourcen: Die Produktion von einem Baumwollshirt beispielsweise fordert 2.700 Liter Süßwasser – dem Trinkbedarf einer einzelnen Person in 2,5 Jahren! Die immer weiterwachsende Textilindustrie ist der weltweit drittgrößte Verschmutzer von Wasser und Flächenverbrauch und verursacht 10% der globalen Co2-Emissionen – damit mehr als Luft- und Schifffahrt zusammen. 1 Neben der ökologischen Ebene hat die Branche auch auf sozialer Ebene ein massives Nachhaltigkeitsproblem in ihren Lieferketten. Deponien im Globalen Süden, auf denen abgetragene Klamotten nach durchschnittlich einem Jahr landen, Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen sowie Konsequenzen für die lokale Wirtschaft sind nur einige der Probleme. „Man kann an unglaublich vielen Stellen der Produktionskette ansetzen“, sagt Julie Hervé, die dank ihres Studiums der Umweltwissenschaften zusätzlich zum praxisnahen Blick mit einem wissenschaftlichen Blick auf die Problematik schaut. „Die Komplexität ist unglaublich. Aber ich sehe mich eher im kreativen Bereich. So kann ich zwar nicht die Welt retten, aber immerhin Alternativen aufzeigen.“

Nachhaltige Selbstständigkeit braucht Wertschätzung und Förderung

Dass Julie und Linda Leipzig als Standort ihres Labels ausgewählt haben, liegt vor allem an den Netzwerken von Kreativen, die sich in der Stadt niedergelassen haben. Im Gebäude des Ateliers arbeiten Künstler*innen verschiedenster Sparten nebeneinander und können sich so gegenseitig inspirieren, voneinander lernen und so materielle Ressourcen wie die Nähmaschine und immaterielle Ressourcen wie das Wissen über Förderanträge oder Nähtechniken gemeinsam nutzen. So ist auch die Wahl des Standorts für das junge Label eine Frage der nachhaltigen Ressourcennutzung.

Leipzigs Gentrifizierung schreitet schnell voran, Orte wie das Atelier von Linol&Stitch werden immer weniger selbstverständlich. Es ist Aufgabe der Kulturpolitik sich für den Erhalt und die Einrichtung öffentlicher Förderungsangebote einzusetzen, damit die wertebasierte, handlungsorientierte Generation Z Leipzig weiterhin als Ort der Möglichkeiten begreift. Julies Traum ist es, von ihrem Label leben zu können. Bislang scheinen dieSterne gut zu stehen; seit Januar 2024 ist Linol und Stitch ihr Hauptfokus und sie kann erste Erfolge vorweisen: schwarze Zahlen. Außerdem besucht sie ein Existenzgründungsseminar, um ihre betriebswirtschaftliche Grundlagen zu vertiefen. Als nächstes sind Linol&Stitch auf dem Kulturkosmos in Lärz zum Fusion Festival 2024 anzutreffen.

1 https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20201208STO93327/umweltauswirkungen-von- textilproduktion-und-abfallen-infografik.

Unser*e Autor*in Astrid schreibt aus der Perspektive eines genderqueeren twentysomethings wohnhaft in Leipzig. Mit dem Hintergrund eines Kultur- und Medienwissenschaftlichen Studiums nimmt Astrid gesellschaftliche und (pop)-kulturelle Phänomene unter die Lupe, dreht und wendet sie wie ein gutes Wackelbild und sucht Verbindung im Wimmelbild des Alltags. Mit der nötigen kritischen Distanz aber auch einer kleiner Prise Idealismus seziert Astrid die Welt.