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Woooho! Wir freuen uns wieder einmal über einen neuen Autor auf meinTestgelände: Herzlich Willkommen, Damian! Er schreibt für uns eine Kolumne über seine „Reise von ‚Frau zu Mann‘ würde man so sagen. Je mehr du liest, desto mehr merkst du, dass es gar nicht so einfach ist. Herzlich Willkommen in meinem Testgelände-Tagebuch!“ In diesem Sinne: Los geht’s!

Hi, ich bin Damian, 24 Jahre alt und Transmann. Wenn du dich noch nie mit der Perspektive von Transpersonen befasst hast, mache ich es für dich mal ganz einfach: man könnte sagen, ich bin ein Mann, der in einem Frauenkörper geboren wurde, welcher nun mit medizinischer Hilfe zu einem männlichen Körper wird: also ein Körper, der zu meinem Innenleben passt. Natürlich ist das sehr verkürzt, aber in einem Halbsatz kann man ja auch nicht eine ganze Realität zusammenfassen.

Vor allem Trans-Sein als einen rein körperlichen Prozess zu sehen ist eigentlich total falsch. Körper sind nur immer so etwas Offensichtliches, alles unter der Oberfläche ist komplex. Vielleicht hast du ja schon mal den Satz gehört „We are born naked, the rest is drag“, also „wir sind nackt geboren, der Rest ist Verkleidung“.

Denn mit meiner körperlichen Veränderung begegnet mir die Gesellschaft jeden Tag neu, jeden Tag anders, und zeigt mir vor allem eins: Wie erfunden Geschlecht überhaupt ist!

Deswegen möchte ich dich jetzt mit auf meine Reise nehmen und dir jeden Monat etwas Neues aus meinem Leben erzählen. Bevor wir aber zu dem Punkt kommen, um den es eigentlich geht, meine Reise von der Frauen-Erfahrung zur Männer-Erfahrung in der Gesellschaft, müsst ihr erstmal verstehen, wie ich diese Welt vor der Transition wahrgenommen habe. Ich freue mich, wenn du dich darauf einlässt, die Welt einmal aus meinen Augen zu sehen. Also, die Reise geht los!

Stellen wir unsere Zeitmaschine mal auf das Jahr 1995. An einem kalten Wintermorgen wurde ich in einer halbtoten Stadt geboren. Zwischen westdeutschen Birken und Kiefernwäldern, die um das Krankenhaus herum wachsen, hält ein weinender Mann die Hand seiner vor Schmerzen stöhnenden Frau. Es dauert knapp 2 Stunden, bis sie es geschafft hat: Ich bin endlich da. Für meine Eltern ein anstrengender, aber glücklicher Moment. Ihnen hat dieser Tag ihr erstes und einziges Kind hervorgebracht, mir hat dieser Tag ein tragisches Urteil gesprochen: „Es ist ein Mädchen!“

Doch die nächsten Jahre sollten zeigen, dass dem nicht so ist.

Mit 5 Jahren war ich ein waschechter Ritter in Vollmontur. Ich kämpfte mit den Jungs die epischsten Dorfschlachten. Wir eroberten imaginäre Burgen, töteten Drachen und redeten über Mädchen. Ja klar, es gibt auch Ritterinnen, aber ich war ein Ritter.

Das erkannten damals alle, nur nicht die Erwachsenen. Weder die NachbarInnen, und erst recht nicht meine Eltern.

Kinderkörper produzieren ja noch keine Geschlechtshormone und unterscheiden sich deshalb in sekundären Geschlechtsmerkmalen auch nicht, also macht die Erwachsenenwelt das Geschlecht vor allem an Kleidung und Verhalten fest und argumentiert dies mit Genitalien. Vom Verhalten konnte ich immer easy als Junge durchgehen: stürmisch, technisch interessiert und eine starke Abneigung gegen Haarbürsten. Meine Freunde suchten mir sogar einen männlichen Namen, weil sie fanden, dass Bianca sowas von gar nicht passt. Das war ich dann, bis zur Pubertät.

Da war plötzlich allen klar: Er ist doch ein Mädchen! Allen außer mir. Heute fällt mir immer wieder auf, wie sehr ich als Kind wirklich geglaubt habe, dass ich eine männliche Pubertät kriege, und dann ein großer Mann werde. Als meine Pubertät dann einsetzte, wurde aus dem offenen Glauben nur noch ein verschwiegenes Hoffen, weil das alles war, was mir noch blieb. Dass es Transgender Personen und Hormontherapien gibt, wusste ich damals nicht. Dass man sogar meine falsche Pubertät hätte blocken können, um die richtige einzuleiten, wusste ich auch nicht.

Manchmal wünsche ich, es wäre so gewesen. Dann hätte ich zwar auch viel aushalten müssen, vor allem wenn der Psychologe schrecklich gewesen wäre, aber mein Körper wäre nicht 13 Jahre lang nur ein Klumpen aus Muskelgewebe und Knochen gewesen, der nur eine Funktion hat: mich aus der Haustür zur Pizzeria zu schieben, und wieder zurück. Fazit: Falsche Pubertät war blöd, Mitschüler noch schlimmer als die Tatsache an sich, fehlende Aufklärung das allerschlimmste.

Doch trotzdem bin ich meistens sehr froh, dass es genau so gekommen ist.

Weil mein Weg mehr ist als nur ein Leidensweg. Er ist ein Weg der Erkenntnis, eine Sicherheit in der Unsicherheit zu finden. Er ist ein Weg der Gewissheit im Ungewissen und der Weisheit in der Illusion. Ja, das ist widersprüchlich, ich weiß.

Aber diese Widersprüche habe ich nicht erfunden, sie sind in der Gesellschaft und alle leben mit ihnen, denn sie sind in ihren Köpfen selbstverständlich geworden. Sie werden gelebt, deshalb werden sie echt. Mein Weg hat diese Widersprüche aufgedeckt, und je nach dem Punkt, von dem aus ich auf sie geschaut habe, auch anders beleuchtet. Ich bin Experte am Punkt Geschlecht, am Punkt Sexismus, Homophobie (gegen Schwule und gegen Lesben), am Punkt Transphobie. Und ich habe mein Leben lang dafür gekämpft, ich selber sein zu dürfen und das gibt mir etwas, was die meisten Menschen ihr Leben lang suchen: Selbstwert. Selbstbewusstsein. Einen Grund, zu sich selber ehrlich zu sein, und zu allen Gefühlen ein Ja zu sagen, auch wenn das nicht immer leicht fällt.

Also los, reisen wir von 2009 ins Jahr 2014. Mein 18 jähriges Ich ist verkleidet als hübsche Frau. Braune, glatte Haare bis zum Hüftknochen, dezenten Rouge, und die blauen Augen betont mit silbernem Eyeliner. Aus heutiger Sicht würde ich fast schon sagen, dass ich im Schminken alle Skills hatte, die eine Drag Queen braucht. Nur dass Drag Queens sich über weibliche Performance immer wieder selbst befreien. Und ich musste mich immer wieder selbst verstecken, weil es da immer noch nichts gab.

Ich versteckte aber nicht nur den Mann, der ich wirklich war, sondern auch alles an meinem Weiblichen Körper was nicht in die Schönheitsnorm passte. Ich war nicht dick_fett, aber in meiner ersten Pubertät nahm ich rasant an der Hüfte und den Brüsten zu, deswegen hatte ich dort lange, breite Dehnungsstreifen, die damals sogar noch Rot, Blau und Lila waren. Wenn ich abends mal ausging, überschminkte ich sie mit Make-Up. Ich schämte mich oft für meinen Körper. Aber nie nur weil ich nicht ganz in die Rolle passte und z.T. von der Norm abwich, sondern auch immer auf eine viel tiefere Art und Weise in meinem Innenleben, die ich mir lange nicht erklären konnte.

Es gab einfach keinen Bezug mehr zu meinem Körper. Er war nicht für mich, sondern für andere da. Bis zu meinem 16. Lebensjahr für cismänner. Dann hatte ich mein Lesbisches Outing. Ab da an war er nur noch für cisfrauen da.

Ja, es war so scheiße wie es klingt. Nur, dass sich damals nicht überregionale Plenakreise anfingen zu kloppen, ob ich als Mann noch bei Feministischen Streiks dabei sein darf, sobald ich auch nur einen Fuß in den Raum setze.

Bei allem, was ich erfahren habe, weiß ich mehr über Männlichkeit, Weiblichkeit, die Erfundenheit von Geschlechtern und vor allem die Aufgaben von Feminismus als weiße cisfrauen oder weiße cismänner. Du findest, ich habe mit dieser Behauptung weit ausgeholt? Dann begleite mich weiter, den das ist erst der Anfang der Geschichte.

Mehr dazu:

Hi, ich bin Damian - einer von vielen weißen, westdeutschen Transmännern, die erst nach der Wende auf diese zynische Welt kamen. Ich benutze Sprache als Ventil um einen Ausdruck zu finden, und als Mittel, mich selber und meine Umgebung zu reflektieren. Vor allem auf meinem Trans-Weg, von einer weiblichen Zuschreibung hin zu einer männlichen Zuschreibung, verrät mir das Aufschreiben und drüber-nachdenken sehr viel über eine Welt, die von sich selbst behauptet, simpel zu sein. Aber je genauer man hinsieht, desto komplizierter wird es. Und genau das ist sowohl Verzweiflung als auch antrieb - beobachten, infrage stellen, weiterdenken. Hier schreibe ich eine 1-jährige Kolumne über meine Reise von „Frau zu Mann“ würde man so sagen. Je mehr du liest, desto mehr merkst du, dass es gar nicht so einfach ist. Herzlich Willkommen in meinem Testgelände-Tagebuch!

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