Zwischen Sex und Sex (Teil 2)

2024-04-02_mT_Website_Beitragsbild_Ursula_Sex

Sex ist nicht gleich Sex. Im zweiten Teil springt Autorin Ursula zwischen ganz individuellen Erfahrungen.

CN: Dieser Text enthält explizite Darstellungen von sexuellen Handlungen, die von einigen als gewalttätig empfunden werden könnten, sowie Szenen von Missbrauch und Themen rund um schädigende Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Körperbild und Selbstwert. Wenn du dich durch solche Inhalte gestört fühlen könntest oder unsicher bist, ob du sie verkraften kannst, denke bitte darüber nach, ob du dich gut genug fühlst und ob du jemanden hast, mit dem du darüber sprechen kannst.

A. setzt sich auf sein Gesicht. Bewegt sich vor und zurück und im Kreis, spürt seine Zunge in ihr.
Sie stöhnt, wirft ihren Kopf nach hinten, stützt sich an der Wand ab. Das ist hot, sie will ihn reiten,
seinen Kopf mit ihrem Gewicht ins Kissen drücken, richtig sein Gesicht ficken. Er packt sie an
ihrem Arsch, A. dreht sich um und sieht seinen harten Schwanz. Als sie ihn angrinst nickt er, nimmt
ihre Hand führt sie an seinen Schwanz und kommt.

„Ich kann grad nicht, es tut mir leid“ sagt T. zu ihm. Sie will ihn nah bei sich haben, sein Geruch
beruhigt sie, aber alles sexuelle geht gerade nicht. Sie ist zu traurig, zu verletzt, da ist kein Funken
Lust in ihr. Die Szene läuft stattdessen non stop in ihrem Kopf, wie er sie packt, sein Lachen, seine
fremden Hände auf ihrem Körper.

Sie werden sexualisiert, in fuckable oder nicht kategorisiert. Sie werden beschimpft, bleiben Katzen
denen zugeschnalzt wird. Das Böse und Süße wird in ihnen herauf beschworen, fetischisiert werden
sie für ihre mit Zuschreibungen überladenen Körper. Körper, die vom Rasieren bluten, sich
entzünden, zu oft gewaschen werden. Körper, die nie genug und oft zu viel, aber niemals einfach
sind.

„Und ja unser Sex war einfach super schön. Total innig und zärtlich und liebevoll fürs erste Mal.
Und dann ist er irgendwann gekommen und hat gesagt ‚Ja, also ähm ich bin gerade gekommen‘ und
ich habe gelacht und gesagt ‚ja das ist mir nicht entgangen‘ und er hat dann auch gelacht, das war
süß. Und dann meinte er sofort ‚soll ich dich noch lecken oder fingern?‘. Das fand ich mega
aufmerksam von ihm, dass er da auch meine Lust so auf m Schirm hatte.“

Wenn M. sich unsicher fühlt, dann ist es mit niemandem gut. Egal ob mit einer Frau, oder mit einem
Mann. Dann ist sie einfach verkrampft und unentspannt. Dann fühlt sie sich danach meistens eklig
und schämt sich. So als hätte sie etwas schlimmes getan, oder als hätte man ihr etwas schlimmes
angetan.

„Für manche is Sex einfach so ein riesen Ding hab ich jetzt wieder gemerkt. Ich hatte so paar
Gespräche mit Freundinnen in letzter Zeit, da ist mir wieder richtig klar geworden, dass das denen
wichtig im Leben ist, also das spielt ne richtig große Rolle für die, verstehst du? Die denken da
aktiv ganz viel drüber nach und das ist bei mir einfach gar nicht so. Gibt tausend spannendere Dinge
im Leben.“

A. hatte es den ganzen Tag nicht raus geschafft, jetzt war es fünf Uhr und schon wieder dunkel. Sie
brauchte Bewegung und frische Luft. Aber die Angst saß ihr noch zu tief in den Knochen, das wäre
nicht entspannend – gehetztes laufen mit Angst im Bauch und herum wirbelndem Kopf. In dem Fall
nur kurz Balkon heute.

„Und natürlich haben die auch nen krassen Performancedruck. Also ganz oft sind die ja auch mies
unter Stress, weil sie denken, sie müssen immer wollen und können. Und dann kommen sie
deswegen manchmal super schnell oder gar nicht. Und wenn deren Libido mal nicht so high is und
sie die Erektion nicht aufrecht erhalten können, sind wir ja leider aber auch oft verunsichert und
beziehen das auf uns.“

„Ja total. Ich wäre da ja auch verständnisvoll, aber dafür muss er halt erst mal mit mir reden und mir
erklären, was bei ihm abgeht. Sonst habe ich einfach nur das Gefühl, er zieht sein Ding durch und
meine Lust, meine Befriedigung spielt keine Rolle. Und das nervt hart und macht mich auch einfach
traurig. Außerdem muss er ja auch keine dauerhafte Erektion haben, nur um mir Pleasure zu
bereiten. Also wenn er eh gerade Sex mit mir hat, obwohl er gar nicht so doll Bock hat, sondern
weil er es schön findet mir Lust zu bereiten, dann ist es doch egal, wenn er keine Erektion hat oder
nicht kommt. Dann kann er sich doch einfach mal voll und ganz um mich kümmern. Ist schon oft
genug n ziemlich lower effort, wenn es um meine Befriedigung geht. Ich hab das Gefühl er denkt
mein Pleasure ist meine Aufgabe. Für das bin ich zuständig.“

T. dachte an den gestrigen Abend, den schmierigen Umschnall-Dildo auf ihrem Sofa. Sie war sich
nicht sicher, ob es ihm wirklich gefallen hatte. Ihr selbst hatte es richtig Spaß gemacht.

Es tut ihr so weh, tausend Nadelstiche in ihrer Brust, wenn sie ihre Lippen auf seine legt, ihn sanft
und dann immer leidenschaftlicher küsst, ihre Annäherung ganz vorsichtig wagt, ihr Becken an
seines schmiegt und er zurückweicht, ihre Hände von seinem Körper nimmt und zum gefühlt
tausendsten Mal sagt, ‚hey babe, sorry aber ich bin müde‘. M. zweifelt, fühlt sich mit jedem Mal
weniger begehrenswert. Ihr Selbstbewusstsein ist inzwischen mit Kratzern übersät. Die Blicke in
den Spiegel werden länger und inspizierender, ihre Mahlzeiten kleiner und seltener. Wann hat das
angefangen und warum? Warum verdammt nochmal genügt sie nicht.

„Bei manchen mag ichs wenn sie meine Brüste ficken, bei manchen nicht. Das hängt auch damit
zusammen, wie sehr ich die Person mag und wie attraktiv ich sie finde. Ist n bisschen wie
angespuckt werden. Bei Menschen denen ich nah bin finde ich das oft richtig gut. Aber einmal hab
ich mit so einem Dude geschlafen. Ich war noch staubtrocken und was macht er? Spuckt mir schön
auf meine Fotze. Und dann rein, raus, rein, raus. Er ist zwei mal gekommen. Zwischen drin hat er
sich darüber beschwert, dass ich zu geil bin und mein Blowjob so gut, dass er mich nochmal ficken
muss.“

Sie sitzen einander gegenüber, streichen sich mit ihren Händen gegenseitig über ihre Körper und
grinsen die jeweils andere verliebt an. Sie küsst A. und A. sagt ihr, wie schön sie sei und dass ihre
Schlüsselbeine verdammt sexy sind. Sie kennen sich schon lange, aber so haben sie einander noch
nie berührt. Deine Haut ist so weich, wie ist das überhaupt möglich sagt sie zu A.., deine Wangen
und Beine und Arme. Da kommt er zurück ins Zimmer, ein Kondom zwischen zwei Fingern, dass er
stolz in die Höhe hebt. Er hält noch im Türrahmen inne und guckt die beiden mit einem Blick voller
Zärtlichkeit und Lust an. Schmunzelnd sagt er ‚ihr liebt euch, hm?‘

„Wir haben in letzter Zeit so schönen Sex, probieren uns viel aus und lernen unsere Körper ganz
neu und unsere Lust immer besser kennen. Sich zu erkunden, Fragen zu stellen und sich Zeit zu
nehmen ist so wichtig. Ich brauch auch manchmal einfach Zeit. Vor allem finde ich es so schön,
wenn es sich langsam aufbaut. Die Lust wachsen darf, anschwellen, bis wir fast explodieren.
Manchmal muss man Landstraßen nehmen, um neues zu entdecken, anstatt immer nur Autobahn zu
fahren, um schnell und auf gewohnte Weise ans vermeintliche Ziel zu kommen. Und das Verhalten
im Bett kann ja auch total auf andere Ebenen und Formen der Kommunikation in der Beziehung
bezogen und übertragen werden. Zum Beispiel Interesse an der anderen Person zu zeigen, ihr
liebevoll und mit Respekt zu begegnen, Kompromisse einzugehen, Lust an ihrer Lust zu empfinden
und sich vor allem auf sie einzulassen und sich auch zu trauen, sich selbst fallen zu lassen.“

Es ist krank, was wir da auf uns nehmen, für Sex den wir nicht mal genießen, denkt T., während sie
die Gyn-Praxis nach ihrem Notfalltermin vollkommen geschwächt und leicht humpelnd verlässt.
Sie hat bereits natürliche Verhütung (inklusive monatlicher Angst schwanger zu sein), den Ring und
diverse Pillen ausprobiert. Nebenwirkungen gabs jedes Mal umsonst dazu. Aus unerfindlichen
Gründen schmerzt neuerdings, neben ihren Kreislaufproblemen, ihr rechtes Bein. T. setzt sich auf
den Bürgersteig und zieht ihren Notfall-Schokoriegel aus der Tasche, während sie den Kopf darüber
schüttelt, wer sich diese verdammt ungleiche Verteilung an Spaß, Schmerzen und Sorgen
ausgedacht hat.

„Ich setze mich auf ihren Oberschenkel. Beginne mich daran zu reiben, lehne mich leicht nach
vorne und schiebe meine Hand unter ihr Becken, sodass ich anfangen kann mit meinen Fingern ihre
feuchte Pussy zu stimulieren. Wir stöhnen kurz im Einklang, lachen, halten kurz inne, aber ich bin
zu geil, mache also weiter und werde direkt wieder lauter. Ich lehne mich nach vorne, sodass ich mit
meinem Kopf beinah über ihrem bin, an ihrem Ohr lecken, ihren Hals küssen und sie beißen kann.
Ich werde schneller. Sie sagt ja fick mich. Meine Hände zwischen ihren Lippen, am kreisen, mein
Mittelfinger etwas oberhalb ihrer Klit. Fuck, ja, noch drei mal fuck, ja“

Sie sind nirgendwo sicher. Sie werden gecatcallt, egal wo, wie und wann sie sich bewegen. Ihre
Körper werden ungefragt, immer wieder trotz eines Neins berührt. Manchmal in ihrem eigenen
Bett, manchmal auf der Straße, manchmal in der Schule, manchmal in der Bar. Von allen Männern.
Von jenen, die sie lieben, die sie nicht kennen, denen sie vertrauen, denen sie ausgeliefert sind, zu
denen sie aufschauen. Manchmal mit und manchmal ohne Publikum. Meistens ohne Konsequenzen,
für die Männer versteht sich – nicht für uns.

Wenn A. abschweift, gedanklich irgendwo anders ist, merkt er es ganz oft. Dann hält er inne und
sagt, „na wo bist du gerade, was ist los?“ Meistens verstummt sie dann. Und wenn sie Stopp sagt,
dann hört er sofort auf, lässt sie los, hebt manchmal seine Hände und sagt: „Alles gut, ich bin es. Ich
bin bei dir. Was brauchst du gerade?“

Ich lebe und arbeite in Leipzig und studiere Kulturwissenschaften im Master. In meiner Poesie und Prosa verarbeite ich Erlebtes, kanalisiere meine Gefühle und gebe ihnen, oft in szenischen Beschreibungen, einen Ausdruck. Eine feministische Perspektive und meine eigene Position als queere Frau liegen meinen Texten zugrunde, welche sich mit Beziehungsdynamiken, lesbischem Begehren und gesellschaftspolitischen Verhältnissen auseinandersetzen.