„Also eine*r muss hier ja mal die Wahrheit sagen !!11!1“

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Hate Speech – den Begriff habt ihr sicherlich alle schon einmal gehört. Wir freuen uns, dass Veronika Rieger sich die Zeit genommen hat, mal so richtig ausführlich aufzuschreiben, worum es da überhaupt geht. Was ist Hate Speech, was kann man dagegen tun – und was ist denn eigentlich mit der Meinungsfreiheit? Lest ihren Text und erfahrt, „was Trolle, Angeln und Hass im Netz miteinander zu tun haben“.

Unter Zeitungsartikeln, Youtube-Videos, auf Snapchat und Instagram, überall dort im Netz, wo Menschen sich verbinden und ihre Inhalte miteinander teilen, hat es sich eingeschlichen. Unter dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ und „eine*r muss hier ja mal die Wahrheit sagen!!1!!11“ verbreiten Menschen Hass-Botschaften. Das Phänomen hat einen Namen: Hate Speech. 

Was ist Hate Speech?

Hate Speech beschreibt das Verhalten, bei dem Worte und Bilder als Waffen verwendet werden, um Einzelpersonen und Personengruppen abzuwerten, anzugreifen und zu Hass oder Gewalt gegen sie aufgerufen wird.

Das Besondere an Hass im Netz ist, dass er organisiert ist. Personen organisieren sich um als „Trolle“ gezielt und organisiert Hass-Inhalte zu verbreiten und die Kommunikation im Internet aufzustacheln und zu stören.

Der Begriff „Troll“ kommt allerdings nicht von dem unschönen und dümmlichen Fabelwesen (auch wenn diese Beschreibung noch so gut passt), sondern von dem Fischerei-Ausdruck „trolling with bait“, der eine Angeltechnik beschreibt, bei der man Köder langsam durch ein Gewässer zieht, bis angebissen wird.
Trolle locken mit ihren Aussagen andere Menschen also bewusst durch Provokation an und stören so die eigentliche Unterhaltung.
Durch organisiertes Trollen versuchen Menschen auf diese Art strukturiert
politische Ideologie zu verbreiten und Stimmung gegen Personengruppen in der Gesellschaft zu entfachen.

Gegen wen richtet sich Hate Speech?

Von Hate Speech können einzelne Menschen, aber auch Personengruppen betroffen sein,die abgewertet werden. Doch Hassrede trifft nicht alle Menschen gleich stark.

Durch eine Umfrage des Europarats fand man heraus, dass Hate Speech sich besonders oft gegen LGBTIQ*-Personen, sowie Menschen muslimischen Glaubens und Frauen richtet, wodurch deutlich wird, dass sich in Hate Speech die Diskriminierung der Gesellschaft fortsetzt.

Hass im Netz drückt sich z.B. durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (Diskriminierung aufgrund der Abstammung), Antisemitismus und Antimuslimischen Rassismus (Diskriminierung von Gläubigen des Judentums und Islams), Sexismus (Diskriminierung aufgrund des Geschlechts), Homo- und Transphobie (Diskriminierung aufgrund der geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung), Ableismus(Behindertenfeindlichkeit), und Klassismus (Vorurteile aufgrund der sozialen Herkunft) und weitere Diskriminierungsformen aus.

Oft sind die verwendeten Formen der Abwertung und des Hasses nicht klar abzugrenzen, sondern eng miteinander verbunden, Menschen können also auch mehrfach wegen der Zugehörigkeit zu mehreren Personengruppen diskriminiert werden.
Betroffene von Hassrede können auch Menschen sein, die selbst nicht einer der genannten Gruppen zugeordnet werden, sich aber on- und offline gegen  Menschenfeindlichkeit engagieren.

Und was ist mit der Meinungsfreiheit?

In Deutschland wie vielen anderen Ländern herrscht Meinungs- und Pressefreiheit. Aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, die Freiheit zu haben, alles zu sagen, was möglich ist.  Der Angriff und das Abwerten der Würde eines anderen Menschen nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.
Jemanden zu bedrohen, zu beleidigen, ihm etwas unwahres, rufschädigendes zu unterstellen, andere Menschen zu Straftaten aufzufordern oder andere Menschen zu Hass gegen Personengruppen zu verhetzen ist strafbar. Das gilt auch schon für Jugendliche ab 14 Jahren.

Wie kann Hate Speech aussehen?

Hass im Netz ist einfach gestrickt, denn er bedient sich immer ähnlichen Mustern.
Wenn wir uns die Aussagen im Netz ansehen, erkennen wir z.B. folgende Kategorien:

Bewusste Verbreitung uninformierter oder falscher Aussagen (z.B. An der Tafel gibt es kein Essen mehr für arme Menschen, nur noch für Geflüchtete.“),
Verallgemeinerung („Alle Polen klauen.“),
Herabwürdigende Begriffe („Schwuchtel“),
Befürwortung von / Aufruf zu sexualisierter Gewalt: („Die Fotze müsste mal ordentlich gefickt werden.“)
Bedienen von Stereotypen durch in der Gesellschaft verbreitete Sprachmuster („Islamisierung des Abendlandes“),
Die-gegen-wir-Rhetorik („Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“),
Befürwortung von / Aufruf zu Gewalttaten („Merkel müsste man steinigen.“).

Wenn man sich die Struktur von Hate Speech einmal vor Augen führt, wird schnell deutlich, wie viele der Aussagen im Internet darunter einzuordnen sind. Das uns schnell weitere Beispiele für die Muster der Hass-Aussagen einfallen, ist nicht verwunderlich, 96% der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland geben an schon Hass im Netz erlebt und gesehen haben. Das zeigt eine Umfrage der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.

Warum ist Hate Speech gefährlich?

Der Satz „Füttere nicht den Troll“, also „Lass dich vom Troll nicht provozieren.“ ist fester Bestandteil des Lebens im Netz, und sich nicht provozieren lassen ist grundsätzlich immer eine gute Idee. Aber sollten wir Hate Speech einfach unkommentiert stehen lassen, um den Troll so auszuhungern?

Wenn wir regelmäßig im Internet mit Hass-Botschaften und menschenfeindlichen Äußerungen umgeben sind, kann das dazu führen, dass sich aus den Hass-Botschaften ein gesellschaftliches Klima entwickelt, in dem Abwertung, Gewalt und Diskriminierung gegen bestimmte Gruppen als normal und gerechtfertigt erscheinen.
Auch wenn der Hass „nur“ im Internet steht, so ist er trotzdem real und greift in die analoge Welt über, denn das gesellschaftliche Klima, das im Netz erschaffen wird, ist der perfekte Nährboden für reale Gewalttaten.

Wenn wir also den Troll einfach nicht füttern und nicht auf seine Provokation eingehen, lassen wir zu, dass die von ihm ausgehenden Hassbotschaften das Meinungsbild im Netz prägen und verzerren. Wenn die Mehrheit, die diese Hass-Aussagen nicht okay findet, schweigt, ermöglichen wir der Minderheit der Hater, dass ihre Meinung als viel verbreiteter und akzeptierter wahrgenommen wird als sie ist.

Aber wir können handeln und so das gesellschaftliche Klima on- und offline mitgestalten! Schon jetzt engagieren sich immer mehr Menschen gegen Hasskommentare, melden diese in den jeweiligen Netzwerken und geben Kontra. Das Internet ist eine Möglichkeit sich zu verbinden und etwas miteinander zu teilen. Hass hat dort, wie in unserer Gesellschaft, nicht zu suchen.

Mehr dazu:

Ich bin Veronika Rieger und bin Poetry Slammerin und Theologiestudentin. Weil ich Themen wie Identität, Gerechtigkeit, Kunst, ich sein und anders sein für besonders spannend und wichtig halte und mir einen breiteren Dialog über diese Themen wünsche, schreibe ich darüber bei meinTestgelände.

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